„Comfortable Leavers“: Das Bild des abgehängten Brexit-Wählers stimmt nicht (komplett)

Alles abgehängte Dörfler? Tatsächlich lieferte die Gruppe der "wohlhabenden Euroskeptiker" fast die Hälfte der Stimmen für den EU-Austritt. [EPA/NIGEL RODDIS]

Das populäre Bild des klassischen Pro-Brexit-Wählers als „kaum gebildeter Bewohner einer wirtschaftlich abgehängten Küstenstadt oder des düsteren, postindustriellen Nordens“ dürfte sich als unzutreffend erwiesen haben. Dies wird jedenfalls in einer neuen Mini-Studie nahegelegt, die am Montag veröffentlicht wurde.

Während das Remain-Lager beim Referendum 2016 die meiste Zustimmung in London, Schottland und in Universitätsstädten erhielt, konnte die Leave-Kampagne besonders starke Ergebnisse im Norden Englands und in den Midlands feiern.

Das führte zum Narrativ, dass das Referendum 2016 insbesondere von Wahlkreisen und Menschen entschieden worden war, die sich sowohl wirtschaftlich als auch kulturell „zurückgelassen“ oder „abgehängt“ fühlten.

Diese Theorie schien sich zu bestätigen, als Boris Johnsons Konservative Partei bei ihrem Wahlsieg im Dezember 2019 große Teile des postindustriellen Nordens eroberte und damit der Labour-Partei dutzende traditionell sozialdemokratisch wählende Wahlkreise abluchste.

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Entgegen der Annahme heißt es in der Studie des Think-Tanks UK in a Changing Europe nun aber: „Fast die Hälfte der Leave-Wählerinnen und -Wähler waren finanziell recht gut aufgestellt. Einige könnte man durchaus als wohlhabend bezeichnen, wobei die Gruppe im Großen und Ganzen eher als finanziell „angenehm dastehend“ [Engl.: comfortable], aber nicht als reich zu verstehen ist.“

Weiter wird festgehalten: „Wir vergessen leicht, dass kein Wahlkreis (und keine Gruppe von Menschen) gänzlich homogen ist. Viele Menschen haben für den Brexit gestimmt, selbst in den Orten, die am meisten für Remain waren und sind: Mehr als eine Million Menschen in Schottland und sogar 1,5 Millionen in London stimmten für Leave.“

Die Studie zu den „Comfortable Leavers“ basiert auf den Ergebnissen einer Workshop-Reihe des Meinungsforschungsinstituts NatCen Social Research. Daran nahmen wohlgemerkt lediglich 130 Personen teil; 73 von ihnen hatten für den EU-Austritt gestimmt, 55 für den Verbleib und zwei enthielten sich ihrer Stimme.

Dabei zeigte sich, dass Johnsons Leave-Kampagne tatsächlich rund 95 Prozent der Stimmen in derjenigen Gruppe erhielt, die als „wirtschaftlich benachteiligt und/oder einwanderungsfeindlich“ beschrieben wird. Ebenso stimmten 73 Prozent der „Älteren in den Arbeiterklassen“ für den Austritt. Allerdings lieferte die Gruppe der „wohlhabenden Euroskeptiker“ immer noch fast die Hälfte der Gesamtstimmen für den britischen EU-Austritt.

Die Ergebnisse deuten weiter darauf hin, dass die Comfortable Leavers davon ausgingen oder ausgehen, dass die Auswirkungen des Brexit auf die Wirtschaft relativ gering ausfallen würden. Sie erwarteten demnach auch nicht, von einem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU finanziell zu profitieren. Stattdessen hofften sie aber, dass der Austritt eine Gelegenheit bieten würde, in die britische Industrie und in kommunale Dienstleistungserbringer zu investieren. Eine treibende Kraft war demnach der Nationalstolz.

Die Gruppe der Comfortable Leavers zeigte sich wirtschaftlich liberal und sozialpolitisch eher illiberal: Diese Personen befürworteten zwar meist ebenfalls eine stärkere Kontrolle der Einwanderung und die Beendigung der Freizügigkeit; gleichzeitig waren sie aber vor allem kritisch gegenüber Bürgerinnen und Bürgern im UK eingestellt, die sich vermeintlich weigern, einen Job anzunehmen und stattdessen Sozialleistungen in Anspruch nehmen.

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Die Workshops, auf denen die Untersuchung basiert, fanden im vergangenen Sommer statt, als die Gespräche über ein Handelsabkommen zwischen der EU und dem UK noch liefen und beide Seiten bereits stark von der COVID-19-Pandemie betroffen waren.

Ende Dezember einigten sich London und Brüssel dann auf ein Handels- und Kooperationsabkommen, das das Vereinigte Königreich endgültig aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion herausführte und neue gemeinsame Regeln schuf – was jedoch auch eine teils wütende Gegenreaktion der Unternehmen hervorrief, angesichts der neuen bürokratischen und zollrechtlichen Verfahren, die jetzt für den grenzüberschreitenden Handel erforderlich sind.

Die Teilnehmenden der Studie waren sich jedoch bereits im Sommer einig und bewusst, dass es „sehr schwierig sein wird, die Auswirkungen der Pandemie und die Auswirkungen des Brexit auf die Wirtschaft voneinander zu trennen“. Einige äußerten die Befürchtung, dass die Pandemie die Vorteile, die sie sich nach dem Brexit erhofft hatten, nun „verwässern könnte.“

Seitens der Forschung beobachtete man dennoch „eine Art nostalgischen Optimismus, dass der Austritt aus der EU (und auch die Pandemie) ein Katalysator für Veränderungen sein könnte: Veränderungen, die Industrien, Dienstleistungen und ein Gefühl des Stolzes aus einer früheren Ära ‚wiederherstellen‘ könnten.“

[Bearbeitet von Josie Le Blond und Tim Steins]

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