Das sind die größten Krisenregionen im Jahr 2021

In Afghanistan ist noch kein endgültiger Friede in Sicht. [HEDAYATULLAH AMID/EPA]

Mali, Ostukraine, Naher Osten, Afghanistan und Südchinesisches Meer: Fünf Weltgegenden, in denen die Lage dieses Jahr eskalieren könnte.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel.

Die Corona-Pandemie hat viele Krisen auf der Welt überlagert, aber nicht gelöst. Diese Konflikte werden uns auch 2021 weiter beschäftigen:

Iran gegen Saudi-Arabien – Wettrüsten am Golf

Der 14. September 2019 war für Saudi-Arabien ein schockierender Tag – und ein schmachvoller. Am Morgen trafen Drohnen und Marschflugkörper zwei der wichtigsten Ölanlagen des Golfstaates. Für die Herrscher in Riad stand sofort fest, wer hinter dem Angriff aus dem benachbarten Jemen steckt: der Erzfeind Iran.

Doch abwehren konnten sie die Attacke nicht – trotz der Milliarden, die sie Jahr für Jahr ins Militär investieren. Zudem verzichtete Donald Trump als Verbündeter trotz aller Drohungen auf einen Gegenschlag. Wie selten zuvor war die iranische Stärke deutlich geworden – und die saudische Schwäche. Seitdem ist der Dauerkonflikt zwischen dem sunnitischen Königreich und dem schiitischen Gottesstaat in eine hochbrisante neue Phase getreten.

Die Kriegsgefahr hat sich deutlich erhöht. Experte Guido Steinberg nennt in seinem kenntnisreichen Buch „Krieg am Golf“ das Kräftemessen beider Länder den „Kernkonflikt“ des Nahen Ostens.

Saudi-Arabien und der Iran sind seit mehr als 40 Jahren erbitterte Kontrahenten. Die Wüstenmonarchie sieht in der Islamischen Republik nicht nur einen Gegner im Wettstreit um die Macht in der Region, sondern auch eine Bedrohung der eigenen Sicherheit. Vor allem Teherans Streben nach einer Atombombe bereitet der saudischen Elite schlaflose Nächte. Und die Furcht davor dürfte mit Joe Bidens Amtsantritt nochmals größer werden.

Der künftige US-Präsident will das Nuklearabkommen mit dem Iran wiederbeleben – sehr zum Missfallen Saudi-Arabiens. Die Golfmonarchie traut dem Iran nicht über den Weg. Deshalb schließen Beobachter nicht aus, dass ein neues Wettrüsten beginnen könnte, auch atomar. Vor Kurzem erklärte Adel al Dschubair als saudischer Staatsminister für Auswärtiges, die nukleare Bewaffnung sei für sein Land „eine Option“.

Julian Assange: Gefeiert und verteufelt

Im Prozess gegen Julian Assange entscheidet sich, ob dieser in die USA ausgeliefert wird. Doch die Solidarität mit dem Wikileaks-Gründer ist begrenzt. Der gefeierte Enthüller hat sich etliche Sympathien verspielt.

Afghanistan – trostloser Frieden

Viele Jahre haben die Taliban gebombt und gemordet, um wieder die Macht in Afghanistan zu übernehmen – nun könnten die militanten Islamisten am Ziel sein. Den Weg hat ihnen mehr oder weniger Donald Trump bereitet. Seine Regierung unterzeichnete im Februar ein Abkommen mit den Taliban über einen Abzug der amerikanischen Truppen.

Im Gegenzug erklärten sich die Kämpfer bereit, Friedensgespräche mit der international anerkannten Regierung in Kabul aufzunehmen. Heute sind kaum noch 5000 US-Soldaten am Hindukusch stationiert, am Ende sollen 2500 im Land bleiben. Ob Trumps Nachfolger Joe Biden das rückgängig macht, gilt zumindest als sehr fraglich.

Letztendlich könnte Amerikas Rückzug dazu führen, dass die Sicherheit der Nato- und knapp 1800 Bundeswehrsoldaten nicht mehr gewährleistet ist. Die Gewalt ist schon längst wieder allgegenwärtig. Statt endlich Ruhe gibt es fast täglich Anschläge der Taliban. Die Friedensgespräche kommen nicht voran, ein Waffenstillstand scheint in weiter Ferne. Inzwischen herrschen die Islamisten über weite Teile Afghanistans. Beobachter gehen davon aus, dass die Taliban fest entschlossen sind, das ganze Land zu regieren – Scharia inklusive. Und die Führung in Kabul hat dem nichts entgegenzusetzen. Am Ende könnte ein Frieden von Gnaden der Taliban stehen. Für die wenigen hart erkämpften Freiheits- und Frauenrechte wäre das eine schlechte Nachricht.

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Mali – der Terror der Islamisten

Trotz des Einsatzes der Bundeswehr und vor allem der französischen Soldaten der Anti-Terror-Mission „Barkhane“ gehört Mali zu den Staaten der Sahel-Zone, in denen sich die Islamisten festgesetzt haben. Im Jahr 2020 litt die Bevölkerung dort besonders unter deren Terror. Nach Angaben der US-Denkfabrik „Africa Center for Strategic Studies“ (ACSS) waren Dschihadisten im vergangenen Jahr in den Ländern der Sahel-Zone für den Tod von rund 4250 Menschen verantwortlich. Dies entspricht den Angaben zufolge gegenüber dem Jahr 2019 einem Anstieg von 60 Prozent.

In Mali zeichnet sich daher auch kein Ende des französischen Einsatzes ab, an dem derzeit 5100 Soldaten beteiligt sind. Acht Jahre nach dem Beginn des französischen Engagements in dem westafrikanischen Land deutet sich allerdings eine leichte Reduzierung der Zahl der Einsatzkräfte an. 2020 hatte Frankreich 600 zusätzliche Soldaten in die Region geschickt.

Nachdem sich Ende Dezember und Anfang Januar mit dem Tod von fünf französischen Soldaten in der Region Hombori im Norden Malis und in der östlichen Region Menaka die Zahl der seit 2013 in der Sahel-Zone Gefallenen auf 49 erhöht hat, wird in Frankreich wieder verstärkt darüber diskutiert, die sogenannten G-5-Länder noch weiter am Anti-Terror-Kampf zu beteiligen. Die betreffenden Staaten – Mali, Niger, Tschad, Burkina Faso und Mauretanien – waren im Januar 2020 bei einem Gipfeltreffen im südwestfranzösischen Pau vertreten gewesen. Damals hatten sich Frankreich und die G-5-Staaten auf eine „Koalition für das Sahelgebiet“ verständigt. Das Bündnis richtet sich vor allem gegen die Terrorgruppe „Islamischer Staat Große Sahara“, ein Ableger der Dschihadistenmiliz IS.

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Ostukraine – unter dem Radar

Kaum jemand redete in den vergangenen Monaten über einen Krieg in Europa: den im Osten der Ukraine. Der vor einer OSZE-Mission beobachtete Waffenstillstand hält einigermaßen – das scheint allen zu genügen. Das Jahr 2020 hatte noch mit einigen Hoffnungen begonnen. Im Rahmen des sogenannten NormandieFormats, an dem die Ukraine, Russland, Deutschland und Frankreich beteiligt sind, war im Dezember 2019 unter anderem ein Austausch von Gefangenen zwischen der Ukraine und Russland vereinbart worden, der auch tatsächlich verwirklicht wurde. Danach jedoch passierte nichts mehr.

Vor allem Russland erweckt den Anschein, als hätte es das Interesse an der Ukraine verloren. Bezeichnend dafür die vielstündige Pressekonferenz, die Russlands Präsident Wladimir Putin traditionell zum Jahresende gab. Die Ostukraine kam darin fast gar nicht mehr vor. Das ist wenig verwunderlich, denn für Moskau rückten im Jahr 2020 andere Staaten und andere Konflikte in den Fokus: Belarus, Armenien und Aserbaidschan sowie bisher kaum beachtet Moldau.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenski hatte bei seiner Wahl 2019 den Frieden im Osten seines Landes in den Mittelpunkt seines Programms gestellt. Dabei ist er keinen Schritt vorangekommen, auch weil Deutschland und Frankreich 2020 als Vermittler ausfielen. Beiden Ländern waren mit Corona-Pandemie und dem Brexit vollauf beschäftigt.

In Kiew hofft man für 2021, dass Washington wieder zum Partner wird und Druck auf Moskau ausübt. Auch Putin könnte ein Interesse daran haben, dass wieder Bewegung in den Prozess der Konfliktlösung kommt. Den drei Jahrzehnte lang eingefrorenen armenisch-aserbaidschanischen Krieg um Berg-Karabach hat Moskau nur mit großer Mühe unter Kontrolle gebracht. Ein Aufflammen in der Ostukraine kann sich Putin nicht wünschen.

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Südchinesisches Meer – Pekings Anspruch

Das Südchinesische Meer ist eine der wichtigsten Regionen für die Weltwirtschaft. Rund ein Drittel des Welthandels fließt durch diese Gewässer. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden sie konkurrenzlos von der US-Marine beherrscht. Seit 2014 hat aber China auf unbewohnten Inseln systematisch Militärbasen errichtet.

An strategisch wichtigen Punkten wurden sogar künstliche Inseln aufgeschüttet und mit Landebahnen und Waffensystemen ausgerüstet. Das chinesische Stützpunktnetz umfasst inzwischen eine Fläche von mehr als drei Millionen Quadratkilometern, für die Peking territoriale Souveränität beansprucht.

Mindestens sieben Länder sehen diese Ansprüche mit großer Sorge: Taiwan, Vietnam, Malaysia, Indonesien, Brunei, die Philippinen und Japan. Dass diese Sorgen berechtigt sind, zeigte sich im Sommer. Da versenkte die chinesische Küstenwache ein vietnamesisches Fischereischiff. Peking ließ zudem in der Region Militärmanöver abhalten, was in Taiwan, das im Norden an das Südchinesische Meer grenzt, die Ängste vor einer Invasion aufleben ließ.

Anders als 1949, als sich Taiwan von der Volksrepublik löste, verfügt Peking nun über eine Marine, mit der sich eine Intervention realisieren ließe – wenn die Amerikaner ihre Sicherheitsgarantien aufgeben würden. Die USA scheinen allerdings nicht gewillt, sich zurückzuziehen.

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