Das Dilemma der europäischen Entwicklungshilfe nach dem Oxfam-Skandal

Das Krankenhaus Dajabon in der Dominikanischen Republik wird durch humanitäre Hilfe der EU unterstützt. [European Commission/ DG ECHO/ Maxence Bradley]

Die EU-Entwicklungshilfe für den Gesundheitssektor in der Dominikanischen Republik könnte nach dem Oxfam-Skandal im benachbarten Haiti in Frage gestellt werden. EURACTIV Frankreich berichtet.

Im Ramon-Matias-Mella-Krankenhaus in Dajabon, einer kleinen Stadt im Norden der Dominikanischen Republik, nahe der Grenze zu Haiti, ist die medizinische Versorgung vor allem auf Projekte internationaler Geldgeber angewiesen.

Diese Projekte erstrecken sich meist über mehrere Jahre und bauen auf die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern – in diesem Fall dem Gesundheitsministerium der Dominikanischen Republik. Mit diesem Ansatz soll den ärmsten Gebieten des Landes, insbesondere an der Grenze zu Haiti, Priorität eingeräumt werden.

Nach den Hurricanes im September 2017 und den Dürren durch El Nino befürchtet man nun „the big one“ – ein massives Erdbeben, das die Seismologen für den Norden des Landes voraussagen und das wahrscheinlich einen großen Tsunami auslösen wird, der die touristische Infrastruktur im Osten und Süden des Landes weitgehend zerstören könnte.

Das Ramon-Matias-Mella-Krankenhaus in Dajabon [European Commission/DG ECHO/ Maxence Bradley]

„Wir können die Modernisierung unserer Krankenhäuser nicht selbst finanzieren. Wir müssen Mittel im Ausland finden,“ erklärt Dr. Jose Luis Cruz Raposo, verantwortlich für das Risikomanagement im Gesundheitsministerium der Dominikanischen Republik.

Das Programm Safe Hospitals (Sichere Krankenhäuser), ein von der Europäischen Kommission (Generaldirektion ECHO) finanziertes und später von der spanischen Entwicklungsagentur AECID geführtes WHO-Projekt zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit von Krankenhäusern bei Naturkatastrophen, ist vor zwei Jahren ausgelaufen.

Die Logos der Weltgesundheitsorganisation und der EU sind in Dajabon inzwischen verschwunden. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit bleibt jedoch bestehen: Gerade die Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten, die sich die Insel teilen, hat oberste Priorität für die internationalen Geber, die auch hoffen, dass durch Handel die Entwicklung der Länder gefördert werden kann.

So kompensiert das dominikanische Krankenhaus in Dajabon beispielsweise den Mangel auf der anderen Seite der Grenze: Die medizinische Versorgung ist unabhängig von der Nationalität des Patienten kostenlos; haitianische Frauen stehen für 80 Prozent der Geburten im dominikanischen Hospital. Ohne diese Institution müssten diese Frauen vier Stunden fahren, um das nächste Krankenhaus auf ihrer Seite der Grenze zu erreichen.

Trotz einer Kapazität von nur wenigen Betten behandelt das Krankenhaus auch Verkehrsunfälle, Dengue- und Malariafälle sowie 403 HIV-positive Patienten, von denen sich ein Drittel einer antiretroviralen Behandlung unterzieht. Die Ausbildung des Personals und die Einbeziehung der gesamten lokalen Bevölkerung im Rahmen des Hilfsprogramms haben es dem kleinen Krankenhaus ermöglicht, sich im Falle einer Naturkatastrophe besser zu organisieren.

„In der Notaufnahme werden die Patienten beispielsweise nach Dringlichkeit klassifiziert: Ein rotes Etikett ist ein lebenswichtiger Notfall, gelb oder grün bedeutet, dass sie warten können – und schwarz bedeutet, dass der Patient gestorben ist,“ fasst Gregorio Gutiérrez vom Gesundheitsministerium zusammen.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit als Priorität

Etwa zwanzig bis dreißig Meter vom Krankenhaus entfernt verläuft der Fluss Dajabon – trotz seines schlammigen Wassers sowohl ein Waschhaus unter freiem Himmel als auch eine sehr durchlässige Grenze.

Der Grenzfluss Dajabon zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik [European Commission/DG ECHO/ Maxence Bradley]

Mehr als die Hälfte der Dominikaner und drei Viertel der Haitianer haben keinen Zugang zu fließendem Wasser und sanitären Einrichtungen, was die Ausbreitung von Infektionskrankheiten begünstigt. Nach dem Erdbeben 2011 breitete sich die Cholera in Haiti und weit über die Grenze hinaus aus.

Etwas weiter südlich der Provinz Monte-Cristi behandelt das Regionalkrankenhaus Mao immer mehr Leptospirosefälle, eine Krankheit, die von Ratten übertragen wird (und deren Häufigkeit aufgrund der globalen Erwärmung zugenommen hat).

Auch dieses Hospital hat vom Programm Sichere Krankenhäuser profitiert, mit dem es seine Belastbarkeit und Widerstandskraft verbessern konnte: „Früher hatten wir Probleme mit den sanitären Anlagen. Nun haben wir die Sanitäranlagen erneuert, eine Klimaanlage installiert und die Patientenaufnahme neu gestaltet,“ erklärt Aristides Bernard, der Direktor des Krankenhauses.

Das Regionalkrankenhaus Mao. [European Commission/DG ECHO/ Maxence Bradley]

Von den 110 Patienten, die hier täglich behandelt werden, kommen 17 Prozent aus Haiti, obwohl die Einrichtung 60 km von der Grenze entfernt liegt.

Die meisten Notfälle sind auf Motorradunfälle zurückzuführen, so dass das Krankenhaus nun über einen speziellen Bereich für diese Patienten verfügt. Die Renovierung ermöglichte auch den Bau eines speziellen Gebäudes für AIDS-Patienten. Von ihnen werden derzeit rund 1.500 betreut.

Die Bedeutung internationaler Institutionen und NGOs

Die humanitäre Hilfe aus Europa in Höhe von 2 Milliarden Euro pro Jahr basiert zur Hälfte auf internationalen und nationalen Institutionen und zur anderen Hälfte auf NGOs. „Diese Organisationen sind wichtige Akteure vor Ort, ohne die wir nichts tun könnten,“ unterstreicht Hilaire Avirl, die für die Kommunikation der Kommissions-Generaldirektion ECHO für Südamerika zuständig ist.

Doch ein Teil dieser Mittel ist nun in der Dominikanischen Republik gefährdet: Bisher war Oxfam der wichtigste Partner der humanitären Hilfe der EU. Die NGO konzentriert sich auf die Verhütung und Bewältigung von Katastrophen und Klimarisiken.

Das Nachbarland Haiti hat allerdings bereits beschlossen, die Beziehungen zu Oxfam abzubrechen, nachdem Mitglieder der NGO Fälle von sexueller Ausbeutung in ihren eigenen Reihen in Haiti aufgedeckt hatten. In der Dominikanischen Republik und anderswo überdenkt die EU als wichtigste Geberinstitution nun ihre künftigen Beziehungen zu dieser Organisation und anderen, die möglicherweise vom gleichen Problem betroffen sind.

Sex-Skandal in Haiti: Oxfam trifft britische Entwicklungsministerin

In den Skandal um sexuelle Ausbeutung durch Oxfam-Mitarbeiter in Haiti hat sich die britische Regierung eingeschaltet.

„Das Problem ist, dass Oxfam uns nicht rechtzeitig vor Fällen sexueller Ausbeutung gewarnt hat,“ so Gianluca Grippa, Leiter der EU-Delegation in der Dominikanischen Republik.

Aber angesichts der Not und der realen Risiken für die Bevölkerung in der Karibik sieht sich der Entwicklungssektor veranlasst, die NGO zu verteidigen: „Wir sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: Es ist wichtig, unser (wachsames) Vertrauen in einen so wichtigen Akteur wie Oxfam zu erneuern,“ schrieb Gaël Giraud, Chefökonom der französischen Entwicklungsagentur, auf Twitter.

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