COVID-19: „Afrika muss aufwachen“

Wie gut vorbereitet sind die afrikanischen Staaten auf die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie? [EPA-EFE/ISRAEL OPHORI]

Während Europa, Asien und Nordamerika zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie in einen selbst auferlegten wirtschaftlichen und sozialen Stillstand treten, bleibt Afrika der bisher am wenigsten vom Virus betroffene Kontinent. Dennoch werden Maßnahmen ergriffen: Eine Reihe afrikanischer Regierungen hat in der vergangenen Woche die Einreise europäischer Touristen per Flugzeug untersagt.

Für Selbstzufriedenheit ist aber weder Platz noch Zeit: „Afrika muss aufwachen; mein Kontinent muss aufwachen,“ mahnte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, der Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus, am Donnerstag.

WHO-Beamte bestätigten derweil, dass es in den 54 afrikanischen Ländern rund 760 Fälle von COVID-19-Erkrankungen gibt, die meisten davon in Ägypten, Südafrika und Algerien.

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Die WHO zeigt sich zuversichtlich, dass Lehren aus der Ebola-Krise im Jahr 2014 gezogen wurden: Die Widerstandsfähigkeit der afrikanischen Gesundheitssysteme und ihre Möglichkeiten, Tests durchzuführen sowie Quarantäne-Maßnahmen erfolgreich durchzusetzen, hätten sich verbessert.

Botswana, Uganda und Sambia haben bereits Schulschließungen angekündigt, obwohl beispielsweise Sambia lediglich zwei bestätigte Fälle zu verzeichnen hat. Lagos, Nigerias Wirtschaftszentrum, wird ebenfalls Schulschließungen verhängen. Südafrika, wo es rund 150 bestätigte Fälle gibt, hat inzwischen den nationalen Notstand erklärt: das Reisen wurde deutlich eingeschränkt, Schulen wurden geschlossen und Massenversammlungen verboten.

33 der 47 afrikanischen Ländern südlich der Sahara verfügen derzeit über Testeinrichtungen. Dies ist ein enormer Anstieg gegenüber Januar, als nur Südafrika und der Senegal entsprechend ausgerüstet waren. Gesundheitsbehörden in ganz Subsahara-Afrika berichten, es habe ein beispielloses Maß an Mobilisierung gegen COVID-19 gegeben.

Hohe Dunkelziffer

Allerdings räumen Gesundheitsbeamte in einer Reihe von Ländern auch ein, dass die Zahl der Fälle weit höher sein dürfte als die bisher bestätigten Zahlen. Der erste Fall im Sudan wurde beispielsweise erst posthum gemeldet, was darauf hindeutet, dass das Virus schon seit einigen Wochen im Land verbreitet ist. In vielen der ärmsten Länder des Kontinents mangelt es nach wie vor an ausreichend Testmöglichkeiten.

Es wird auch befürchtet, dass das „Social Distancing“ in armen Ländern mit hoher Bevölkerungsdichte nahezu unmöglich sein könnte.

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Aus wirtschaftlicher Sicht sieht es im Moment danach aus, dass Afrika weniger stark betroffen sein wird. Während Europa und Nordamerika Rezessionen entgegenblicken, die wahrscheinlich tiefer sein werden als nach dem Finanzcrash von 2008, schätzt die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika (UNECA), dass die BIP-Wachstumsrate Gesamtafrikas in diesem Jahr lediglich von 3,2 auf 1,8 Prozent sinken wird.

Doch anders als die europäischen Staaten verfügen nur wenige afrikanische Länder über den finanziellen Spielraum, um auch nur ansatzweise an die riesigen Konjunkturpakete heranzureichen, die in wohlhabenden Volkswirtschaften aktuell zur Unterstützung von Unternehmen geschnürt werden.

Über die Zinssenkungen der Zentralbanken hinaus werden die meisten afrikanischen Regierungen wenig tun können, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie abzufedern. Zum Beispiel sieht sich Südafrika bereits mit schwachen Wirtschaftsaussichten und einer Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit konfrontiert. Dies werde „die Regierung daran hindern, signifikante Stimulierungsmaßnahmen anzukündigen“, erwartet John Ashbourne von der Wirtschaftsforschungsberatung Capital Economics.

Abhängig von China & den Rohstoffpreisen

Die schwersten Auswirkungen auf den afrikanischen Kontinent dürften sich indes in China entwickeln. Zwar wird das Reich der Mitte im Jahr 2020 voraussichtlich eine Rezession abwenden; aktuell wird aber ein Rückgang der Wachstumsrate von sechs auf 4,5 Prozent prognostiziert. Die Nachfrage nach Afrikas Rohstoffen und Waren in China ist bereits zurückgegangen. Im Gegenzug hat sich Afrikas Zugang zu Bauteilen und anderen Industriegütern verringert.

In einem Bericht der südafrikanischen Rand Merchant Bank heißt es, die tatsächlichen wirtschaftlichen Auswirkungen auf Afrika würden insbesondere von den Handelsbeziehungen der einzelnen Länder mit China abhängen. Folglich ist die Bank der Ansicht, dass die Wirtschaft Kenias das höchste Gesamtrisiko im Zusammenhang mit COVID-19 trägt. Dies sei vor allem auf die Annullierung von Schiffslieferungen zurückzuführen, die eigentlich im Hafen der kenianischen Stadt Mombasa, einem wichtigen Handelszentrum für die gesamte Region Ostafrika, anlegen sollten.

„Das wird einen sehr schweren Schlag für das Wachstum bedeuten,“ erwartet auch Vera Songwe, Generalsekretärin der UN-Wirtschaftskommission für Afrika. „Wenn man sich die Wirtschaft ansieht, denke ich, dass hier die große Herausforderung für Afrika liegt. Wir werden schwer betroffen sein.“

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Vor allem ist zu erwarten, dass die Öl- und Rohstoffexporteure Afrikas stark betroffen sein werden. Der Ölpreis ist bereits auf rund 30 US-Dollar pro Barrel gefallen; auch die Kupferpreise befinden sich im Tiefflug. Die UNECA geht davon aus, dass zum Beispiel das rohstoffreiche Nigeria einen wirtschaftlichen Schaden von 19 Milliarden Dollar erleiden könnte, der vor allem aus den verlorenen Öleinnahmen resultiert.

Außerdem dürfte die Auferlegung zusätzlicher Beschränkungen auch den regionalen Handel belasten. Länder wie Südafrika, das bereits die Hälfte seiner 72 Landgrenzübergänge und zwei seiner acht Seehäfen geschlossen hat, sowie Kenia, Ghana und Marokko rechnen mit wirtschaftlichen Einbußen im innerafrikanischen Handel.

Verhandlungen gestoppt

Darüber hinaus hat die Coronavirus-Pandemie auch die Gespräche in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba vorübergehend zum Erliegen gebracht, die auf die Vollendung einer Freihandelszone auf dem gesamten Kontinent abzielen. Das Freihandelsabkommen soll eigentlich am 1. Juli in Kraft treten. Auch Sicht von Insidern wird dieser Termin im Juli verpasst, wenn die Gespräche nicht zügig per Telekonferenz neu angesetzt werden. Eine Verschiebung des Inkrafttretens wäre ein symbolträchtiger Schlag für die Pläne zur Ankurbelung des Binnenhandels in Afrika.

Ebenfalls verzögern könnten sich die Gespräche zwischen der EU und den afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten über den Nachfolger des Cotonou-Abkommens. Die Cotonou-Einigung war im vergangenen Monat bis Dezember verlängert worden, wobei die EU-Kommissarin für internationale Partnerschaften, Jutta Urpilainen, allerdings eine Frist im April setzte, um ein Folgeabkommen abzuschließen.

Es scheint nun fast sicher, dass diese Frist nicht eingehalten werden kann.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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