„Dank“ Klimawandel: Die Arktis wird zum geopolitischen Hotspot

"In den vergangenen Jahren hat Russland seine militärische Präsenz in der Arktis verstärkt," so ein NATO-Beamter. [Shutterstock]

Das Eis in der Arktis schmilzt. Und so eröffnet sich im Hohen Norden Europas plötzlich ein neuer Ozean, mit neuen Handelsrouten und bisher ungenutzten natürlichen Ressourcen. Die Zukunft der Region liegt im Spannungsfeld zwischen Kooperation und Militarisierung.

Bereits 2030 könnte der Arktische Ozean im Sommer weitgehend eisfrei sein, schätzt das Arctic Monitoring and Assessment Program des Arktischen Rates. Und während der Klimawandel die Eisschelfe jedes Jahr ein wenig weiter nach Norden treibt, wird auch das Wetteifern um territoriale Ansprüche angeheizt.

Im Jahr 2018 transportierte ein russisches Schiff zum ersten Mal eine Flüssiggaslieferung von der Jamal-Halbinsel durch die arktischen Gewässer und die Beringstraße.

Gleichzeitig gab US-Präsident Trump die umweltschonendere Energiepolitik seiner Vorgänger auf und erlaubt nun auf nahezu dem gesamten amerikanischen Offshore-Territorium Öl- und Gasbohrungen. Projekte in der Arktis sollen in diesem Jahr beginnen.

Finnland, Norwegen, Dänemark und Kanada haben ebenfalls umfangreiche Infrastrukturinvestitionen in ihren jeweiligen arktischen Gebieten angekündigt.

Der Klimawandel macht's möglich: Frachtschiffe nördlich von Russland

Die dänische Reederei Maersk wird diese Woche zum ersten Mal eines ihrer Schiffe über die Nordostpassage von Asien nach Europa fahren lassen.

Aktuell verhindern noch die Sorge um die Umwelt sowie wachsende Akzeptanz der Rechte der indigenen Bevölkerungen der Region eine schnelle Erschließung und Entwicklung der Arktis.

Aber: Bis zu 90 Milliarden Barrel Öl und 47 Billionen Kubikmeter Erdgas liegen unter arktischem Wasser und Eis, schätzt Chatham House.

Neben den natürlichen Ressourcen eröffnet der sich verändernde Zustand der Arktis neue Transportmöglichkeiten: Kreuzfahrtgesellschaften und Frachtunternehmen, die Treibstoff und Zeit sparen wollen, blicken auf die sagenumwobene Nordwestpassage, die die Reisedistanz von Ostasien nach Westeuropa deutlich verkürzen würde.

Geopolitische Spannungen

Diese wirtschaftlich-kommerzielle Sicht auf die Arktis ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs, meinen Experten.

Vor zwölf Jahren platzierte eine von Russland geführte Polarexpedition die Flagge des Landes auf dem Meeresboden direkt unter dem Nordpol.

Nach internationalem Recht können arktische Staaten in den von ihnen angrenzenden Gewässern (bis zu 370 Kilometer vor der eigenen Küste) eine „ausschließliche Wirtschaftszone“ (AWZ) beanspruchen. Die Gebiete außerhalb dieser Wirtschaftszonen haben einen internationalen Rechtsstatus und sind Teil der Weltmeere.

Anders gesagt bedeutet dies aber auch, dass praktisch alles „zu haben“ ist, solange ein Land der UNO nachweisen kann, dass ein Gebiet ihm bzw. zu seiner AWZ gehört.

Bisher haben nur Norwegen und Island „Claims“ in der Arktis abgesteckt, die von den Vereinten Nationen genehmigt wurden. Mehrere Länder, darunter Russland, Dänemark und Kanada, beanspruchen hingegen sich überlappende Gebiete, über die die UN noch nicht entschieden hat.

Die bequeme Schuldzuweisung: Wie Europa und Russland einander verlieren

Das Jahr 2018 war unter anderem vom kompletten Scheitern der russisch-europäischen Beziehungen geprägt. Dies konnte unwiderrufliche Folgen für die eurasische Ordnung haben, meint Liudmila Kotlyarova.

Da die arktischen Anrainerstaaten nun also beginnen, ihre Territorien abzustecken, um sich Ressourcen zu sichern, erhöht sich auch das Potenzial der Region als zukünftiges Konfliktgebiet. Vor kurzem haben die USA, die NATO und Russland begonnen, groß angelegte militärische Übungen im Hohen Norden Europas durchzuführen.

Die wachsende militärische Präsenz in der Region habe „alte Gefühle des Misstrauens“ zurückgebracht, sagten norwegische Beamte EURACTIV während einer Konferenz Anfang Januar.

„In den vergangenen Jahren haben wir neue – und verbesserte – russische Fähigkeiten beobachtet. Die russische Militäraktion im hohen Norden verstärken sich,“ so Tone Skogen, Staatssekretär im norwegischen Verteidigungsministerium.

„Dies unterstreicht, dass auch die NATO die Entwicklungen in der Region, insbesondere im maritimen Bereich, aufmerksam verfolgen muss. Der Atlantische Hohe Norden bis zum Nordpol ist Teil des Zuständigkeitsbereichs der NATO. Er fällt unter Artikel 5,“ sagte er weiter.

Skogen verwies außerdem auf einen neuen Regierungsbericht, der enthüllt, dass Moskau einen Scheinangriff mit Bomberflugzeugen auf norwegische arktische Radarsysteme simuliert habe.

USA und NATO ebenfalls im Norden aktiv

Auch die USA planen, ihre Rolle in der Region auszubauen. Kriegsschiffe der US-Navy sollen in den kommenden Monaten unter Regelungen der sogenannten „Freiheit der Navigation“ (FON) durch arktische Gewässer fahren, kündigte Washington an.

Im vergangenen Jahr flog zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges ein russisches Anti-U-Boot-Flugzeug über die Arktis nach Nordamerika. Weitere Spannungen traten auf, als die USA und das Vereinigte Königreich U-Boot-Übungen durchführten.

„Wir alle versuchen, auf eine Situation hinzuarbeiten, in der wir im hohen Norden so wenig Spannung wie möglich haben,“ sagte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg Mitte Februar 2019. Er verwies dabei auf die wichtige „Zusammenarbeit im Gebiet der Barentssee, die sich weiterentwickelt“.

Im vergangenen Oktober führte die NATO indes ihre größten militärischen Übungen seit dem Ende des Kalten Krieges im Norden Europas durch. Mit Blick auf die zunehmende geopolitische Bedeutung der Arktis bezeichneten Experten diese Aktionen als eine „längst überfällige Verschiebung“ des strategischen Fokus.

„In den vergangenen Jahren hat Russland seine militärische Präsenz in der Arktis verstärkt, unter anderem durch die Wiedereröffnung von Militärbasen aus der Sowjetzeit, den Einsatz neuer Waffen- und Radarsysteme sowie die Inbetriebnahme einer neuen Eisbrecherflotte […] Die NATO-Verbündeten beobachten den Aufbau der russischen Kapazitäten in der Arktis genau,“ erklärte ein NATO-Beamter gegenüber EURACTIV.

Und auch China sieht sich als „arktisnahe“ Nation ohne Territorialbezug. Mit einem Weißbuch, in dem unter anderem die chinesischen Pläne für Seerouten durch das Nordmeer beschrieben werden, drängt Peking auf ein Stück vom Arktis-Kuchen und denkt laut über den Aufbau einer „Polar-Seidenstraße“ nach.

Hoch im Norden und doch mitten im Zentrum: Die Europäische Arktisstrategie

Das wirtschaftliche Potential des hohen Nordens möchten vor allem die EU-Länder Schweden, Finnland und Dänemark, aber auch die europäischen Nachbarn Norwegen und Island nutzen.

Und Europa?

Da drei EU-Länder und zwei Mitglieder des Europäischen Wirtschaftsraums arktische Staaten sind, hat die EU ein strategisches Interesse daran, dass die Arktis ein Gebiet mit möglichst geringen geopolitischen Spannungen bleibt, hieß es bereits in der Globalen Strategie der EU für 2016. Wichtig dafür sei die Zusammenarbeit in Bereichen wie Klimaschutz, Umweltforschung und Seenotrettung.

„Die EU engagiert sich seit langem in der Arktis, auch als de-facto Beobachterin im Arktischen Rat. Die EU ist ein konstruktiver Akteur in der Arktis und leistet in vielen Feldern einen wesentlichen Beitrag, zum Beispiel im Bereich der Klimawissenschaften,“ erläuterte der norwegische Außenminister Eriksen Søreide gegenüber EURACTIV. Er betonte dabei mehrfach die „Soft Power“ des Blocks in der Region.

Aus Sicht von Experten ist derweil unwahrscheinlich, dass die Arktis schon in den kommenden Jahren zu einem Konfliktherd werden könnte.

Svein Rottem vom norwegischen Fridtjof Nansen Institut sagte gegenüber EURACTIV: „Wenn es einen Konflikt gibt, der die Arktis trifft, dann würde er wahrscheinlich aus anderen Teilen der Welt überschwappen. Ich glaube nicht, dass sich arktische Themen als solche zu Konflikten entwickeln werden.“

[Bearbeitet von Benjamin Fox und Zoran Radosavljevic]

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