Afrikas vergessene Opfer im Zweiten Weltkrieg

Senegalesische Veteranen des Zweiten Weltkriegs nehmen am Dienstag, 23. August 2005, an einer Parade in Dakar im Senegal teil. [EPA/PIERRE HOLTZ]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Mehr als eine Million afrikanische Soldaten mussten im Zweiten Weltkrieg kämpfen – und wurden kaum dafür entschädigt. In Europa, Asien und auf den Pazifischen Inseln ließen Afrikaner ihr Leben für die Kolonialherren.

Sie wurden in einen Krieg hineingezogen, der nicht ihrer war: Hunderttausende westafrikanische Soldaten wurden ab 1939 zum Kampfeinsatz an die Fronten nach Europa geschickt, zahllose Männer aus den britischen Kolonien mussten als Hilfsarbeiter und Träger ihre Pflicht tun.

Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, kapitulierte die deutsche Wehrmacht – damit endete der Zweite Weltkrieg in Europa. In Frankreich, Deutschland oder Italien, in Indien, Myanmar oder auf den Pazifischen Inseln hatten afrikanische Soldaten an der Seite der europäischen Kolonialmächte gekämpft, waren verwundet oder getötet worden. Doch dafür wurde ihnen zu Lebzeiten nur selten Anerkennung gezollt.

Zumindest symbolisch gibt es inzwischen Fortschritte: Zum 75. Jahrestag der Landung der Alliierten an der französischen Mittelmeerküste beklagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2019, der Beitrag afrikanischer Soldaten zur Kriegswende sei lange vergessen worden. Durch ihr vergossenes Blut trage Frankreich einen afrikanischen Anteil in seinem Innersten. „Wir werden niemals etwas oder jemanden vergessen“, sagte Macron.

Zwangsrekrutierung unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit

75 Jahre nach Kriegsende bleiben kaum Überlebende, die ihre Erfahrungen teilen könnten. Für ein Verständnis der afrikanischen Beteiligung müssen umso mehr historische Quellen herangezogen werden. Darstellungen mit großer Reichweite prägen die Wahrnehmung bis heute – nicht immer zu Recht. In den Wochenschauen in Europa sprach man von „Freiwilligen“. Vor Ort sah es jedoch anders aus, erzählte der kongolesische Kriegsveteran Albert Kunyuku bereits vor fünf Jahren, im Alter von 93 Jahren, dem DW-Korrespondenten in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Bis 1960 war das Land belgische Kolonie.

Kunyuku, jahrelang Vorsitzender der Veteranenunion in Kinshasa, sprach von klaren Zwangsrekrutierungen: „Ich habe in einer Textilfirma gearbeitet, als sie uns geholt haben. Dann sind sie zu anderen Firmen gegangen. Alle jungen Arbeiter wurden rekrutiert, keiner war älter als 30 Jahre.“ Auch der im Senegal geborene Yoro Ba spricht von Zwangsrekrutierungen. Er erinnert sich an den Tag, an dem die Franzosen in sein Dorf kamen: „Wären wir Männer zu Hause geblieben, wären wir vor Gericht gekommen und womöglich erschossen worden“, erzählte er der DW in einem Interview.

Wofür sie genau kämpfen sollten, wurde ihnen nicht erklärt, sagte Baby Sy, ein Veteran aus Burkina Faso: „Bei uns wussten die Leute damals nicht, um was es ging, wenn von Faschismus die Rede war. Uns erzählten sie lediglich, dass uns die Deutschen angegriffen hätten und uns Afrikaner für Affen hielten. Als Soldaten könnten wir ihnen beweisen, dass wir Menschen seien. Das war’s. Mehr politische Erläuterungen gab es zu der Zeit nicht.“

Im Krieg sind alle gleich

Ob in Kriegsgefangenschaft oder an der Front – die afrikanischen Soldaten kamen zwangsläufig mit europäischen Soldaten und mit der Lebensrealität in Europa in Kontakt. Das wirkte sich auf ihre Bewusstseinsbildung und damit auch auf ihr politisches Handeln im Heimatland aus.

Der senegalesische Schriftsteller und Filmemacher Ousmane Sembène, selbst ehemaliger Kolonialsoldat, sagte einmal: „Im Krieg haben wir die Weißen nackt gesehen – und dieses Bild haben wir nicht vergessen.“

Das hatte weitreichende Konsequenzen. Die afrikanischen Soldaten hätten die sogenannten ‚Herrenmenschen‘ aus Europa im Schlamm und Dreck, leidend und sterbend erlebt, sagt der deutsche Journalist Karl Rössel, der 10 Jahre lang unter anderem in Westafrika zum Thema recherchiert hat. „Dadurch realisierten sie, dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt.“ Das habe wiederum dazu geführt, dass viele ehemalige Soldaten sich nach ihrer Heimkehr den Unabhängigkeitsbewegungen in ihren Ländern anschlossen.

Stolz und zugleich verbittert

Doch nicht alle Veteranen hätten Zugang und Akzeptanz bei den Unabhängigkeitsbewegungen gefunden, sagt der Historiker Raffael Scheck von der Universität Waterville in den USA. Viele Befreiungskämpfer kritisierten, dass die Veteranen mit den Kolonialmächten und Unterdrückern gemeinsame Sache gemacht hätten.

Die allermeisten Veteranen sind inzwischen verstorben. Die noch Lebenden spüren nicht selten eine gewisse Verbitterung: Obwohl sie den Sieg über den Faschismus mit erkämpft haben, hätten sie dafür kaum Anerkennung bekommen. „Ich bekomme nur 5000 kongolesische Francs (rund fünf Euro, Anm.d.Red.) Kriegsrente im Monat. Das ist unwürdig für jemanden, der für die Interessen Belgiens gekämpft hat“, klagte Veteran Albert Kunyuku im DW-Interview 2015.

Scheu vor den Konsequenzen für die Gegenwart

Dass dieses Kapitel in europäischen und vor allem in deutschen Geschichtsbüchern nur eine Randnotiz bleibt, liegt laut Journalist Karl Rössel auch daran, dass sich die Länder in Europa davor scheuten, Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen.

„Wenn man es mit der Aufarbeitung ernst meint, dann müsste man mit den Nachfahren unserer Befreier anders umgehen, als es heute in der Flüchtlingspolitik der Fall ist“, so Rössel. „Man müsste rund um den Globus für die Folgen des Krieges Entschädigungen zahlen. Aber fast nirgendwo ist nachher wieder aufgeräumt oder aufgebaut worden.“

Albert Kunyuku kehrte 1946 in seine Heimat zurück. Zwei Jahre lang hatte er in Südasien aufseiten der Alliierten gegen die Japaner gekämpft. Bei der Frage, ob er stolz auf seinen Kriegsdienst sei, hielt er inne. Tränen flossen ihm über die Wangen. Nein, antwortete er, er sei nicht stolz.

Die Trauer um seine gefallenen Kameraden saß tief. Nur wenige von den 25.000 afrikanischen Soldaten, die mit ihm an die Front in Asien aufbrachen, kamen wieder zurück.

Mitarbeit: Saleh Mwanamilongo (Kinshasa)

 

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