Dänemark: Wir haben einen Öffnungsplan!

Die dänische Premierministerin Mette Frederiksen reagiert auf eine der ersten COVID-Impfungen ihres Landes im Dezember. [KELD NAVNTOFT/EPA]

In vielen europäischen Ländern steigen die Infektionszahlen wieder deutlich an. Trotzdem gibt es mancherorts umfassende Öffnungsstrategien – zum Beispiel in Dänemark. Kann das gut gehen?

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Einen ausgeklügelten Langzeitplan – vor allem mit Blick auf Lockerungen der geltenden Corona-Maßnahmen: Davon können die Deutschen im Moment nur träumen. Stattdessen: Stundenlange Bund-Länder-Beratungen mit nicht durchdachten Ergebnissen, die kurze Zeit später wieder rückgängig gemacht werden müssen. Eine bundesweite Perspektive? Fehlanzeige. Stattdessen: Einzelne Bundesländer, Städte oder Kommunen, die modellhaft Lockerungen ausprobieren wollen – trotz steigender Inzidenzwerte.

Anders sieht das im Nachbarland Dänemark aus. Hier hat sich die sozialdemokratische Regierung unter Ministerpräsidentin Mette Frederiksen mit fast allen übrigen Parlamentsparteien auf einen langfristigen Plan zur schrittweisen Abkehr von den Corona-Beschränkungen geeinigt. In den kommenden Wochen sollen nach und nach immer mehr Bereiche geöffnet werden.

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Ende Mai sollen alle über 50 geimpft sein

Nach Ostern dürfen Friseure und ähnliche Dienstleister landesweit wieder öffnen. Grundschulklassen durften den Präsenzunterricht schon länger wieder aufnehmen, Schritt für Schritt sollen nun auch die höheren Klassen zum Wechselunterricht in die Schulen zurückkehren. Und dann soll es alle 14 Tage neue Lockerungen geben: Die Außenbereiche von Restaurants und Cafés sollen ebenso wie Museen und Büchereien ab dem 21. April öffnen dürfen. Ab dem 6. Mai wären dann die Innenbereiche von Lokalen sowie Theater und Kinos an der Reihe.

Was die Rahmenvereinbarung außerdem vorsieht: Sobald alle Menschen über 50 Jahren die Möglichkeit hatten, sich impfen zu lassen, soll das öffentliche Leben mit einigen Ausnahmen weitgehend beschränkungsfrei sein. Wenn der Impfplan der Regierung aufgeht, könnte das Ende Mai der Fall sein. Eine weitgehende Rückkehr zur Normalität in gut zwei Monaten also – wird Dänemark damit bald zum Vorbild in Europa?

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„Wir waren auf die dritte Welle vorbereitet“

Ein Blick auf die Infektionszahlen in Dänemark zeigt: Während die Coronafälle im Dezember und Januar noch extrem gestiegen waren, mit zeitweise mehr als 3000 Neuinfektionen pro Tag – bei knapp sechs Millionen Einwohnern – konnten die Werte zuletzt auf ein paar Hundert pro Tag gesenkt werden.

„Wir waren den ganzen Januar und Februar in einem strikten Lockdown, weil wir sehr früh wussten, dass B.1.1.7 nach Dänemark kommen würde“, sagt Viggo Andreasen, mathematischer Epidemieexperte an der Universität Roskilde, der DW. „Wir haben uns auf die dritte Welle lange vorbereitet.“ Aktuell liegt die Indzidenz in Dänemark bei etwa 90 und damit etwas niedriger als in Deutschland, das die Hundert-Marke kürzlich wieder deutlich überschritten hat, aber noch auf vergleichbarem Niveau. Im europäischen Vergleich hat Dänemark allerdings eine der niedrigsten Todesraten in Zusammenhang mit COVID-19.

Auch die Ausbreitung der britischen und ansteckenderen Virusvariante B.1.1.7 hat bisher nicht dazu geführt, dass die Zahlen so stark ansteigen wie etwa in Deutschland. Dabei liegt der Anteil der Virusmutante in Dänemark bei 93 Prozent, in Deutschland bei mehr als 70. Experten führen dies zum einen auf die umfassende Sequenzierung, also das genetische Aufspüren der Mutante zurück. Kaum ein Land sequenziert so viel wie Dänemark und kann die Verbreitung der Virusvarianten damit so genau zurückverfolgen.

Den vielleicht wichtigsten Faktor in der Pandemiebekämpfung sehen zahlreiche Experten aber in der dänischen Teststrategie. „Wir sind in der Lage, täglich fünf bis acht Prozent der Bevölkerung zu testen“, sagt Jens Lundgren, Professor für Infektionskrankheiten an der Universität Kopenhagen, der DW. „Wenn wir kleinere Ausbrüche sehen, gehen wir sehr aggressiv mit Massentests bei der Bevölkerung vor, in dem Gebiet, in der Gemeinde, wo der Ausbruch passiert.“

Zum Vergleich: Während in Dänemark pro Tag mehr als 300.000 Menschen getestet werden (rund die Hälfte per PCR, die andere Hälfte per Antigen-Schnelltest) bei knapp sechs Millionen Einwohnern, sind es in Deutschland mit mehr als 80 Millionen Einwohnern zuletzt lediglich 1,3 Millionen PCR-Tests gewesen – pro Woche.

Auch der Mathematiker Andreasen sagt: „Wenn wir viel testen, finden wir positive Fälle frühzeitig, bevor diese anfangen, das Virus zu verbreiten.“ Zudem würden besonders betroffene Gebiete identifiziert und besonders kontrolliert. Schulen in Gebieten, in denen die Inzidenz zu hoch sei, dürften nicht öffnen, so der Forscher.

Es wird also in den kommenden Wochen darauf ankommen, ob die dänische Regierung konsequent und schnell handelt, wenn die Zahlen steigen sollten. Denn damit ist zu rechnen. „Unsere Strategie ist es nicht, den Anstieg der Infektionszahlen komplett zu stoppen“, sagt Andreasen. „Der offizielle Plan ist, dass wir einen kleinen Anstieg innerhalb der nächsten Wochen erlauben.“

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Kritik aus Deutschland

Kritik an den dänischen Öffnungsplänen kommt unter anderem vom deutschen SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der dafür bekannt ist, frühzeitige Lockerungen abzulehnen. Auf Twitter wirft er der Regierung in Kopenhagen vor, einen „spektakulären Fehler“ zu begehen und eine „Durchseuchung“ zuzulassen, wenn das Land seine Corona-Beschränkungen fallen lasse, nur weil alle Über-50-Jährigen geimpft seien.

Gerade auch mit Blick auf die Jüngeren habe das „fatale“ Folgen. Deren Risiko für einen schweren Verlauf ist zwar deutlich niedriger als bei älteren Menschen – doch auch sie sind nicht vor Langzeitfolgen durch eine Coronaerkrankung gefeit.

Professor Lundgren, der auch die dänische Regierung in der Corona-Pandemie berät, hält es für ein bisschen verfrüht, von einem Fehler zu sprechen. „Ich denke nicht, dass wir die Augen schließen und das Beste hoffen. Es ist einfach so, dass wir einen Plan brauchten für eine gesellschaftliche Öffnung“, so der Wissenschaftler.

„Es geht im Umgang der Pandemie nicht allein darum, auf die Infektionszahlen zu schauen – die natürlich entscheidend sind. Aber es kommt auch auf die Verhältnismäßigkeit im Vergleich zum Problem an.“ Alle Über-50-Jährigen zu impfen und dann weiter zu lockern werde die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems praktisch ausschließen, glaubt der Forscher. Selbst wenn es in der Folge mehr Ausbrüche bei Jüngeren geben sollte. „Deshalb muss die Öffnung sehr maßvoll passieren.“

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Hoffnung auf Impfungen und Wetter

Auch Viggo Andreasen glaubt: „Die Regierung geht ein Risiko ein, aber kein wahnsinniges Risiko.“ Und er sieht Dänemark dank seiner umfassenden Teststrategie auch hier im Vorteil. „Weil wir eine so hohe Testintensität haben, erwarten wir, steigende Zahlen und Ausbrüche innerhalb von zwei Wochen ausfindig machen zu können.“

Ein konsequentes Vorgehen bei kleineren Ausbrüchen in Kombination mit einer an Fahrt aufnehmenden Impfkampagne und saisonalen Effekten durch wärmeres Wetter könne dazu beitragen, mögliche Anstiege frühzeitig zu stoppen.

Doch Jens Lundgren mahnt trotz allem zu Bescheidenheit: „Niemand kann behaupten, dass er die richtige Strategie hat. Ich denke, wir versuchen alle, das Beste zu tun, um die sozialen Auswirkungen dieser Pandemie zu verringern.“

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