„Zugang zu Wasser ist eine Frage der Regierungsführung, nicht der Ressourcen“

In Entwicklungsländern steigt der Wasserverbrauch durch den Einbau von Spültoiletten und fließendem Wasser. [Jesada Sabai/Shutterstock]

Die Wasserressourcen sind auf dem Planeten ungleich verteilt. Aber der Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen hängt vor allem von einer guten Stadtplanung ab, sagt Cécile Gilquin im Interview mit EURACTIV Frankreich.

Cécile Gilquin ist Leiterin der Wasser- und Sanitärabteilung der französischen Entwicklungshilfeagentur AFD. Dieses Interview wurde in Zusammenarbeit mit dem Entwicklungs-Brainstorming-Blog ID4D veröffentlicht.

Die Wasserbewirtschaftung in städtischen Gebieten ist kompliziert, insbesondere in Großstädten in Entwicklungsländern. Warum ist das so?

Es gibt ein großes Problem mit der Wasserversorgung und dem Wassermanagement in städtischen Gebieten. 54 Prozent der Weltbevölkerung leben bereits in städtischen Gebieten, und bis zum Ende des Jahrhunderts könnte dieser Anteil mindestens 60, laut einigen Schätzungen sogar bis zu 92 Prozent der Gesamtbevölkerung erreichen. So wird sich die Stadtbevölkerung in einigen Städten, insbesondere in Afrika, verdoppeln.

Historisch gesehen haben sich die Menschen dort angesiedelt, wo es Wasser gibt. Die erste Frage ist daher, den Anforderungen einer wachsenden Stadtbevölkerung gerecht zu werden. In dieser Hinsicht müssen wir auch Fragen nach guter Stadtplanung und den Folgen der globalen Erwärmung berücksichtigen.

Steigt der Wasserverbrauch weltweit tendenziell an?

In Entwicklungsländern steigt der Wasserverbrauch durch den Einbau von Spültoiletten und fließendem Wasser. Der Verbrauch wird größer, als wenn das Wasser außerhalb des Hauses gesammelt wird. Der direkte Zugang zu Wasser in einigen Städten im Vergleich zum Zugang über ein Standrohr hat Auswirkungen auf den Gesamt-Wasserbedarf.

In entwickelten Ländern ist jedoch ein Rückgang des Wasserverbrauchs zu verzeichnen, der auf die Einschränkung der Wassernutzung durch die Menschen und auch auf wassersparende Haushaltsgeräte zurückzuführen ist.

Auf globaler Ebene haben die Wasserentnahmen im Vergleich zum Bevölkerungswachstum dennoch stark zugenommen, und zwar aufgrund des direkten Wasserverbrauchs, aber auch aufgrund von Produkten, für deren Produktion Wasser verwendet wird. Das betrifft Konsumgüter wie Jeans, deren Herstellung viel Wasser verbraucht.

Auch Veränderungen in der Ernährung haben sich stark ausgewirkt. So wird in Schwellenländern mehr Fleisch gegessen. Für die Rindfleischproduktion wird durchschnittlich 15.400 Liter Wasser pro Kilo benötigt.

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Warum ist der direkte Zugang zu Wasser für das Wohlergehen der Bevölkerung wichtig?

Der Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen ist ein zentrales Problem der öffentlichen Gesundheit, da wir in Ermangelung von Trinkwasser Durchfallerkrankungen ausgesetzt sind, die bei Kindern unter 5 Jahren die zweithäufigste Todesursache darstellen.

Der Zugang zu Wasser ist der Schlüssel zur Beseitigung solcher Durchfallerkrankungen. Auch die Hygienepraktiken müssen sich ändern – und dies kann nur mit dem Zugang zu sauberem Trinkwasser im Haus geschehen.

In Frankreich liegt der durchschnittliche Wasserverbrauch bei 144 Litern pro Tag und Person. Um zu trinken und die grundlegenden Hygienebedürfnisse zu befriedigen, benötigt jeder Mensch nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aber täglich lediglich 20 bis 50 Liter Wasser.

Wie können städtische Gebiete dem wachsenden Wasserbedarf begegnen?

Investitionen zur Befriedigung des Wasserbedarfs in den Städten wachsen momentan stark an – dennoch werden sie meist unterschätzt. Von entscheidender Bedeutung ist die Stadtplanung.

Es dauert rund zehn Jahre, bis ein Projekt zur Anbindung eines Staudamms an eine Wasseraufbereitungsanlage abgeschlossen ist. Solche Projekte brauchen also eine langfristige Planung, die vor allem in politisch instabilen Ländern, aber auch in Slums, in denen das Fehlen von Planungsvorschriften die Dinge verkompliziert, manchmal schwer zu erreichen ist.

Eine Lösung wäre es, wenn Wasser knapp ist, die Versorgung zu optimieren statt nach neuen Quellen zu suchen. Wir können die Systemleistung verbessern, indem wir die Wasserverluste verringern, Geld für den Austausch von Rohren ausgeben und das Bewusstsein für Wasserverschwendung schärfen.

In städtischen Gebieten besteht auch die Möglichkeit der Wiederverwertung von Abwasser, was eine zusätzliche Wasserquelle darstellen könnte. In Singapur und Namibia kann Abwasser dank fortschrittlicher Aufbereitungssysteme wieder in Trinkwassersystemen eingesetzt werden. Dies ist eine sehr seltene Technik, aber die Verwendung von „recyceltem“ Abwasser für die Bewässerung in nahegelegenen Feldern könnte beispielsweise die Wasserentnahme in der Landwirtschaft reduzieren. Die Landwirtschaft macht 70 Prozent des Wasserverbrauchs aus.

Hat sich der Zugang zu Wasser in den letzten Jahren verbessert?

Der Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen ist ein von der UNO anerkanntes Menschenrecht. Heute leben jedoch noch immer 2,1 Milliarden Menschen auf der Welt ohne Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen, von denen ein großer Teil in städtischen Gebieten wohnt. Die Sustainable Development Goals (SDGs) haben das Ziel, bis 2030 Zugang zu qualitativ hochwertigem Wasser für alle Menschen zu erreichen. Das ist das Ziel, das wir anstreben müssen.

Im Jahr 2015 hatten wir bereits das Millenniums-Entwicklungsziel (MDG) für den Zugang zu Wasser erreicht, indem wir den Anteil der Weltbevölkerung ohne Zugang zu Wasser halbiert haben. In einigen Gebieten, darunter viele Regionen in Afrika, wurde dieses Ziel jedoch nicht erreicht.

Wir schaffen es grundsätzlich zwar, in den Städten die Zahl der Menschen mit Zugang zu Wasser zu erhöhen, aber in einigen Fällen ist das Bevölkerungswachstum so groß, dass sich der Prozentsatz dieser Menschen mit Zugang zu Wasser unabhängig von den erzielten Fortschritten nicht ändert. Das bedeutet, dass wir ständige Investitionen brauchen, um dem Bevölkerungswachstum in den Städten zu begegnen.

Sind die Schwierigkeiten bei der Wasserversorgung auf die Entwicklungsländer beschränkt?

In den Entwicklungsländern haben fast alle Einwohner Zugang zu Wasser. Es gibt keine Verbindungsprobleme. Aber – das haben wir an Beispielen in Brasilien und in Kalifornien gesehen – es gibt manchmal temporäre Probleme mit der Wasserversorgung.

Die Wasserressourcen sind weltweit ungleich verteilt. Aber der Zugang zu Wasser hängt nicht nur von den verfügbaren Ressourcen ab. Es gibt Länder, in denen die Menschen einen guten Zugang zu Wasser haben, unabhängig davon, wie begrenzt Wasserressourcen sind, wie in Marokko und Tunesien. Das liegt daran, dass eine angemessene Infrastruktur vorhanden ist.

Im Gegensatz dazu gibt es in einigen Ländern Zentralafrikas eigentlich ausreichend Quellen, aber trotzdem keinen angemessenen Zugang zu Wasser, da die Regierungsbehörden es nicht zu einer politischen Priorität gemacht und nicht die notwendigen Investitionen dafür getätigt haben.

Der Zugang zu Wasser ist also eine Frage der guten Regierungsführung. Die allererste Ursache für fehlenden Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen ist nicht der Mangel an Wasserressourcen, sondern der Mangel an Willen oder Mitteln, die von den Regierungsbehörden zur Verfügung gestellt werden.

Wenn wir die Entwicklung des BIP für Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in den afrikanischen Staaten verfolgen, stellen wir fest, dass die festgelegten Ziele nicht erreicht worden sind. Diese Staaten haben nur etwa 0,27 Prozent ihres nationalen Budgets für solche Angelegenheiten ausgeben. Das ist einfach zu wenig.

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