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23/01/2017

Afrika in der IS-Zange

EU-Außenpolitik

Afrika in der IS-Zange

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Foto: dpa

Während alle Augen auf Syrien und den Irak gerichtet sind, weitet die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) fast unbemerkt ihre Macht in Afrika aus.

Vor allem in Libyen und in Nigeria verbreiten islamistische Gruppen, die der IS-Organisation die Treue geschworen haben, Angst und Schrecken. Experten befürchten, dass Afrika von diesen IS-Milizen über kurz oder lang in die Zange genommen werden könnte.

Große Sorgen bereiten den europäischen Regierungen derzeit insbesondere die Aktivitäten von IS-Kämpfern in Libyen. Binnen eines Jahres habe sich deren Zahl verzehnfacht, von 200 auf etwa 2.000, meint Afrikaspezialist Peter Pham vom Atlantic Council. Sirte, die Geburtsstadt des gestürzten libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi, rund 450 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt an der Mittelmeer-Küste, ist seit Februar die IS-Hochburg in dem Land.

Die Beziehungen zwischen den IS-Kämpfern im nordafrikanischen Libyen und den IS-Anhängern von Boko Haram im westafrikanischen Nigeria könnten „bald“ den reinen Propaganda- und Medienbereich hinter sich lassen, warnt Jacob Zenn von der Jamestown Foundation. Dann könnten Boko-Haram-Kämpfer in Libyen trainiert und ausgebildet werden. „Wenn Libyen für das Afrika südlich der Sahara das wird, was (die syrische IS-Hauptstadt) Rakka für andere Teile der Welt ist, dann könnte Boko Haram 2016 oder 2017 sehr gut eine neue Art von Angriffen in Nigeria oder Westafrika starten“, fügt der Experte für dschihadistische Gruppen in Afrika hinzu.

Statt sich nur auf ihre lokalen Ziele zu konzentrieren, könnten die IS-Milizen „westliche Interessen in der Region“ ins Visier nehmen, sagt auch Michael Shurkin vom Analysezentrum Rand Corporation, der früher beim US-Geheimdienst CIA war. Durch die Übernahme von Symbolen, Rhetorik und Propaganda des IS würden auch mehr ausländische Kämpfer angezogen, sagt Pham.

Auch wenn es aus Europa bisher nur wenige sind – Mitte November wurden zwei Franzosen in Tunesien festgenommen, die sich der IS-Miliz in Libyen anschließen wollten – so ruft die IS-Organisation ihre Anhänger inzwischen weltweit doch explizit dazu auf, sich ihren Gruppen in Afrika anzuschließen, sollte die Ausreise nach Syrien oder in den Irak zu schwierig sein.

In Sirte in Libyen kämen schon „hunderte ausländische Kämpfer aus Tunesien, dem Suden, dem Jemen, aber auch aus Nigeria“ an, um dort für Anschläge in anderen Ländern ausgebildet zu werden, sagt ein Oberst der libyschen Regierungstruppen, der anonym bleiben will. Das Außenministerium der international anerkannten Regierung in dem von Chaos und Gewalt zerrütteten Land spricht sogar von mehreren tausend Rekruten des IS in der Stadt. Das Ministerium befürchtet, dass es noch viel mehr werden könnten, wenn der Druck auf den IS in Syrien und dem Irak steige.

Noch sehen sich die IS-Dschihadisten in Libyen einem starken Widerstand nicht nur der zahllosen anderen bewaffneten Milizen in dem Land, sondern auch aus der Bevölkerung gegenüber. Doch der IS versucht derzeit, seinen Einflussbereich auf die Öl- und Gasgebiete in Richtung Adschdabija auszuweiten, rund 350 Kilometer von Sirte und 190 Kilometer von Bengasi entfernt.

Wie in Syrien und im Irak hat der Westen große Schwierigkeiten, in dem Land mit zwei rivalisierenden Regierungen und Parlamenten verlässliche Partner zu finden, um die IS-Dschihadisten am Boden bekämpfen zu können. Und so kann sich der IS zunehmend festsetzen und auch für Nachbarländer wie Tunesien gefährlich werden. Frankreichs Regierungschef Manuel Valls warnte erst kürzlich, dass Libyen „mit Sicherheit das große Thema der nächsten Monate“ werde.