Von Syrien nach Bulgarien – Teil 1: Flucht vor dem Tod

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Heute lebt Elias in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. [EURACTIV Romania]

Elias ist ein Kurde aus Syrien, der aus Angst vor der Assad-Regierung nach Europa floh. In unserer mehrteiligen Serie beschreibt er seine gefährliche Reise. EURACTIV Rumänien berichtet.

Vor einigen Jahren erhielt Elias, ein ambitionierter kurdischer Student aus einem Dorf im Norden Syriens, ein Auslandstipendium. Also reiste er nach Havanna, um dort Spanisch zu lernen. Später kehrte er nach Syrien zurück und wurde Journalist bei der staatlichen Nachrichtenagentur SANA.

2011 dann kam es zu den Massenproteste gegen das Staatsoberhaupt Bashar al-Assad und der junge Journalist begann, ein Doppelleben zu führen. Tagsüber war er ein Freigeist und demonstrierte mit Gleichgesinnten auf der Straße. Nachts jedoch übersetzte er regierungsfreundliche Fake-News für Damaskus. Unerklärlicherweise gelang es ihm, dem Militärdienst zu entkommen. Hier wäre er wahrscheinlich zum Deserteur geworden – oder aber gestorben.

Als die Situation in Syrien außer Kontrolle geriet, verließ Elias sein Heimatland – nicht jedoch ohne sicherzustellen, dass auch sein Bruder, der kurz davorstand eingezogen zu werden, ebenfalls fliehen konnte. Der junge Journalist machte sich auf den Weg nach Europa mit nichts als einem Rucksack. Er träumte von einem Leben in Deutschland oder Skandinavien.

Teil 1 – Der Heimatlose: Flucht aus Syrien

EURACTIV: Lassen Sie uns ganz von vorn beginnen.

Elias: Ich war Aktivist in Syrien, habe als Kurde Proteste an der Universität organisiert. Es gab zu der Zeit etwa 300.000 Kurden ohne syrische Staatsbürgerschaft, die jedoch in Syrien geboren und aufgewachsen waren. Das war einer der Gründe, weshalb ich mit dem Gedanken gespielt habe, das Land zu verlassen.

Das war 2003. Ich bekam ein Stipendium in Kuba, um dort spanisch zu studieren und entschied, dass das für mich eine bessere Option sein würde, als ins Gefängnis zu wandern. Also habe ich eine neue Laufbahn, ein neues Studium in Kuba angefangen. Sieben Jahre war ich dort. Ich habe sogar darüber nachgedacht, nicht nach Syrien zurückzukehren, aber das Stipendium besagte, dass ich mindestens die doppelte Zeit meines Stipendiums im Dienste der Regierung arbeiten müsse.

Man wies mich an, in Syrien an der Universität Spanisch zu unterrichten, doch nach nur wenigen Monaten begann die Revolution. Also haben sie mich als Journalist und Übersetzer bei der syrisch-arabischen Nachrichtenagentur (SANA) eingestellt. So bin ich zum „Journalismus“ gekommen.

Gleichzeitig war ich Teil der pazifistischen Revolution, die auf der Straße begann. Dort forderten wir politische und wirtschaftliche Reformen.

Und Menschenrechte?

Natürlich. Es fiel mir wirklich schwer, für sie zu arbeiten, aber ich hatte keine Wahl. Wenn ich nein gesagt hätte, hätten sie mich sofort umgebracht.

Und so haben Sie tagsüber auf der Straße demonstriert und nachts als Journalist der Regierung gearbeitet?

Genau. Ich musste Texte übersetzen, die nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Ich habe mit angesehen, wie sie anfingen, Leute umzubringen. Ich konnte sehen, wie die Regierung versuchte, die Proteste als nicht-friedlich darzustellen. Sie zwangen die Leute einfach dazu.

Einmal gab es jemanden, der herausfand, dass ich bestimmte Sachen nicht übersetzte und er warnte mich, ich müsse vorsichtig sein. Das war ein Freund, der wie ich in der spanischen Abteilung arbeitete.

Er sagte: „Wenn sie herausfinden, dass du das nicht wirklich übersetzt, bringen sie dich auf der Stelle um.“

Es war nicht leicht, zu den Protesten zu gehen und dort zu arbeiten. Immer wieder gab es Menschen, die uns wissen ließen, dass sie – die Regierung – ein Auge auf uns hatten.

Wie haben Sie ihre Nachrichten erhalten?

Irgendwann hörte ich mal jemanden hinter mir sagen: „Hey, das ist doch dieser Typ.“ Also habe ich mich umgedreht und ihn gefragt: „Wissen Sie denn, wer ich bin?“ „Ja, ich weiß, wer Sie sind.“ Daraufhin habe ich ihm erklärt, dass ich Journalist bei SANA sei. „Ich weiß“, meinte er nur. Sie wussten alles. Und sie wollten es mich wissen lassen, mich spüren lassen…

Sie kannten jeden ihrer Schritte.

Ganz genau. Sie haben alles überprüft. Also habe ich mir gedacht, dass ich nur überleben kann, wenn ich klug vorgehe. Ich musste so tun, als sei ich für die Regierung. Manchmal wollten sie mir etwas antun, um mich zu zwingen, bestimmte Dinge zu sagen. Dann ich habe meistens zugestimmt: „Ok, ihr habt Recht, ihr habt Recht.“ So gehen sie vor. Sie bedrohen dich, lassen dich spüren, dass sie dich kontrollieren. Dabei kontrollieren sie in Wahrheit überhaupt nichts. Sie können gar nichts kontrollieren.

Ich hatte damals einen Journalistenausweis von SANA. Damit konnte ich überall hin. Er hat mir das Leben gerettet. Egal, wo ich war – an jedem Kontrollpunkt brauchte ich nur meine Karte vorzuzeigen. Selbst als ich auf der Flucht war.

Einmal wurde es jedoch wirklich brenzlig. Beim ersten Kontrollpunkt hielten sie unseren Bus an und riefen: „Ok, alle Mann raus“. Sie wollten unsere Pässe kontrollieren. „Gib mir deinen Pass“, sagten sie und ich gab ihn ihnen. In dem Moment dachte ich, dass sie nur meinen Namen zu lesen bräuchten und genau wissen würden, dass ich fliehen will. Aber ich zeigte ihnen zum Glück meinen SANA-Ausweis und behauptete: „Ich bin Journalist und habe den Auftrag rüber in meine Stadt zu reisen, um von dort aus Bericht zu erstatten.“

Wenn ich auf Oppositionelle traf, wurde es ebenfalls gefährlich für mich, weil ich ja für SANA arbeitete und mit dem IS [Islamischen Staat] war es das Gleiche.

Dabei hatte man sie doch zu der Arbeit gezwungen.

Aber das wusste ja keiner. Ich wollte fliehen. Alles hätte passieren können.

Sie waren also vor allen Parteien in Gefahr.

So war es.

Wann haben Sie Syrien verlassen?

Das war 2013.

Also haben Sie drei Jahre lang für die Regierung gearbeitet.

Ja und ich habe in diesen drei Jahren all die Zerstörung mitansehen müssen.

Was haben Sie in Syrien zurückgelassen?

Alles. Meine Mutter, meine Familie. Alles, was mir etwas bedeutet.

Sind sie in Sicherheit? Sind sie noch immer dort?

Ein Teil meiner Familie ist bis heute dort geblieben. Meine Mutter möchte nicht gehen. Es ist wirklich nicht einfach. Stellen sie sich vor, wie schwer es für uns war – wie muss es dann für eine ältere Frau sein…

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