Angriff auf Ölanlagen: Schluss mit „Selbstzufriedenheit und Bedenkenlosigkeit“?

Ein von NASA Worldview zur Verfügung gestelltes Foto zeigt das Satellitenbild von Bränden in zwei großen Ölanlagen im Osten Saudi-Arabiens, am 14. September 2019 (Bildveröffentlichung am 15. September). [EPA-EFE/NASA WORLDVIEW HANDOUT]

Die Welt hat diese Woche einen der größten plötzlichen Anstiege des Ölpreises in der Geschichte erlebt. Zuvor war durch Angriffe auf saudi-arabische Ölanlagen die Produktion des Königreichs halbiert worden. Dies ist die größte Versorgungsunterbrechung seit 50 Jahren.

Die Lage bleibt vorerst unklar. Die Saudis wollen in den kommenden Tagen weitere Informationen über die Situation liefern. Allerdings scheint bereits gewiss, dass der Vorfall das Vertrauen in saudi-arabisches Rohöl als zuverlässige Quelle und „letzten Ausweg“, wenn im Persischen Golf weitere Spannungen mit dem Iran aufflammen sollten, erschüttert hat.

„Ich finde, es gab eine beträchtlich lange Zeit, in der es eine große Selbstzufriedenheit und wenig Bedenken über die Risiken in dieser Hinsicht gab; weil dieser Irrglaube herrscht, dass es immer viel Öl und viele Alternativen gibt, wenn so etwas passiert“, kommentierte Christopher Haines, Analyst bei Energy Aspects in London, gegenüber EURACTIV.

„Die Angriffe auf Saudi-Arabien […] haben zwei Dinge wirklich deutlich gemacht: dass so etwas eine massive Menge Öl aus dem Markt nimmt; und dass es in der Region Gruppen gibt, die in der Lage sind, erhebliche Störungen zu verursachen. Das stellt eine Gefahr für die Zukunft dar. Es hat die Risikoprämien bei den Ölpreisen angeheizt, wie wir es bisher nicht erlebt haben.“

Möglicher Tanker-Angriff zeigt die Unsicherheit auf den Ölmärkten

Der Rohölpreis ist am vergangenen Donnerstag (13. Juni) nach unbestätigten Berichten über einen Angriff auf zwei Öltanker im Golf von Oman plötzlich gestiegen.

Der neueste Vorfall folgt auf die Beschlagnahmung von Öltankern durch den Iran in der Straße von Hormus im Juni, die bereits zu Unruhen auf dem Ölmarkt führte, aber keine ausgewachsene „Öl-Panik“ auslöste. Auch ein Angriff auf saudische Ölanlagen im Mai hatte keinen wesentlichen Einfluss auf die Preise. Aktuell warten die Märkte offenbar noch mit Anspannung ab, ob der Vorfall zu einem militärischen Konflikt zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten führen wird.

Während zunächst Drohnen von Rebellenkämpfern im Jemen für die Angriffe verantwortlich gemacht worden waren, gehen die USA inzwischen davon aus, dass der Iran hinter dem Angriff steckt – entweder durch Übernahme der Drohnen oder sogar durch den eigenen Abschuss von Raketen.

Preis-Schock am Montag

Der Ölpreis sank am gestrigen Dienstag leicht, nachdem die Preise im Intraday-Handel vom Montag in Reaktion auf die Anschläge plötzlich um 20 Prozent gestiegen waren. Dies war der größte Sprung seit drei Jahrzehnten. Bei Geschäftsschluss am Dienstag lag der Preis immer noch 15 Prozent höher als in der Vorwoche.

Derweil gab es einige Gerüchte, bis zu 40 Prozent der durch die Angriffe eingebüßten Liefermengen könnten schon heute wieder geliefert werden. Dies wurde bisher allerdings nicht offiziell bestätigt.

„Das Ausmaß des Vorfalls hängt von den Volumenzeiten ab. Was wir in den vergangenen zwei Tagen gesehen haben, ist, dass es 5,7 Millionen Barrel an Ausfällen gegeben hat. Das sind einige der größten, die wir je hatten,“ so Haines. „Sobald wir etwas mehr Klarheit darüber haben, was zurück an die Märkte gebracht werden kann, werden wir auch sehen, welche Kapazitätsreserven in Saudi-Arabien zusätzlich genutzt werden können.“

Wie anfällig ist Europa für Konflikte in der Straße von Hormus?

Nach der Beteiligung eines britischen Tankschiffs an dem jüngsten militärischen Zwischenfall mit dem Iran ist nun auch die EU in die Gefahr einer Konfrontation geraten.

Die Folgen des fehlenden Angebots werden vor allem in Asien zu spüren sein, wohin das meiste saudische Rohöl geliefert wird. Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass asiatische Länder nach alternativen Angeboten suchen. Europa und die Vereinigten Staaten sind vom Lieferausfall noch nicht sonderlich stark in Mitleidenschaft gezogen, könnten jedoch von potenziellen weiteren Preisschwankungen betroffen sein.

Die Lagerbestände sind allerdings hoch. Es gab auch teilweise bereits Gerüchte über neue Ölfreisetzungen aus strategischen Lagern in den USA und Japan.

Weitere Preisschwankungen denkbar

Die Angriffe fallen in den breiteren Kontext des anhaltenden Handelsstreits zwischen den Vereinigten Staaten und China, der die Nachfrage bereits gedämpft hat.

Auch wenn die erste Panik über den Vorfall in Saudi-Arabien nachlässt, könnte sie – in Kombination mit den chinesisch-amerikanischen Streitigkeiten – in den kommenden Monaten zu größeren Marktreaktionen auf verhältnismäßig kleine Vorfälle führen.

Denn möglicherweise haben die Ölmärkte inzwischen die stetig wachsenden Unsicherheiten in der Golfregion aufgrund geopolitischer Entwicklungen erkannt.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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