Seenotretter hoffen auf „Bündnis der hilfsbereiten Länder“

SOS Mediterranee hat nach eigenen Angaben seit der Gründung der Organisation knapp 30.000 Menschen aus Seenot gerettet. [EPA-EFE/Guglielmo Mangiapane/SOS MEDITERRANEE]

Die europäische Hilfsorganisation SOS Mediterranee betreibt zusammen mit Ärzte ohne Grenzen ab jetzt wieder ein Rettungsschiff im Mittelmeer. Vor gut sechs Monaten stellten die Organisationen ihren Einsatz ein. Der Grund damals: Die italienische Regierung schloss seine Häfen für gerettete Migranten, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen gegen Seenotretter auf.

EURACTIV sprach mit David Starke, dem Geschäftsführer von SOS Mediterranee Deutschland – einer Organisation, die 2015 als Antwort auf die vielen Todesfälle im Mittelmeer gegründet wurde.

EURACTIV: Warum machen die Organisationen weiter, obwohl sich in Italien und der EU nichts geändert hat?

David Starke: Wir nehmen die Einsätze im Mittelmeer wieder auf, weil jeden Tag Menschen im Mittelmeer ertrinken. Mütter, Väter und Kinder, die in Seenot geraten, ertrinken, weil es einfach viel zu wenig Rettungsschiffe im zentralen Mittelmeer gibt.

Die italienische Regierung weigert sich weiterhin, Rettungsschiffe in ihre Häfen einlaufen zu lassen. Wie bereiten Sie sich darauf vor, womöglich tagelang mit geretteten Migranten an Bord warten zu müssen, bis sich Länder bereit erklären, die Migranten aufzunehmen?

SOS Méditerranée hat bereits Erfahrung mit so einer Situation. Letztes Jahr im Juni waren wir als erste Seenotrettungsorganisation mit einem geschlossenen Hafen konfrontiert. Damals wurden wir gezwungen, mit 630 Geretteten an Board tagelang nach Valencia auszuweichen. Diese Situation war untragbar. Wir hoffen, dass das nicht wieder passiert und uns schnell ein sicherer Hafen zugewiesen wird. Wir handeln nach internationalem Recht. Das heißt, Menschen, die vorm Ertrinken gerettet wurden, müssen an einen sicheren Hafen gebracht werden.

EU-Kommissar erinnert an Verpflichtung zu Seenotrettung

Der für Migration zuständige Kommissar Christos Stylianides hat die Mitgliedsstaaten der EU an ihre Verpflichtung erinnert, Menschen in Seenot zu retten. In Anspielung auf den laufenden Prozess gegen die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete warnte er vor einer Kriminalisierung von Organisationen, die Flüchtlingen zu Hilfe kommen.

Gibt es spezielle Vorbereitungen, falls Sie trotzdem in so eine Situation geraten?

Unser neues Schiff, die Ocean Viking, ist robuster, resistenter aber auch schneller als unser altes Schiff, die Aquarius. Unser Einsatz im Mittelmeer ist ein Notfalleinsatz. Wir sind in der Lage, gerettete Menschen über einen gewissen Zeitraum mit Lebensmitteln und Wasser, aber auch medizinisch zu versorgen. Aber kein Rettungsschiff ist dafür ausgelegt, über Tage oder sogar Wochen im Mittelmeer zu verharren. Und wir sind das auch nicht. Solange sich an der politischen Lage in Europa nichts ändert, müssen wir allerdings weiterhin damit rechnen, mit geretteten Menschen an Bord über einen längeren Zeitraum ausharren zu müssen. Darauf haben wir uns, so gut es geht, vorbereitet.

Heute treffen sich die Innen- und Außenminister der EU in Paris, um über eine temporäre Lösung für die Seenotrettung zu beraten. Es ist aber schon klar, dass vor September nichts entschieden wird. Was halten Sie davon?

SOS Méditerranée fordert ganz klar ein europäisches Seenotrettungsprogramm. Allerdings muss man realistischerweise sagen, dass das erst mal nicht kommen wird. Wir fordern aber trotzdem, dass es verlässliche Zusagen gibt, dass wir gerettete Menschen in sichere Häfen bringen können. Diese Menschen müssen die Möglichkeit bekommen, in Häfen medizinisch betreut zu werden, aber auch ihre Schutzbedürftigkeit prüfen zu lassen.

Es formiert sich in Europa gerade ein Bündnis der hilfsbereiten Länder. Wir vertrauen sehr auf diese Länder, dass es da Fortschritte gibt. Wir sehen auch, dass die Unterstützung in der Zivilgesellschaft für die Seenotrettung sehr groß ist. Vor ein paar Wochen gab es eine Umfrage der ARD, wonach 72 Prozent der Befragten in Deutschland die Seenotrettung für wichtig halten. Wir hoffen, dass so der Druck auf die europäische Politik aufrecht erhalten wird, um sehr schnell zu einer Lösung zu kommen

Seehofer: Deutschland betreibt keine "inhumane Politik"

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat im Fall der „Sea-Watch“-Kapitänin Carola Rackete Kritik an der Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik zurückgewiesen.

Die italienischen Behörden versuchen immer wieder, juristisch gegen Seenotretter vorzugehen. Auch gegen SOS Méditerranée und ehemalige Besatzungsmitglieder der Aquarius wird weiterhin ermittelt. Wie gehen Sie damit um, dass neue Rettungseinsätze neue juristische Folgen haben könnten?

Wir handeln basierend auf geltendem Seerecht. Es ist wichtig, das immer wieder zu betonen. Seenotrettung ist Pflicht. Wir sind diejenigen, die sich im Mittelmeer an geltendes Recht halten. Dafür stehen wir ein, und das werden wir weiter machen.

Die Ocean Viking befindet sich gerade am Weg Richtung Mittelmeer zu ihrem ersten Einsatz. Wie ist das neue Schiff ausgestattet?

Die Ocean Viking ist vergangenen Donnerstag (18. Juli) aus dem Hafen im polnischen Stettin ausgelaufen und wird Ende des Monats im Einsatzgebiet im zentralen Mittelmeer erwartet. Das Schiff ist knapp 69 Meter lang und zirka 15,5 Meter breit. Das Schiff wurde früher in der Nordsee als Rettungsschiff bei Unfällen auf Bohrinseln genützt und ist damit ideal für die Rettung von Menschen aus Seenot geeignet. Zusammen mit Ärzte ohne Grenzen haben wir auf den leeren Flächen getrennte Schutzräume für Frauen und Kinder sowie für Männer eingerichtet. Diese Räume bieten auch Schutz vor dem Wetter, sowohl vor der Sonne als auch vor Wind und Kälte. So werden wir auch im Winter Einsätze fahren können. Auf dem Schiff befindet sich auch ein Krankenhaus, das Ärzte ohne Grenzen betreibt.

Wie finanzieren Sie die Rettungseinsätze?

SOS Méditerranée finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Wir werden von einer großen Solidarität in der europäischen Zivilgesellschaft getragen. Unser Rettungseinsatz kostet zirka 14.000 Euro am Tag. Das sind einerseits die Betriebskosten für das Schiff, andererseits aber auch die Kosten für die Crew und die Versorgung der Geretteten. Wir sind deshalb ständig auf neue Spenden angewiesen, um den Einsatz für die kommenden Monate über zu sichern. Wir wollen draußen sein und Rettungseinsätze durchführen, solange es nötig ist und so lange unser Schiff gebraucht wird. Leider ist es so, dass wir im Mittelmeer noch lange Zeit gebraucht werden.

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