Swetlana Tichanowskaja: „Ich werde Worte finden, mit Wladimir Putin zu reden“

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja. [EPA-EFE/TATYANA ZENKOVICH]

Die Unabhängigkeit von Belarus stehe nicht zur Debatte, betont die Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja im Interview mit EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle. Enge Beziehungen wünsche sie sich dagegen zu jedem Land – auch zu Russland.

Eigentlich war Swetlana Tichanowskaja nur anstelle ihres Ehemannes Sergej Tichanowskaj zur Präsidentschaftswahl in Belarus angetreten. Der Video-Blogger war von der Wahl ausgeschlossen und Ende Mai inhaftiert worden. Kurz nach der Wahl reiste die offiziell unterlegene Tichanowskaja nach Litauen aus, weil sie die Behörden ihrer Heimat fürchtete. Nun hat sie mit DW-Reporter Konstantin Eggert gesprochen über Gespräche mit ausländischen Staatschefs, den Zustand ihres verhafteten Mannes und die Vorbereitungen auf neue Präsidentschaftswahlen.

DW: Swetlana, haben Sie Informationen über den Zustand Ihres Mannes Sergej

Swetlana Tichanowskaja: Natürlich, er bekommt ständig Besuch von einem Anwalt. Dieser kann seine körperliche und geistige Verfassung beurteilen. So erhalte ich Informationen. Nicht persönlich, aber über Anwälte.

Und wie geht es ihm?

Körperlich nicht so gut. Wie kann man sich im Gefängnis fühlen? Aber sein Geist lässt natürlich nicht nach. Man berichtet ihm, was in Belarus passiert. Er glaubt an die Menschen, er ist überzeugt, dass es bald Veränderungen geben wird. Das stützt ihn sehr.

Auf litauische Initiative haben Zehntausende Menschen eine Menschenkette unter dem Motto „Weg der Freiheit“ von der Grenze zu Belarus bis zum Domplatz von Vilnius gebildet. Welche Gefühle hat das bei Ihnen ausgelöst?

Äußerst positive. Ich bin den Litauern sehr dankbar dafür, dass sie gezeigt haben, wie Menschen sowohl in Belarus als auch in Litauen zusammenstehen können. Bei der älteren Generation, die selbst erlebt hat, was unser Land gerade durchmacht, ist die Sympathie uns gegenüber nachvollziehbar. Aber dass auch junge Menschen auf die Straße gehen und sehr lebhaft auf die Lage in Belarus reagieren, hat uns sehr beeindruckt. Ich glaube, dass die ältere Generation den jungen Menschen die nötigen Werte beigebracht hat, dass sie Mitgefühl und Unterstützung für andere Menschen zeigen können, die Probleme im eigenen Land haben.

In Belarus ist fast die gesamte Wirtschaft in Staatsbesitz. Sollte eine Privatisierung beginnen, könnten viele Menschen arbeitslos werden. In Russland führte dies in den 1990er Jahren zu einem heftigen Rückschritt. Die Leute sagten, dafür hätten sie nicht gekämpft. Fürchten Sie nicht, dass ein Reformprozess in Belarus sehr schwierig werden könnte?

Niemand sagt, dass es einfach wird. Jedes Land geht bei solchen Umbrüchen eigene Wege. Aber unser Volk ist fleißig. Die Menschen verstehen, dass es Schwierigkeiten geben wird. Aber wir sind dazu bereit, um der Zukunft des Landes willen. Ich denke, alle sind bereit, einige Zeit durchzuhalten. Das Ergebnis wird ein neues Belarus sein, frei und sicher.

Sie haben gesagt, sollten in Belarus freie Wahlen stattfinden, würden Sie nicht wieder kandidieren. Aber angenommen, Sie würden für einige Monate Interimspräsidentin. Was würden Sie tun, um die Wahlen vorzubereiten? Das Land muss ja trotzdem regiert werden.

Es hat sich bereits ein Team von Spezialisten um mich herum gebildet, das mir in dieser schwierigen Zeit helfen würde. Meine persönliche Aufgabe ist es, dieses Team zusammenzuschweißen, zu organisieren und in die richtige Richtung zu lenken – hin zur Vorbereitung neuer fairer und transparenter Wahlen.

Ist es richtig, dass der von der Opposition gegründete Koordinierungsrat zu verstehen gegeben hat, dass auch Lukaschenko bei Neuwahlen wieder antreten könnte, wenn er wollte?

Es sollen freie Wahlen sein. Jeder Bürger der Republik Belarus, der in sich Stärke und Kraft verspürt, soll antreten können. Bitteschön.

Als Interimspräsidentin müssten Sie mit führenden Politikern der Welt sprechen. Mit einigen haben Sie das wohl schon getan. Was haben sie Ihnen gesagt?

Alle haben eine sehr freundschaftliche Einstellung und sind fasziniert von dem, was in Belarus passiert, von den großen Taten unseres Volkes, das seine Rechte verteidigt.

Haben russische Vertreter Sie kontaktiert?

Bisher nicht. Aber ich muss sagen, dass wir für alle offen sind. Wir sprechen mit allen Staatschefs oder Vertretern von Ländern, die daran interessiert sind. Wir werden niemals ablehnen, mit jemandem zu sprechen.

Und wenn Sie der russische Präsident Wladimir Putin anruft, auch wenn Sie Interimspräsidentin wären? Wären sie zu einem Gespräch bereit? Er ist eine ziemlich komplizierte Person.

Wissen Sie, wir sind alle Menschen, und ich wüsste nicht, wie ich mich auf ein Gespräch mit einer bestimmten Person vorbereiten sollte. Mich haben Staatschefs mächtiger Länder angerufen und ich denke, ich werde Worte finden, mit Wladimir Putin zu reden.

Viele fragen sich, ob Belarus wirklich als unabhängiger Staat im Schatten eines so riesigen Nachbarn wie Russland bestehen kann, mit dem es auch noch einen Unionsvertrag gibt. Die Beziehungen zwischen Belarus und Russland sind sehr eng, auch rein rechtlich gesehen. Möchten Sie als Bürgerin diese Nähe bewahren oder nicht?

Sie fragen vor allem nach der Unabhängigkeit, richtig? Wir sind ein unabhängiges Land und die Unabhängigkeit unseres Landes steht überhaupt nicht zur Debatte und auch nicht zum Verkauf, und dies bedarf keiner weiteren Kommentare. Was die engen Beziehungen angeht, so wünschen wir uns enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zu allen Ländern.

Sie haben die jetzigen Ereignisse als große Taten der Belarussen bezeichnet. Wenn Gewalt und Konfrontation eines Tages in Belarus hoffentlich enden, was soll mit den Polizisten, die Menschen schlagen, und mit denjenigen, die dazu den Befehl geben, geschehen? Sie werden dann sagen, sie hätten nur Befehle befolgt.

Das liegt nicht in meiner Kompetenz und das wird es auch nicht. Aber als Mensch glaube ich, dass die zuständigen Behörden diese Ereignisse natürlich genau untersuchen müssen. Die Schuldigen müssen bestraft werden, aber der Kreis der Schuldigen und die Art der Bestrafung muss durch ein faires Gerichtsverfahren bestimmt werden.

Noch vor gut zwei Monaten konnten sie nicht ahnen, dass Sie sich in einer solchen Rolle wiederfinden würden. Auf Wikipedia kann man über Sie in vielen Sprachen nachlesen. Wenn man die Geschichte von Belarus schreiben wird, wird es ein Kapitel über Sie geben. Wie fühlen Sie sich jetzt in dieser Rolle?

Ich bin es nicht gewohnt, aber ich fühle mich natürlich viel sicherer als vor ein paar Monaten. Man verändert sich, wird stärker und selbstbewusster.

Wollen Sie sich nach Abschluss des Machttransfers ins Privatleben zurückziehen?

Das habe ich vor.

Wie sollte der letzte Satz auf Wikipedia über Sie lauten, wenn Sie die politische Bühne verlassen?

Swetlana Tichanowskaja hat eine Schlüsselrolle gespielt, als die Belarussen ihre Freiheit erlangten.

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