Oxfam-Chefin: „Auch NGOs leiden unter Vertrauensverlust“

Oxfam-Chefin Winnie Byanyima im Gespräch mit Christos Stylianides, EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz. [European Commission]

Laut Winnie Byanyima ist es höchste Zeit für ein Umdenken in Politik und Wirtschaft. Zunächst sei aber Selbstkritik nötig, da Interessensvertreter jeglicher Art, auch NGOs, zunehmend das Vertrauen der Bürger verlieren.

Winnie Byanyima ist Geschäftsführerin von Oxfam International. Zuvor war sie elf Jahre lang Abgeordnete im Parlament Ugandas sowie Vorsitzende für Gender- und Entwicklungsfragen im Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

Byanyima sprach am Rande einer Konferenz des Institute for New Economic Thinking in Edinburgh (Schottland) mit Jorge Valero von EURACTIV.com.

Bei dieser Veranstaltung heute geht es darum, fortschrittliches Denken in die Wirtschaft zu bringen. Der Startpunkt für Fortschritt ist immer Selbstkritik. Die Ökonomen hier haben aber nicht über die Jahre vor der Krise gesprochen – trotz ihres Einflusses und ihrer Positionen. Auch in der Politik, im Journalismus und im NGO-Sektor scheint diese Kritik zu kurz zu kommen. Brauchen wir mehr Selbstkritik, um wirklich voranzukommen?

Ja, da haben Sie Recht. Auch wir in der NGO-Branche spüren die Probleme. Wir sehen einen gewissen Vertrauensmangel – in allen Bereichen. Die Menschen misstrauen den Politikern, den Unternehmen, den Medien, den NGOs, uns allen. Deswegen müssen wir alle selbstkritisch sein. Und deswegen haben wir unsere Herangehensweise geändert.

Wir haben festgestellt, dass die Bürger auf die Beweise, die wir vorlegen, nicht reagieren. Sie reagieren eher emotional. Deswegen versuchen wir, die Menschen mehr einzubinden, eben auch emotional, und mehr mit ihnen zu sprechen. Es geht nicht nur um die harten Fakten und Beweise, die wir untersuchen und veröffentlichen. Wir müssen uns bewegen, von politischen Einflussnehmern zurück zu sozialer Mobilisierung. Wir haben festgestellt, dass es wichtiger ist, die Bürger einzubeziehen und ihnen zu ermöglichen, ihre eigene Stimme zu entwickeln. Wir haben jetzt engeren Bürgerkontakt als früher.

Vertrauen ist das A und O. Im Bereich der Entwicklungshilfe wurde das Vertrauen durch Berichte über die hohen Gehälter für NGO-Chefs sehr stark beschädigt. Gibt es in diesem Fall ein wirkliches Problem, oder halten Sie es für einen inszenierten Angriff auf die Arbeit dieser Organisationen?

Nein, es gab dieses Problem. Es gibt einige NGOs, die sehr hohe Gehälter zahlen. Dafür hat jede Organisation ihre eigene Begründung. Sie sind sehr große Unternehmen, wenn man dieses Wort in dem Zusammenhang benutzen kann. Wir sind so unglaublich groß geworden. Meine Organisation Oxfam ist beispielsweise 1,5 Milliarden Dollar schwer. Einige NGOs argumentieren: Wenn man etwas managen soll, das global agiert und mit einem Weltkonzern vergleichbar ist, dann muss man auch hohe Gehälter bieten, um die besten Talente anzuwerben.

Wie hält Oxfam es mit diesem Thema?

Wir machen es bei Oxfam anders. Wir zahlen nicht die üblichen Marktpreise. Wir versuchen, unsere Werte mit unseren Gehältern in Einklang zu bringen. Die meisten Menschen bei Oxfam verdienen um die 75 Prozent weniger als der Durchschnitt in unserem Sektor. Damit sind wir am unteren Ende der Gehaltsskala.

Der angesprochene Angriff richtete sich aber gegen die gesamte NGO-Branche. Und ich muss festhalten, dass er von politischen Gruppen forciert wurde, die sich gegen Entwicklungshilfe aussprechen.

Die britische Regierung unter David Cameron hatte sich verpflichtet, das UN-Ziel zu erreichen und 0,7 Prozent des BIP für die Entwicklungszusammenarbeit aufzuwenden. Dafür wurde ein Gesetz erlassen, aber das Ziel wurde nie erreicht, weil Teile der Konservativen, nicht Cameron selbst, dagegen waren. Sie nutzten insbesondere die Daily Mail, aber auch andere Medien, um einen Angriff gegen die NGOs zu fahren, da wir Teil der Entwicklungshilfe-Kanäle sind.

EVP will NGO-Regeln verschärfen. Wer steckt dahinter?

Vergangene Woche stimmte das EU-Parlament gegen den Vorschlag, gewisse EU-finanzierte NGOs schärfer zu kontrollieren. Die Suche nach den Verfechtern führt zu Glyphosat-Befürwortern und einer pro-Israel-Gruppe.

Europa versucht momentan, den Flüchtlingsstrom zu begrenzen, indem verstärkt mit den Herkunftsländern zusammengearbeitet wird. Wenn man bedenkt, welche grundlegenden Dinge sich ändern müssten: Ist es naiv, an baldige Erfolge zu glauben? Und ist diese Art der Kooperation die einzige denkbare Lösung?

Europa ist in den vergangenen Jahren beim Thema Migranten und Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kommen, in den Panik-Modus gewechselt. Es hat seine Werte und internationalen Verpflichtungen missachtet. Stattdessen hat man sich auf wirklich hässliche Lösungen wie die Deals mit der Türkei und Libyen eingelassen. Dadurch werden Menschen, die vor Verfolgung und Todesgefahr geflüchtet sind, zur Rückkehr gezwungen.

Darüber hinaus wurden Gelder zur Armutsbekämpfung umgeleitet, sodass sie für Flüchtlingskosten innerhalb der europäischen Länder oder für Anti-Migrationsprogramme eingesetzt werden konnten. Weltweit sind heute 65 Millionen Menschen auf der Flucht. 85 Prozent davon sind aber in armen Entwicklungsländern. Die Zahl der Geflüchteten, die nach Europa kommen, ist gering. Aus einem Land wie dem Libanon, wo jeder sechste Mensch derzeit ein Flüchtling aus Syrien ist, hören wir kein Geschrei und Gezeter.

In Großbritannien, dem sechstreichsten Land der Welt, gab es einen riesigen Aufschrei wegen 20.000 Flüchtlingen! Mitten in Europa, wo die universalen Menschenrechte erfunden wurden. Was ist damit geschehen? Europa nimmt nicht einmal einen angemessenen Anteil der globalen Vertriebenen auf. Es geht hier nicht darum, den Europäern zu sagen: „Seid doch bitte nett.“ Es geht um ihre internationalen Verpflichtungen, es geht um die globale Sicherheit.

Ist das Egoismus? Oder Angst vor der Wählerschaft? EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte einmal, die Regierungsführer wissen, was getan werden muss – aber sie wissen nicht, wie sie wiedergewählt werden können, nachdem sie es getan haben.  

Natürlich ist das Selbstsucht. Ein Teil der Xenophobie wird auch durch Skepsis erzeugt, die von Populisten weiter geschürt wird. Anstatt der Wirtschaftskrise entgegenzutreten, die durch ein auf Gier und Aggressivität beruhendem Wirtschaftsmodell erzeugt wurde, wird die Schuld bei geflüchteten Menschen gesucht.

Aber die Geflüchteten tragen keine Schuld an der Wirtschaftskrise. Im Gegenteil, sie sind eher Teil der Lösung.

Sie übernehmen die Jobs, die die europäischen Bürger nicht machen wollen, und zahlen ihre Steuern. Für mich sind Länder wie der Libanon, Jordanien, Uganda und die Türkei gute Beispiele dafür, wie Geflüchtete aufgenommen und in die Gesellschaft integriert werden können. Auch Angela Merkel hat in der Krise Führungsstärke bewiesen. Sie hat in den letzten Wahlen zwar leicht verloren, aber sie bleibt weiterhin an der Macht. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen.

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