“Bhutan trägt die Konsequenzen des Klimawandels”

Bhutan zählt zu den isoliertesten Ländern der Welt, aber auch zu den absoluten Vorbildern im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels [Shutterstock / Sabine Hortebusch]

This article is part of our special report Auf dem Weg zu 1,5 Grad?.

Zum ersten Mal seit neun Jahren nimmt Deutschland neue diplomatische Beziehungen zu einem Land auf. Mit dem Königreich Bhutan möchte die Bundesrepublik vor allem bei Fragen zum Klimaschutz und beim Kulturerhalt eng zusammenarbeiten, betont der künftige Botschafter im Interview mit EURACTIV Deutschland. 

Die Bundesrepublik Deutschland pflegt diplomatische Kontakte mit fast jedem Land der Erde. So ist es also fast schon naturgemäß, dass da nicht allzu häufig weitere dazu kommen. Das noch immer stark isolierte Bhutan dagegen steht mit nur 52 Ländern im diplomatischen Austausch. Der jetzige Schritt, einen deutschen Botschafter in Bhutans Hauptstadt Thimphu zu akkreditieren, sei ein wohl überlegter, erklärt Walter Lindner. Derzeit ist Lindner deutscher Botschafter in Indien. Er wird voraussichtlich auch die Neben-Akkreditierung für Bhutan erhalten. “Wir haben schon seit 2010 konsularische Beziehungen, aber eben keine diplomatischen, weil sich Bhutan da Zeit lassen wollte.” Zu Deutschland habe es aber immer schon große Sympathien gegeben, erklärt Lindner. Das liege auch daran, dass jedes Jahr rund 3000 Touristen aus Deutschland nach Bhutan reisen.

Nach langer und behutsamer Vorbereitung des buddhistisch geprägten Bhutans, war nun die Zeit reif für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Thimphu und Berlin. Damit ist Deutschland seit 2013 das erste Land, mit dem Bhutan diesen Schritt geht. “Der Schritt war überfällig, denn wir stehen uns sehr nah”, betont Lindner im Gespräch mit EURACTIV Deutschland. Vor allem beim Umwelt- und Klimaschutz dürfte sich der Austausch beider Länder fortan intensivieren. Neben dem Kulturerhalt und der Entwicklungspolitik soll Klimaschutz ein zentrales Thema der künftigen Zusammenarbeit werden.

Walter Lindner wird voraussichtlich als deutscher Botschafter für Bhutan zuständig sein. [EPA/RAINER JENSEN]

Umweltschutz ist Staatsräson

Bhutan hat eine negative CO2-Bilanz und das ist absolut positiv. Das bedeutet, dass das Königreich durch seine Forstpolitik, das Wassermanagement und die geringe Luftverschmutzung mehr Emissionen kompensiert als es selbst verursacht. “Bhutan ist ein umweltpolitischer Superstar”, lobt Lindner. In kaum einem anderen Land werde umweltpolitisch so viel richtig gemacht. Über 70 Prozent des Landes besteht aus Wald und damit das auch so bleibt, hat die bhutanesische Regierung in ihrer Verfassung festgeschrieben, dass dieser Wert die 60 Prozent nicht unterschreiten darf.

Zum Umweltschutz heißt es in der bhutanischen Verfassung, es sei die grundlegende Pflicht aller Bhutanesen, einen Beitrag zum Schutz der natürlichen Umwelt und zur Erhaltung der reichen biologischen Vielfalt des Landes zu leisten. Und auch die königliche Regierung verpflichtet sich qua Verfassung, Umweltverschmutzung und ökologische Zerstörung zu verhindern. Seit 2020 betreibt Bhutan laut eigenen Angaben ausschließlich ökologische Landwirtschaft und setzt keine chemischen Düngemittel oder Pestizide mehr ein. Zudem produziert das Land mehr Ökostrom in seinen Laufwasserkraftwerken, als seine knapp 750.000 Einwohnerinnen und Einwohner verwenden. Drei Viertel des grünen Stroms kann deshalb nach Indien exportiert werden.

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Bhutan leidet unter den Folgen des Klimawandels

Obwohl Bhutan den Klimawandel aufhält, statt ihn voranzutreiben, leidet das Land enorm unter seinen Folgen. Die Gletscher des Himalaya-Staates schmelzen, die Pegel der Flüsse sinken. Das gefährdet die Stromproduktion. Durch die stärker werdenden saisonalen Monsunregen, im Zuge der globalen klimatischen Veränderungen, werden Sturzfluten und Erdrutsche immer häufiger. Und so prägt der Kampf gegen den Klimawandel auch die  Außenpolitik Bhutans.

Derzeit hat das Land, welches geografisch zwischen den Supermächten China und Indien liegt, den Vorsitz der sogenannte LDC Climate-Group inne. Die “Least Developed Countries” wollen sich durch ein gemeinsames Auftreten mehr Gehör bei Klimagipfeln der Vereinten Nationen verschaffen. Der deutsche Botschafter Lindner kündigte an, dass sie dabei auch auf die Unterstützung Deutschlands zählen können: “Bhutan ist absolut mustergültig beim Umweltschutz, trägt aber die ganzen Lasten der weltweiten Umweltverschmutzung mit. Darum unterstützen wir sie auf internationalen Foren und bilateral bei der Umwelt- und Entwicklungszusammenarbeit.”

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Künftige gemeinsame Entwicklungspolitik

Zwei Biodiversitäts-Projekte in Bhutan werden derweil bereits mit jeweils zehn Millionen Euro aus Deutschland unterstützt, berichtet Lindner. Dabei gehe es um die Einrichtung von Naturschutzzonen, um die Einzigartigkeit der Umwelt des Landes zu bewahren. “Die Bhutanesen tragen nichts dazu bei, die Erde schmutziger zu machen. Und trotzdem tragen sie die Konsequenzen des Klimawandels. Das ist nicht gerecht”, begründet Lindner die Unterstützung Deutschlands.

Bei der gemeinsamen Entwicklungspolitik beider Länder geht es nicht nur um Naturschutz, sondern auch um die Ausbildung von Fachkräften, wie zum Beispiel im Handwerk, und nicht zuletzt um den Kulturerhalt. Durch die jahrelange Isolation des Landes, hat sich in Bhutan eine einzigartige Kultur entfalten und entwickeln können, wie in kaum einem anderen Land der Erde – ob bei der Kleidung, der buddhistischen Religion oder der Schrift. Ein Projekt der Bhutanischen Nationalbibliothek zum Erhalt traditioneller bhutanischer Schriftkultur wird bereits von Deutschland gefördert.

Zu der einzigartigen Kultur Bhutans gehört auch das sogenannte Bruttonationalglück. Das Land gibt nämlich an, den wirtschaftlichen Erfolg nicht nach dem Pro-Kopf-Einkommen zu messen, sondern nach der Zufriedenheit und dem Glück der Menschen. Der designierte deutsche Botschafter für Bhutan Walter Lindner findet, dass Deutschland dabei von Bhutan lernen könne: “Westlichen Gesellschaften täte es bisweilen auch gut, nicht vor allem auf materielle Bilanzen zu schauen, sondern auch einen ganzheitlichen Ansatz der Zufriedenheit der Bevölkerung in Betracht zu ziehen. Sei es beim Umgang mit der Natur, mit Tieren oder mit unserer Nahrung.” Man sehe in Bhutan einen verbindenden Gedanken vom spirituellen zum materiellen und von der Umwelt zur Kultur, den wir in den meisten Ländern der Welt bereits verloren haben, stellt Lindner fest.

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