Afghanische Truppen fliehen vor Taliban: Tadschikistan beruft Reserve ein

Der tadschikische Grenzschutz bestätigte, 1.037 afghanische Soldaten seien mit der Erlaubnis Tadschikistans über die Grenze geflohen. [EPA-EFE/JALIL REZAYEE]

Tadschikistans Präsident hat am Montag (5. Juli) die Mobilisierung von 20.000 Militärreservisten angeordnet, um die Grenze zu Afghanistan zu sichern, nachdem mehr als 1.000 afghanische Sicherheitskräfte als Reaktion auf den Vormarsch militanter Taliban über die Grenze geflohen sind.

Die Grenzübertritte am Sonntag unterstrichen die sich rapide verschlechternde Situation in Afghanistan, wo sich die ausländischen Truppen nach 20 Jahren Krieg einem vollständigen Abzug nähern – und die Friedensverhandlungen zeitgleich ins Stocken geraten sind.

Der tadschikische Präsident Emomalij Rahmon führte eine Reihe von internationalen Telefonaten, um die Situation mit Verbündeten in der Region zu besprechen, darunter auch mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin. Putin versicherte Rahmon, dass Moskau die ehemalige Sowjetrepublik bei der Stabilisierung ihrer Grenze zu Afghanistan unterstützen würde, falls nötig, sowohl direkt als auch durch einen regionalen Sicherheitsblock.

Russland betreibt in dem armen zentralasiatischen Land seine größte Militärbasis im Ausland. Dort sind zahlreiche russische Panzer, Hubschrauber und Bodenkampfflugzeuge stationiert.

Tadschikistan prüft seinerseits die Einrichtung von Lagern für potenzielle Geflüchtete aus Afghanistan, wie Regierungsquellen am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärten.

Bundeswehreinsatz in Afghanistan offiziell beendet

Der zwanzigjährige Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan ist am Mittwoch (30. Juni) offiziell beendet worden: Die letzten drei Flugzeuge mit den verbliebenen Soldat:innen landeten gestern im niedersächsischen Luftwaffen-Stützpunkt Wunstorf.

Hunderte Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte sind vor dem raschen Vormarsch der islamistischen Taliban im Norden geflohen. Die Rückzüge vom Sonntag waren bisher die größten, die bestätigt wurden. Sie kamen nur zwei Tage, nachdem die Vereinigten Staaten offiziell ihren wichtigsten Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan geräumt hatten. Alle ausländische Truppen sollen bis zum 11. September abgezogen werden.

Die Taliban übernahmen sechs wichtige Bezirke in der nördlichen Provinz Badachschan, die sowohl an Tadschikistan als auch an China grenzt, woraufhin 1.037 afghanische Soldaten mit der Erlaubnis Tadschikistans über die Grenze flohen, wie dessen Grenzschutzdienst bestätigte.

Am Sonntag telefonierte der afghanische Präsident Aschraf Ghani mit Rahmon, um die Entwicklungen zu besprechen. „Besondere Aufmerksamkeit wurde der Eskalation der Situation in den nördlichen Gebieten Afghanistans, die an Tadschikistan grenzen, gewidmet“, teilte das Büro des tadschikischen Präsidenten in einer Erklärung mit. Weiter hieß es, Rahmon habe seine Besorgnis über „erzwungene Grenzübertritte“ durch Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte zum Ausdruck gebracht.

Rahmon rief auch seine zentralasiatischen Amtskollegen Schawkat Mirsijojew aus Usbekistan und Qassym-Schomart Toqajew aus Kasachstan an und hielt eine Sitzung des Sicherheitsrates ab, so sein Büro.

„Kein Ausweg“

Ein hochrangiger afghanischer Beamter bestätigte, dass es Hunderte Grenzübertritte nach Tadschikistan gegeben habe, konnte aber keine genaue Zahl nennen. „Die Taliban haben alle Straßen abgeschnitten und diese Menschen konnten nirgendwo anders hin als über die Grenze“, sagte er gegenüber Reuters.

Letzte Woche räumten die US-Streitkräfte Bagram und beendeten damit den längsten Krieg in der Geschichte der USA. Der Abzug war Teil einer Übereinkunft mit den Taliban. Der Luftwaffenstützpunkt war bereits ein wichtiger militärischer Stützpunkt für die Sowjetunion gewesen, nachdem diese 1979 in Afghanistan einmarschiert war. Die Sowjets zogen sich 1989 zurück.

Tschechiens Präsident hält Afghanistan-Abzug für einen Fehler

Der tschechische Präsident Miloš Zeman hält die Entscheidung der USA und der NATO, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen, für einen Fehler.

Die Taliban hatten in jüngster Vergangenheit ihre Attacken auf westliche Streitkräfte eingestellt, greifen aber weiterhin afghanische Regierungs- und Sicherheitseinrichtungen an, während sie im ganzen Land schnelle Gebietsgewinne erzielen. Die Friedensgespräche zwischen den beiden Seiten blieben bisher ergebnislos.

Sabihullah Atik, ein Parlamentsabgeordneter aus Badachschan, sagte gegenüber Reuters, die Taliban hätten inzwischen 26 der 28 Bezirke der Grenzprovinz erobert – drei davon seien den Aufständischen kampflos übergeben worden.

Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte nutzten verschiedene Routen zur Flucht, sagte er, fügte aber hinzu, dass die Taliban Dutzende von Mitarbeitern im Bezirk Ischkaschim gefangen genommen hätten, wo tadschikische Grenztruppen jeden Übergang blockiert hätten.

Tadschikische Beamte teilten ihrerseits mit, sie hätten 152 Personen aus Ischkaschem eingelassen, äußerten sich aber nicht dazu, ob jemandem die Einreise verweigert wurde.

Der afghanische Nationale Sicherheitsberater Hamdullah Mohib, der sich am Montag zu Sicherheitsgesprächen in Moskau aufhielt, sagte, die Regierungstruppen hätten die Taliban-Offensive nicht vorausgesehen, würden nun aber zum Gegenangriff übergehen. Moskau teilte mit, dass das russische Konsulat in der nordafghanischen Stadt Mazar-i-Sharif seinen Betrieb wegen Sicherheitsbedenken einstellt, so die russische Nachrichtenagentur TASS.

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