Chololo: Das „Geheimrezept“ für zukünftige Entwicklungshilfe?

Raheli Nyangusi aus Kikombo steht vor ihrem neuen Haus, das sie dank des Projekts bauen kann. Sie hatte Bäume angepflanzt, die den lokalen Bedingungen besser angepasst sind, und benutzt einen neuen Herd, für den sie nur noch halb so viel Feuerholz braucht wie vorher. [Alle Bilder von Jorge Valero]

Der Erfolg eines auf Gemeinschaftsarbeit basierenden Projekts in Tansania stellt die herkömmliche Top-Down-Ausrichtung der Entwicklungshilfe in Frage. Es zeigt: Geld ist nicht das Wichtigste, wenn es darum geht, Menschen zu helfen.

Johanes, Magdalena, Lucinety, Dina und Charles haben kürzlich ein neues Unternehmen aufgebaut, die Kikombo Youth Group. Ihre Hoffnungen ruhen auf einer kleinen Box mit drei Reihen Mini-Solar-Panels und einigen Kabeln, mit denen praktische jedes Smartphone auf dem Markt aufgeladen werden kann.

Sie verkaufen ihre selbstgebauten Geräte für 15.000 Schilling (ca. 5,70 Euro). Das ist ein Bruchteil dessen, was eine Powerbank auf Amazon kosten würde.

Die Geschäftsinitiative dieser jungen Tansanier findet tausende Kilometer von den Tech-Zentren dieser Welt statt. Doch die Szenerie ist auch Welten entfernt vom EU-Afrika-Gipfel, der am selben Tag Ende November 2017 beginnt, an dem EURACTIV die Jugendlichen in Kikombo, einer kleinen, staubigen Stadt in der Dodoma-Region, trifft.

Dodoma ist eines der ärmsten Gebiete Tansanias, welches wiederum als eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt gilt. Während europäische und afrikanische Politiker in der fernen Elfenbeinküste diskutieren, wie jungen Afrikanern Perspektiven geboten werden können, damit sie sich nicht auf die gefährliche Reise über das Mittelmeer nach Europa begeben, kommt das Thema Migration im Gespräch mit den jungen Tansaniern kein einziges Mal auf.

Die Mitglieder der Kikombo Youth Group mit ihren tragbaren Solar-Boxen.

Stattdessen erzählen sie, wie sie gleichzeitig ihre Dorfgemeinschaft unterstützen und ihr Unternehmen ausbauen wollen.

„Wir könnten unsere Boxen auch teurer verkaufen, weil hier nicht alle Menschen Zugang zum Stromnetz haben. Aber wir ziehen es vor, die Preise beizubehalten…damit machen wir immer noch einen Profit von 5.000 Schilling (1,90 Euro) pro Box,” erklärt Lucinety Musa.

In der nahen Zukunft will die Gruppe weitere Werkzeuge und Materialien kaufen, um weiterhin Boxen herstellen zu können.

Damit ist die Kikombo Youth Group eine der neuesten, unbeabsichtigten Erfolgsgeschichten, die sich aus einem EU-finanzierten Projekt entwickelt haben, das vor einigen Jahren im Nachbardorf Chololo gestartet wurde.

Gemeinschaftsbasis

Auf den ersten Blick gibt es viele Gründe, Chololo, Kikombo oder andere Dörfer in dieser semi-ariden Region und ihre harsche Umwelt zu verlassen.

Doch ein zweiter Blick zeigt, dass Chololo lebendig und dynamisch ist. Das Dorf mit ungefähr 5.500 Einwohnern erlebt seit 2011 einen echten Bau-Boom. In eben diesem Jahr hatte ein EU-finanziertes Projekt für Verbesserungen im alltäglichen Leben der Dorfbewohner gesorgt, darunter in der Land-, Wasser- und Forstwirtschaft sowie in der Viehhaltung.

Das finanziell eher kleine, gemeinschaftsbasierte Projekt hat Chololo auf den Kopf gestellt.

Familien, die vor einigen Jahren in der Trockenzeit noch ums Überleben kämpften, haben sich inzwischen neue Häuser gebaut und genießen Annehmlichkeiten, von denen die meisten Menschen in den tansanischen Städten nur träumen können.

Keneth Manyono ist einer der Landwirte, deren Lebensumstände sich heute deutlich gebessert haben. Im Rahmen des Projekts hatten sie Kreuzungs-Techniken erlernt, mit denen sie die Qualität ihrer Viehbestände stark verbessern konnten.

Manyonos Ziegen erreichen nun nach sechs Monaten ein Gewicht von über 30 kg. Die vorherige Generation hatte nach zwei Jahren nur 20 kg gewogen. Seine Tiere wachsen nicht nur schneller; die Herde wird auch größer, da Junge inzwischen meist als Zwillinge geboren werden.

So hat sich Manyonos Ertrag pro Ziege verdoppelt. Er bekommt jetzt 80.000 Schillings (30 Euro) pro Tier – und leistet sich für genau diesen Betrag Fußballübertragungen aus den spanischen und italienischen Ligen über eine neue Satellitenschüssel an seinem Haus.

Es scheint, dass für viele Bewohner in Chololo nicht mehr der Geld- und Ressourcenmangel ein Problem ist, sondern die Frage, wie das Geld sinnvoll eingesetzt wird und eine ganz eigene Version des Verprassens und Protzens vermieden werden kann.

Frauen holen in Kikombo mit Hilfe einer solarbetriebenen Pumpe Wasser.

Das Erfolgsrezept

Das Erfolgsrezept des Projekts liegt darin, das Gegenteil von dem zu tun, was internationale Geldgeber seit Jahrzehnten größtenteils getan haben: Milliarden von Hilfsgeldern für Großprojekte ausgeben, die oftmals die lokalen Bedingungen oder die Lebenswirklichkeiten der Menschen vor Ort missachteten.

Das Chololo-Projekt wurde erst nach einem langwierigen und teils schwierigem Austausch mit den Dorfbewohnern gestartet. Damit wollten die EU-Partner mehr über das Leben und die Bedürfnisse vor Ort erfahren – schließlich sollten die Bewohner nicht nur Nutznießer, sondern vor allem die Hauptakteure im Projekt sein.

In die Gespräche eingebunden waren unter anderem das Institut für ländliche Entwicklungsplanung, das Tanzania Organic Agriculture Movement (TOAM), das Umweltnetzwerk Dodoma, Maji na Maendeleo Dodoma (MAMADO, eine Wassermanagement-Organisation) sowie die lokalen Bürgerversammlungen und Räte der Dörfer.

Mit dieser Gruppe, einem Team aus Organisationen mit Expertise in den jeweiligen Prioritätsfeldern, sollte ein ganzheitlicher Ansatz erarbeitet werden, um einen echten Wandel in der Region zu forcieren.

Mit diesem Ansatz, der nicht selten extrem zeitintensiv war, wurde auch ein Unterscheidungsmerkmal zur üblichen Arbeit von Entwicklungs-NGOs deutlich, die häufig miteinander in Konkurrenz stehen.

Insgesamt wurden EU-Gelder in Höhe von 630.000 Euro in Chololo aufgewendet.

Aufwärtstrend

Vor zwei Jahren wurde eine zweite Testphase des Projekts eingeläutet: Es sollte herausgefunden werden, ob der in Chololo erfolgreiche gemeinschaftsbasierte Ansatz in andere Dörfer „exportiert“ und so als Gegenstück zum klassischen Top-Down-Modell der Entwicklungszusammenarbeit aufgebaut werden kann.

Inzwischen wurde das Projekt auf drei weitere Dörfer (Kikombo, Miganga und Idifu) ausgeweitet, und es zeigt sich bereits, dass es auch in diesen Kommunen den Lebensstandard steigert.

Insbesondere in Miganga sind die Erfolge sichtbar: „Bevor das Programm startete, habe ich einfach rumgelungert. Ich hatte keinen Plan, und einen sehr niedrigen Lebensstandard,“ erinnert sich Jonny Gaile. Während der Trockenzeit habe der Großteil seines Tagesablaufs daraus bestanden, in der Lounge, der lokalen Kneipe, zu sitzen und zu trinken.

Gerald Msanja von MAMADO (l.), Joyce Wilson (m.) und Johnny Gaile (r.) in Miganga.

Heute stehe er jeden Tag früh auf, um an seinen Sorghumhirse- und Perlhirse-Pflanzen zu arbeiten, zwei der verbreitesten Getreidearten in der Region. Gaile hat inzwischen aber auch Obstbäume, Süßkartoffeln und Sonnenblumen gepflanzt. Nächste Saison sollen Trauben hinzukommen.

Das Projekt habe die Disziplin in ihm zurückgebracht, sagt er mit einem Lächeln. „Ich kämpfe jeden Tag darum, sie gut einzusetzen.“

Inzwischen ist Gaile sogar Vertreiber von neuen Samen. Wie er haben einige Landwirte damit angefangen, Pflanzenarten zu kreuzen und neuartiges, verbessertes Saatgut zu entwickeln. So wurde das Projekt plötzlich sehr viel selbsttragender und nachhaltiger, als die europäischen Unterstützer geplant hatten.

Joyce Wilson war eine der ersten in Miganga, die von den Erfolgen in Chololo hörte, weil ihre jüngere Schwester in Kikombo, einem Nachbarort Chololos und dem zweiten Projektdorf, heiratete. Die unglaublichen Veränderungen in Chololo und Kikombo verbreiteten sich über Mund-zu-Mund-Propaganda wie ein Lauffeuer.

„Als das Projekt auch in Miganga startete, wollte ich auf jeden Fall mitmachen,“ so Wilson. Obwohl sie bereits damals Land und Vieh hatte, schaffte sie es kaum durchs Jahr. Von den 20 Säcken Getreide, die sie jährlich erntete, konnte sie ihre sechs Kinder nicht zur Schule schicken.

Heute nutzt sie neue Anbaumethoden und erntet 50 Säcke. Sie kann nicht nur die Schulgelder zahlen, sondern sich sogar ein neues Haus bauen, erklärt sie stolz.

Immer mehr Menschen in der Gegend bauen neue Häuser aus Zement – ein deutliches Zeichen für die verbesserten Lebensumstände und den Erfolg der Projekte.

Joyce Wilson aus Miganga steht vor ihrem alten (und aktuellen) Lehmhaus – und dem neuen Zementhaus (rechts im Bild), das sie derzeit baut.

Frauen als Pioniere

Frauen spielen eine essenzielle Rolle im Projekt: Sie gelten als die enthusiastischsten Pioniere in vielen Initiativen sowie als „Botschafterinnen“ für das Projekt und als Koordinatoren, wenn es darum geht, die Erfolge auch in andere Dörfer zu bringen.

Diese neue Macht der Frauen scheint sich langsam auch im häuslichen Alltag widerzuspiegeln, wie einige Projektbeteiligte – Männer wie Frauen – berichten.

Doch natürlich ergeben sich auch Probleme bei der Umsetzung des Projekts. So erzählt der Dorfvorsteher von Miganga, Lazalo George Chityau, dass in seinem Dorf rund 60 Prozent der Bevölkerung teilnehmen. Für die übrigen sei es aber schwierig, die neuen Technologien zu verstehen und umzusetzen – oder ihnen erscheint dies zu mühsam, so Chityau.

Dennoch: „Eine Bottom-Up-Philosophie und die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung ist ein wesentlicher Punkt. Darum geht es bei dieser Entwicklung,“ meint Donald Mmari, Vorsitzender von REPOA, einem führenden Think-Tank in Tansania.

Bäuerinnen, die nicht am Projekt teilnehmen, und ihre Kinder am Dorfeingang von Idifu.

Lokale Graswurzeln und zentrale Unterstützung

Diese Graswurzel-Bewegungen sind aber – nicht nur in Tansania – auf Unterstützung und die Entwicklungsstrategien des Zentralstaats angewiesen.

In Tansania sind die Ressourcen so stark begrenzt, dass eine Grund-Infrastruktur kaum aufgebaut werden kann. Darüber hinaus fehlt lokalen Behörden und Beamten oft die Erfahrung und Bildung, um Projekte zu überwachen.

Auch die grassierende Korruption ist eine riesige Herausforderung.

Tansanias derzeitiger Präsident John Magufuli hat den Kampf gegen Korruption zur Top-Priorität seiner Präsidentschaft erklärt. Dies sei ein wesentlicher Teil seines langfristigen Plans, das Land bis zum Jahr 2025 zu einer Nation mittleren Einkommens zu machen.

„Das Land steht buchstäblich am Scheideweg. Wir sehen sehr positive Dinge; den Frieden und die Stabilität, das Engagement des Präsidenten im Kampf gegen die Korruption. Gleichzeitig gibt es aber große Bedenken bezüglich der Korruption auf lokaler Ebene, den fehlenden Freiheiten für Presse, politische Parteien und Zivilgesellschaft sowie das schlechte Geschäftsklima, das schädlich für Investitionen ist,“ fasst Roeland Van de Geer, Vorsitzender der EU-Delegation in Tansania, zusammen.

Der Chef der EU-Delegation in Tansania, Roeland Van de Geer.

Hinzu kommt, dass Präsident Magufulis große Vision für sein Land unter seinem eigenen Charakter leiden könnte: „Er ist einer der autoritärsten Präsidenten Tansanias,“ so der EU-Diplomat. Magufuli wolle „absolut das Beste und Richtige für das Land, aber er hat seine Wutanfälle nicht im Griff [und] er muss seinen Ministern mehr Freiräume lassen.“

Qualifizierungslücken

Ein weiteres Problem für Tansania ist die Unterqualifizierung. Zwar hat das Land riesige natürliche Ressourcen, darunter einige der touristischen Highlights Afrikas (den Kilimandscharo, die Serengeti, den Ngorongoro-Krater, Sansibar und den Viktoriasee), doch es fehlen qualifizierte Arbeiter, mit denen das Land von diesen Ressourcen profitieren und den Erfolg von Chololo weitläufig wiederholen könnte.

„Das Problem der Unterqualifizierung ist hier meist noch ernster als in anderen afrikanischen Ländern,” sagt auch Van de Geer.

Adam Kimbisa, ein hochrangiges Mitglied der Regierungspartei Chama Cha Mapinduzi, gibt ebenfalls zu, dass es noch viele Probleme bei der Transformation des Landes gebe. Auf dem Flug vom Regierungssitz in Daressalam in die Hauptstadt Dodoma gibt er sich aber optimistisch: „Es verändert sich wirklich viel.“

Kimbisa war lange Zeit Chef des Roten Kreuzes in Tansania, Bürgermeister von Daressalam und sitzt aktuell im tansanischen Parlament. Er will besonders die Bauern in der Region Dodoma unterstützen, in der er die besten Erfolgsaussichten für eine weitere Verbreitung des Chololo-Projekts sieht.

Mit seiner unkonventionellen und oft autoritären Art könnte gerade Präsident Magufuli zu einem wichtigen Helfer für das Chololo-Projekt werden, für das die EU-Förderung 2019 ausläuft.

Er will den Regierungssitz aus der Großstadt Daressalam in die lange vernachlässigte, eigentliche Hauptstadt Dodoma verlegen. Chololo liegt nur einige Kilometer von der geplanten neuen Präsidentenresidenz und dem Diplomatenviertel entfernt.

Für die EU-Projektleiter könnte sich somit die Möglichkeit ergeben, die Leitung in die Hände der lokalen und nationalen Behörden weiterzugeben.

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