Bundesregierung sieht „dramatische Lage“ in Afghanistan

Die Taliban nehmen sich zunehmend auch die Eroberung von Orten mit hoher symbolischer Bedeutung vor. Kandahar ist dabei ein herausragendes Beispiel. [GHULAMULLAH HABIBI]

Die Sorgen der Bundesregierung um Afghanistan werden größer. Nahezu täglich erobern die Taliban weitere Regionen im Land am Hindukusch. Seit Mitte Juli kontrollieren die Islamisten bereits mehr als 220 Bezirke, die Regierung beherrscht nur noch rund 70. Die restlichen Distrikte, ungefähr 110, sind umkämpft. „Die Lage ist dramatisch“, heißt es in Berliner Regierungskreisen. Hoffnung auf einen Sieg der Armee von Präsident Aschraf Ghani gibt es offenkundig nicht.

Skizziert werden zwei Szenarien der näheren Zukunft Afghanistans. Beide unterscheiden sich nur graduell im Pessimismus. Die bessere lautet: Der Winter rettet das afghanische Militär. Wenn die Armee bis zum Einbruch der kalten, schneereichen Jahreszeit die Hauptstadt Kabul und einige Provinzen halten kann, hätte sie eine Atempause bis zum Frühjahr. Im Winter flauen in dem Land mit den hohen, dann unpassierbaren Gebirgspässen traditionell die Kämpfe ab. Die zweite Prognose: die Taliban schaffen es noch in diesem Jahr, Kabul derart zu strangulieren, dass die Regierung Ghani zusammenbricht. Das sei nicht ganz so wahrscheinlich wie die erste Variante, ist in Berlin zu hören. Auszuschließen sei ein Kollaps noch 2021 allerdings nicht.

Die Warnzeichen mehren sich. Die Taliban haben Kandahar umzingelt und bereiten sich auf den finalen Angriff vor. Fällt die drittgrößte Stadt Afghanistans, ist der Süden des Landes für die Regierung weitgehend verloren. Hilfe aus Kabul können die Soldaten und Polizisten in Kandahar kaum erwarten. Die Taliban haben die ländlichen Distrikte zwischen beiden Städten längst eingenommen, mit der Tötung von Regierungsleuten wurde gezielt Angst verbreitet. Eine sichere Verbindung über Land von Kabul nach Kandahar gibt es nicht mehr. Wie kritisch die Lage ist, zeigt das Eingreifen der Amerikaner. Obwohl sie bis Ende August Afghanistan verlassen wollen, haben sie jetzt mit Luftangriffen noch einmal die einheimischen Truppen in Kandahar unterstützt. Doch vermutlich wird der Vormarsch der Taliban nur verzögert.

Das Vorgehen der Taliban in Kandahar ist ein weiteres Beispiel für ihre militärisch-politische Strategie. Die Stichworte lauten Einkreisen, Zerschneiden, Regieren. Die Islamisten ziehen Belagerungsringe um Großstädte wie Kabul, Herat, Kandahar. In ländlichen Provinzen werden weitflächig Gebiete erobert. So schrumpfen die Areale der Regierung zu Inseln. Größere, zusammenhängende Regionen hält die Armee nur noch in der Mitte des Landes. Doch selbst Kabul ist bereits umringt von Kampfgebiet.

Nächstes Stichwort: „Zerschneiden“. Es ist den Taliban gelungen, sich von der westlichen, an den Iran grenzenden Provinz Farah einen Gürtel von Distrikten durchgehend bis zur Provinz Paktika an der Grenze zu Pakistan zu sichern. Damit ist für die Regierung der Süden Afghanistans von der Mitte und dem Norden abgetrennt. Eine weiterer, breiter Korridor der Taliban verläuft von der Provinz Balkh im Norden im Zickzack hinunter nach Kandahar.

Die zweitgrößte Stadt des Landes, das im Westen liegende Herat, ist komplett isoliert und bereits weitab von den Machtzentren der Regierung in Zentralafghanistan. Der Nordosten des Landes wurde ebenfalls von den Taliban überrannt. An vielen Stellen im Land befinden sich die Routen für die Versorgung der Bevölkerung in der Hand der Gotteskrieger.

In den eroberten Gebieten gehen die Islamisten zügig daran, eine Verwaltung aufzubauen. „Sie signalisieren der Bevölkerung: wir regieren jetzt wieder“, sagen deutsche Sicherheitskreise. Der einstige Gottesstaat der Taliban, ihr „Emirat Afghanistan“, 2001 von den Amerikanern und ihren Verbündeten zertrümmert, wird stückweise wiederhergestellt. Als sei er nie weg gewesen.

„Die Regierungssoldaten würden stark demoralisiert“

Deutsche Experten bescheinigen den Islamisten, ihre Strategie taktisch geschickt umzusetzen. Die Taliban nehmen sich zunehmend auch die Eroberung von Orten mit hoher symbolischer Bedeutung vor. Kandahar ist dabei ein herausragendes Beispiel. Von dort aus hatten die Taliban unter ihrem Anführer Mullah Mohammed Omar 1994 die erste Eroberung Afghanistans gestartet. Zwei Jahre später standen sie in Kabul und riefen 1997 das Emirat aus. Sollte den Taliban nun wieder die Einnahme von Kandahar gelingen, wäre die psychologische Wirkung enorm.

„Die Regierungssoldaten würden stark demoralisiert“, sagen Experten. Wie schlecht die Stimmung schon ist, zeigte Anfang Juli die Massenflucht von mehr als 1000 Soldaten aus dem Norden Afghanistans ins Nachbarland Tadschikistan. Außerdem würden die Taliban mit einer Eroberung Kandahars den afghanischen Stämmen, die noch zögern, sich ihnen anzuschließen, imponieren, heißt es. Das brächte zusätzliche Kämpfer, Gelder, wirtschaftliche Ressourcen und politische Anerkennung im Land.

Die Taliban rücken auf Tora Bora vor

Ein weiterer Ort, dessen Name für Dschihadisten einen magischen Klang hat, ist Tora Bora. In der Bergfestung hatten sich Ende 2001 Taliban und Kämpfer von Al Qaida verschanzt. Die Dschihadisten leisteten den anrückenden und heftig bombenden Amerikanern erbitterten Widerstand. Dann gelang einem Teil der Islamisten, darunter wahrscheinlich auch Al-Qaida-Chef Osama bin Laden, die Flucht nach Pakistan. Bis heute ist „Tora Bora“ für Dschihadisten weltweit ein Heldenepos. Nun haben die Taliban die Bergfestung im Visier, noch dieses Jahr könnte ihnen ein Vorstoß gelingen. Auch das wäre ein großer Erfolg für die Propaganda der Taliban. Und ein weiterer Schlag gegen die Moral der Armee.

Wie 2001, das betonen deutsche Experten, kämpfen auch heute Taliban und Al Qaida Seite an Seite. Dass die Taliban den Amerikanern bei den Friedensverhandlungen eine Distanzierung vom Al-Qaida-Terror versprachen, gilt als Lippenbekenntnis. Ein Experte sagt, „Taliban und Al Qaida sind eine Familie“.

Subscribe to our newsletters

Subscribe