Belarus: „Lukaschenko kann wie Gaddafi enden“

Demonstrationen in Minsk vom Oktober. [STR/EPA]

Vor 20 Jahren gab es schon einmal heftige Proteste gegen Alexander Lukaschenko in Belarus. Die Tochter des damals verschwundenen Oppositionspolitikers Juri Sacharenko sieht Parallelen.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Vor einem Jahr enthüllte die Deutsche Welle, wie die Gegner des amtierenden belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko Ende der 1990er-Jahre entführt und ermordet wurden. In einem exklusiven Interview berichtete der ehemalige Soldat der Spezialeinheit SOBR, Juri Garawski, wie er bei der Verschleppung und Ermordung prominenter belarussischer Oppositionspolitiker half – unter anderem des ehemaligen Innenministers Juri Sacharenko.

Kurz danach, am 18. Dezember 2019, rollte das Ermittlungskomitee der Republik Belarus den Fall Sacharenko neu auf. Allerdings wurde er drei Monate später wieder geschlossen, weil „die Identität der Beschuldigten nicht festgestellt werden konnte“.

Für Jelena Sacharenko, die Tochter des entführten Oppositionspolitikers, kam das nicht überraschend. „Uns ist klar, dass unter den jetzigen Machthabern keine Wahrheit über die Geschehnisse ans Licht kommen wird,“ erklärt sie jetzt im Interview mit der DW in ihrer Wohnung in Münster.

Belarus geht uns alle an

Vier Monate, mehrere Protestaktionen und mehr als 30.000 Verhaftungen nach der gefälschten Präsidentschaftswahl in Belarus ist das Land wieder dort angekommen, wo es Anfang August stand.

Wie Gegner von Lukaschenko verschwanden

Jelenas Vater, Juri Sacharenko, war einer der Gegner des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko, die Ende der 1990er-Jahre versuchten, seine Alleinherrschaft zu verhindern. Lukaschenko wurde 1994 gewählt und weitete dann durch zwei umstrittene Volksabstimmungen seine Machtbefugnisse aus: Er ließ die Verfassung zu seinen Gunsten ändern und aus einem präsidial-parlamentarischen wurde ein präsidiales Regierungssystem.

Sacharenko, der einst Lukaschenko unterstützt hatte und 1994 von ihm zum Innenminister ernannt worden war, wurde zu einem seiner härtesten Kritiker. Er warf dem Präsidenten Korruption und Machtmissbrauch vor. 1995 entließ Lukaschenko ihn. Sacharenko wurde zu einem der Anführer der Opposition. Sein Ziel war die Absetzung Lukaschenkos, den er als Diktator betrachtete. Am 7. Mai 1999 verschwand Juri Sacharenko in Minsk spurlos.

Bis Februar 2020 wusste seine Tochter nicht genau, was ihm passiert war. Nach der Veröffentlichung der DW-Recherche entschied sie sich, Juri Garawski zu kontaktieren. Ein Treffen zwischen beiden fand in der Schweiz statt, wo Garawski 2018 Asyl beantragt hatte. Vor dem Gespräch war Sacharenko sehr aufgeregt. Es fiel ihr nicht leicht, den Mann zu sehen, der an der Ermordung ihres Vaters mitgewirkt haben soll. „Aber ich musste es tun“, sagt sie. Sacharenko wollte herausfinden, ob Garawski im Interview mit der DW die Wahrheit gesagt hatte. Das Treffen beseitigte ihre Zweifel.

Junge Menschen treiben die Proteste in Belarus an

Seit mehr als 100 Tagen versammeln sich belarussische pro-demokratische Demonstrierende nach manipulierten Wahlen zu Protesten gegen Präsident Alexander Lukaschenko. Zwar gehen auch ältere Menschen, insbesondere Frauen, auf die Straßen – junge Menschen stehen aber an vorderster Front der Proteste.

Flucht von der Vergangenheit

Seit 20 Jahren wohnt Jelena Sacharenko in Münster. Im Jahr 2000 beantragte sie mit ihrem Sohn, ihrer Mutter und der jüngeren Schwester politisches Asyl in Deutschland.

Die 45-Jährige hat dunkle Haare und hellblaue Augen. Sie spricht gut Deutsch, arbeitet als Verkäuferin. In ihrer Freizeit spielt sie Klavier und geht in die Kirche. Sacharenko wirkt ruhig und melancholisch. Doch ihre traurige Familiengeschichte lässt sie bis heute nicht los. In ihrer Wohnung hängen keine Fotos von ihrem Vater. Es fällt ihr schwer, sich alte Videokassetten anzuschauen. Der DW zeigt sie sie dennoch.

Ein Video zeigt Jelena Sacharenko bei einem Spaziergang mit ihrem Sohn im Jahr 2002 in Münster. „Wo ist denn dein Opa?“, fragt der Kameramann. „Er wurde verschleppt“, sagt der Vierjährige. „Von wem?­“, fragt der Mann. „Von den Banditen“, antwortet der Junge.

Auf anderen Aufnahmen spricht Jelena Sacharenko mit ihrer in Belarus gebliebenen Oma, der Mutter von Juri Sacharenko: „Seit zwei Jahren haben wir dich nicht gesehen. Unsere bescheidenen finanziellen Möglichkeiten erlauben uns nicht oft, dich anzurufen. Wie gerne würde ich dich wiedersehen.“ Doch ein Wiedersehen fand nie statt. Die Mutter von Juri Sacherenko starb 2018 in Belarus – ohne die Wahrheit über das Verschwinden ihres Sohns zu erfahren.

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Proteste von heute wecken Erinnerungen an gestern

Jelena Sacharenko verfolgt die anhaltenden Proteste gegen die Regierung in Belarus übers Internet – „mit Sorge und Hoffnung“. Sowohl die Anti-Lukaschenko-Parolen als auch die Symbole der Protestbewegung (zum Beispiel die weiß-rot-weiße Flagge) sind heute die gleichen wie Ende der 1990er-Jahre, als ihr Vater einer der Oppositionsführer war. Das überrascht sie nicht, denn das Ziel der Proteste sei gleichgeblieben: „Das Land von der Diktatur zu befreien.“ Neu sei, dass sich Informationen dank des Internets heute viel schneller verbreiten als vor 20 Jahren. Außerdem sei in Belarus eine neue Generation herangewachsen, die sich an europäischen demokratischen Werten orientiert.

Die Demonstrationen in Belarus werden brutal niedergeschlagen. Seit Beginn der Massenproteste nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen am 9. August wurden nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten bereits mehr als 30.000 Personen festgenommen. Die UN dokumentierte Hunderte Fälle von Folter, in Wirklichkeit dürften es viel mehr sein. Einige Menschen sind gestorben. Wie zum Beispiel der 31-jährige Künstler Roman Bondarenko, der zu Tode geprügelt wurde.

„Das geschieht, weil die Verbrecher damals nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Die Straflosigkeit provozierte neue Opfer.“ Während die Repressionen früher sich gegen führende Politiker richteten, treffen sie heute auch einfache Bürger, beobachtet Jelena Sacharenko.

Alexander Lukaschenko, glaubt sie, wird seinen Posten nie freiwillig räumen. Jelena Sacharenko kann sich zwei Szenarien vorstellen: Entweder Lukaschenko endet wie der geflüchtete ukrainische Ex-Präsident Viktor Janukowitsch im russischen Exil oder wie das ehemalige libysche Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi – auf der Flucht getötet. „Wenn Lukaschenko ohne seine Wachmänner einen öffentlichen Platz betreten würde, würden die Menschen ihn einfach in Stücke reißen“, sagt Sacharenko.

Heutzutage sei vielen Menschen in Belarus klargeworden, so die 45-Jährige, in was für einem Regime sie leben. Ihre Familie musste diese schmerzhaften Erfahrungen bereits vor mehr als 20 Jahren machen.

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Heimweh nach Belarus

„Wir sind verbunden durch den Schmerz des Verlustes, der Ausweglosigkeit“, sagt Jelena Sacharenko über die Menschen, die derzeit der Polizeigewalt in Belarus ausgesetzt sind. Was würde sie ihnen empfehlen? „Die Jüngeren und die gut Ausgebildeten haben Möglichkeiten, sich im Ausland zu verwirklichen“, rät sie. Den Älteren falle eine Auswanderung schwer. Auch Jelena Sacharenko vermisst Belarus sehr. Deutschland ist keine Heimat für sie geworden. Aber es ist ihr Zuhause, denn hier leben auch ihre Mutter und ihr Sohn. Der Enkel von Juri Sacharenko ist inzwischen 22 Jahre alt und möchte eine Ausbildung bei der Polizei machen. Jelena Sacharenko erzählt ihm von den Ereignissen in Belarus, doch er lebe, sagt sie, „in einer ganz anderen Welt“.

Die Tochter des verschwundenen Oppositionspolitikers kann die Vergangenheit seit mehr als 20 Jahren nicht hinter sich lassen. Sie möchte nach Belarus zurückkehren, um sich von ihrem Vater und ihrer Großmutter zu verabschieden. Jelena Sacharenko hofft, dass bald nicht nur sie mit dieser dunklen Vergangenheit abschließen kann, sondern auch ihre Heimat Belarus.

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