Davos: Die Welt wird immer ungerechter

Das jährliche Treffen des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos startet heute. [Shutterstock]

Der Wohlstand von Milliardären stieg 2018 um 2,5 Milliarden Dollar – pro Tag. Das Vermögen der 3,8 Milliarden ärmsten Menschen der Welt ging hingegen um elf Prozent zurück, so ein Bericht, den Oxfam anlässlich der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos veröffentlichte.

Laut dem am heutigen Montag publizierten Bericht „Public Good or Private Wealth?“ gehörten dem reichsten Prozent der Weltbevölkerung 45,6 Prozent des im Jahr 2018 geschaffenen Vermögens, gegenüber 42,3 Prozent im Vorjahr. Im Jahr 2018 besaßen 26 Menschen somit genauso viel wie die 3,8 Milliarden, die die ärmste Hälfte der Menschheit ausmachen. Im Vorjahr waren es noch 43 Personen gewesen.

Ein Oxfam-Sprecher betonte auf Nachfrage von EURACTIV, dass sich die genauen Zahlen zwar von Jahr zu Jahr ändern können, der längerfristige Trend in den letzten zehn Jahren jedoch klar darin bestand, dass sich die globale Vermögensungleichheit kontinuierlich erhöht.

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„Zum Beispiel schwankt das Vermögen von Milliardären von Woche zu Woche und von Monat zu Monat – aber in den vergangenen zehn Jahren ist ihr Vermögen um durchschnittlich elf Prozent pro Jahr gewachsen. Und: Die Zahl der Milliardäre hat sich seit der Finanzkrise vor zehn Jahren verdoppelt,“ so der Sprecher.

Er fügte hinzu: „Eine winzige Gruppe von Menschen, meist Männer, besitzt eine unglaubliche Menge an Reichtum, fast so viel wie die arme Hälfte der Menschheit zusammen. Dieses Maß an Ungleichheit ist weder akzeptabel noch nachhaltig.“

Reichensport Steuernsparen

Dass die Vermögen der Superreichen der Welt auf Rekordniveau angewachsen sind, liegt an der beispiellosen Steuervermeidung, heißt es im Bericht. „Die Spitzensteuersätze für die wohlhabendsten Menschen und Unternehmen sind so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Global würden lediglich vier Cent pro Dollar Steuereinnahmen aus Vermögenssteuern stammen.

„In den reichen Ländern sank der durchschnittliche Einkommenssteuer-Spitzensatz von 62 Prozent im Jahr 1970 auf 38 Prozent im Jahr 2013. In den Entwicklungsländern liegt der durchschnittliche Höchstsatz der Einkommensteuer bei 28 Prozent. Und in einigen Ländern wie Brasilien und Großbritannien zahlen die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen einen höheren Anteil ihres Einkommens an Steuern als die reichsten zehn Prozent,“ so Oxfam weiter.

Darüber hinaus versteckten die Reichsten der Welt insgesamt 7,6 Billionen Dollar vor den Steuerbehörden, während globale Konzerne noch weitaus größere Summen verschleiern. Zusammengenommen gehen den Entwicklungsländern dadurch rund 170 Milliarden Dollar pro Jahr an Steuereinnahmen verloren, schätzt Oxfam.

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Frauen und Kinder besonders betroffen

Ungleichheit ist nicht naturgegeben und unvermeidlich; sie ist eine politische Entscheidung, argumentiert Oxfam in seinem Bericht. Die NGO fordert daher konkrete Schritte und schlägt vor, dass die reichsten Menschen der Erde eine zusätzliche Steuer von 0,5 Prozent auf ihr Gesamtvermögen zahlen sollten.

Dies würde bereits mehr Geld einbringen, als es kosten würde, 262 Millionen Kinder eine Schulbildung zu ermöglichen sowie Gesundheitsversorgung bereitzustellen, die das Leben von 3,3 Millionen Menschen retten würde. Das zusätzliche Geld könne den unterfinanzierten öffentlichen Sektor unterstützen und kostenlose öffentliche Dienste bereitstellen, so die Organisation.

„Die Ungleichheit bleibt eines der weltweit am häufigsten auftretenden Probleme. Die Bereitstellung universeller öffentlicher Dienste ist ein bewährter Weg, um sie zu bewältigen,“ heißt es im Bericht. Öffentliche Dienste wie Bildung und Gesundheit seien eine „beispiellose Macht“ bei der Bekämpfung von Armut, Ungleichheiten und Geschlechterungerechtigkeit.

Tatsächlich tragen vor allem Frauen und Kinder die Hauptlast. Sie hätten einen besonders hohen Bedarf an Leistungen, faktisch aber am wenigsten Zugang zu entsprechenden finanziellen Ressourcen.

Im Bericht heißt es dazu unter anderem: „Wenn die gesamte unbezahlte Pflegearbeit von Frauen auf der ganzen Welt von einem einzigen Unternehmen geleistet würde, dann hätte es einen Jahresumsatz von zehn Billionen Dollar. Das ist 43 mal mehr als Apple aktuell hat.“

Noch zwei Jahrhunderte bis zur Geschlechtergleichheit

Bei der aktuellen Geschwindigkeit der Verringerung von Unterschieden würde es noch 202 Jahre dauern, bis wirtschaftliche Parität zwischen Frauen und Männern erreicht wird.

Weiter wird betont: „Die meisten reichen Menschen der Welt sind Männer. Weltweit verdienen Frauen 23 Prozent weniger als Männer, und Männer besitzen 50 Prozent mehr des Gesamtvermögens als Frauen. Am schwerwiegendsten ist dabei, dass unser wirtschaftlicher Wohlstand abhängig ist vom großen, aber [finanziell] nicht anerkannten Beitrag, den Frauen durch unbezahlte Pflegearbeit leisten.“

Kaum Aufstiegschancen

In einer am Sonntag vom Weltwirtschaftsforum veröffentlichten Studie erklärt eine große Mehrheit der Befragten, sie seien der Meinung, dass Aufstiegschancen grundsätzlich rar gesät sind. Die Staatsregierungen der Welt täten nicht genug, um den Menschen ausreichend Chancen zu bieten.

Diese Ergebnisse scheinen die dem Bericht von Oxfam zugrunde liegende Idee zu bestärken, dass die globale Ungleichheit zunimmt und die Regierungen dieses Problem aggressiver als bisher angehen sollten.

Dabei gibt es allerdings regionale Unterschiede bei der Einschätzung, inwiefern multilaterale Zusammenarbeit dazu beitragen kann: „Während die meisten Menschen immer noch an die Stärke der internationalen Zusammenarbeit glauben, teilen sie eine viel weniger positive Sicht auf ihr eigenes Land, wenn es um den sozialen Fortschritt geht,“ heißt es im Bericht.

Dabei ist Westeuropa eine Region, in der die internationale Zusammenarbeit wenig Unterstützung findet. Während ein globaler Durchschnitt von 76 Prozent angab, dass es entweder „äußerst wichtig“ oder „sehr wichtig“ sei, dass die Staaten auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, stimmten nur 61 Prozent der Westeuropäer dem zu – verglichen mit 70 Prozent der Nordamerikaner und 88 Prozent der Bürger in Südasien und in Subsahara-Afrika.

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