Absturz der Lira: Türkei plant Einsparungen und Wirtschaftsreformen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (m.) und Finanzminister Berat Albayrak (l.) versuchen, die Lira international zu stabilisieren. [Sedat Suna/ epa]

Die Türkei ist bemüht, Investoren zu beruhigen und den Absturz der Lira abzufedern. Präsident Erdogan sucht im Ausland nach Unterstützung, doch der Konflkt mit den USA schwelt weiter.

In einer mit Spannung erwarteten Telefonkonferenz mit Tausenden Investoren und Volkswirten demonstrierte Finanzminister Berat Albayrak – der Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdogan – am Donnerstag Zuversicht und Gelassenheit: Sein Land werde gestärkt aus der Krise hervorgehen. Kapitalkontrollen seien ebenso wenig geplant wie die Annahme von Hilfen des Internationalen Währungsfonds. Anleger reagierten mit einer gewissen Erleichterung auf Albayraks Worte: Die Lira baute ihre Kursgewinne aus, die sie im Vorfeld der Präsentation gemacht hatte. Neues Ungemach droht der Regierung in Ankara aber aus den USA, weil im Streit um einen in der Türkei festgesetzten US-Pastor zusätzliche Sanktionen ins Gespräch gebracht wurden.

Albayrak habe genügend Zuversicht verbreitet, sagte Anlagestratege Richard Segal vom Vermögensverwalter Manulife. Die Frage sei allerdings, wie er seine Ziele – etwa eine einstellige Inflationsrate – erreichen könne. Der Schwiegersohn des Präsidenten hatte zuletzt neue staatliche Großprojekte angekündigt. Wie sie sich mit den Sparplänen Albayraks vertragen, ist unklar. Andere Experten zeigten sich vor allem zufrieden mit der Absage des türkischen Finanzministers an Kapitalkontrollen.

Das Interesse an der Telefonkonferenz war mit rund 3000 Teilnehmern immens, die türkische Währungskrise hatte zuletzt die Märkte weltweit in Atem gehalten: Seit Jahresbeginn hat die Lira rund 40 Prozent zum Dollar verloren und fiel am Montag auf ein Rekordtief. Seitdem hat eine Erholung eingesetzt. Am Donnerstag verbilligte sich der Dollar auf 5,7574 Lira.

Erdogans Schwiegersohn sagte weiter, die Türkei werde ihre Haushaltsziele durch eine straffere Ausgabenpolitik erreichen. Der Fokus liege zudem darauf, ausländische Investitionen ins Land zu holen – wie die milliardenschweren Zusagen Katars. Zum Streit mit den USA erklärte er, viele Staaten seien mit US-Sanktionen konfrontiert. Die Türkei werde durch diese Phase zusammen mit Ländern wie Deutschland, Russland und China navigieren.

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Beziehungen ins Ausland sind belastet

Hintergrund der Krise ist der Streit um die Inhaftierung des US-Pastors Andrew Brunson. US-Präsident Donald Trump verhängte deshalb Sanktionen gegen zwei türkische Minister und verkündete am vergangenen Freitag eine Verdopplung der Zölle auf türkische Stahl- und Aluminiumimporte. Erdogan reagierte darauf mit der Erhöhung der Zölle auf eine Reihe von US-Produkten und rief zum Boykott elektronischer Geräte aus den USA auf. Erst gestern erklärte US-Finanzminister Steven Mnuchin dann, seine Regierung habe bereits weitere Sanktionen gegen die Türkei vorbereitet, wenn der US-Pastor Andrew Brunson nicht bald freikomme.

Angesichts des Streits mit den USA sucht Erdogan verstärkt den Kontakt mit anderen Verbündeten. Am Mittwoch empfing er den Emir von Katar, der Investitionen von 15 Milliarden Dollar in der Türkei zusagte. Am Donnerstag telefonierte er zudem mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Dabei betonten sie die Wichtigkeit, die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sowie die Investitionen weiter auszubauen, wie das Präsidialamt erklärte.

Erdogan und Macron vereinbarten demnach zudem, dass Albayrak sich baldmöglichst mit seinem französischen Kollegen Bruno Le Maire unterhalten werde. Am Donnerstag telefonierte Albayrak mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD), wobei sie ein Treffen für den 21. September in Berlin vereinbarten. Erdogan hatte am Mittwoch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefoniert und dabei das Gespräch mit Scholz vereinbart.

Allerdings wurden die Beziehungen zur Türkei gerade durch eine weitere Verhaftung eines deutschen Staatsbürgers belastet. Der 46-jährige Hamburger wurde im kurdischen Teil der Türkei bei einem Besuch seiner Mutter festgenommen, wie Tagesschau.de unter Berufung auf den Anwalt des Mannes berichtete. Ihm werde vorgeworfen, sich kritisch über die türkische Regierung geäußert zu haben.

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