Nasser Kamel: „Der Mittelmeerraum steht vor extremen Herausforderungen“

Nasser Kamel bei der COP25-Klimakonferenz in Madrid im Jahre 2019. [JUAN CARLOS HIDALGO/EPA]

Vor 25 Jahren wurde die Union für den Mittelmeerraum gegründet, eine internationale Organisation mit 42 Mitgliedsstaaten, inklusive der gesamten EU. Sie bringt diese Länder an einen Tisch, damit sie kooperieren – in Fragen von Wirtschaft, Gesellschaft und Klima. Im Interview erklärt Generasekretär Nasser Kamel, wie die Union gegen die COVID-Krise vorgeht.

Nasser Kamel ist Generalsekretär der Union für den Mittelmeerraum. Davor diente er als ägyptischer Botschafter in London und in Paris.

Die Union für den Mittelmeerraum feierte in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Wie hat sich ihre Rolle verändert?

Die Organisation und die euro-mediterrane Zusammenarbeit sind vor dem Hintergrund der damaligen geopolitischen Realitäten entstanden. Die Berliner Mauer war gefallen, und die Besetzung Kuwaits war beendet. Damit keimte neue Hoffnung auf eine Beilegung des israelisch-arabischen Konflikts auf. Damals lag der Schwerpunkt der Organisation auf Sicherheit und Stabilität sowie auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit und kulturellem Austausch.

In den letzten 25 Jahren folgte unsere Entwicklung der sich verändernden Welt. Wir identifizieren uns stark mit den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, den SDGs. Wir konzentrieren uns dadurch auf neue Themen, wie Klimawandel, Biodiversität, Jugend und die Stärkung der Rolle der Frau.

Welche COVID-Herausforderungen sind spezifisch für den Mittelmeerraum?

COVID-19 betrifft diejenigen stärker, die bereits Vorerkrankungen haben, und dasselbe gilt für Länder und Volkswirtschaften. Einige der Volkswirtschaften in den Mittelmeerregionen stehen vor extremen Herausforderungen, wie zum Beispiel in Südeuropa.

Und es gibt eine weitere Realität: Gesellschaftssegmente, die verwundbar sind, wie Frauen und Jugendliche, sind stärker betroffen. Frauen sind etwa besonders exponiert, weil sie vor allem im Dienstleistungssektor arbeiten, sie stehen an vorderster Front. Eine Studie hat gezeigt, dass im südlichen Mittelmeerraum zwischen 700.000 – 750.000 Frauen aufgrund der Pandemie ihren Arbeitsplatz verlieren werden.

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Was ist die spezifische Rolle der Union bei der Bewältigung dieser Herausforderungen?

Wir haben eine Konferenz über die Auswirkungen der Pandemie auf die Gleichstellung der Geschlechter organisiert und dabei die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Frauen, den Verlust von Arbeitsplätzen und die Frage erörtert, wie Unternehmerinnen in Bezug auf Ausbildung und Fähigkeiten unterstützt werden können.

Ein weiteres Beispiel: Mit Hilfe des deutschen Entwicklungsministeriums und mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) haben wir vor wenigen Monaten ein Beschäftigungsprogramm in der Region mit gemeinnützigen Organisationen gestartet. Jetzt gehen wir über 140 Bewerbungen durch. Es ist kein riesiges Projekt, aber ein gutes Instrument, da es als Beispiel dient, dem andere Regierungen folgen können.

Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?

Zuerst kamen wir zu den Deutschen, baten sie um Unterstützung in der Region, und ihre Reaktion war außergewöhnlich. Zunächt ging es um strukturelle Probleme: Abbau von Handelsschranken oder Lockerung der Ursprungsregeln. Der Handel zwischen dem Norden und dem Süden des Mittelmeers ist dreimal teurer als zwischen den EU-Mitgliedsstaaten.

Dann, als die Pandemie über uns hereinbrach, setzten wir uns mit den Deutschen zusammen und entwickelten dieses Beschäftigungsprogramm. Jetzt wollen andere Staaten dem Beispiel folgen: Schweden war schon immer sehr engagiert in der Region, wir kooperieren in Fragen des Klimawandels und der Stärkung von Frauen. Norwegen tut viel, um die Bildung zu fördern. Mit Spanien stehen wir kurz vor einer Einigung in der Beschäftigungs- und Wasserpolitik. Auch mit Frankreich und Italien sind wir im Gespräch.

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„Wir haben gezeigt, wie sehr wir an die europäischen Werte glauben“, sagte der 46-Jährige in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP in Skopje. „Und jetzt, wo Europa seine Werte zeigen sollte, waren sie nicht da.“

Aus Ihrer Erfahrung als Botschafter: Gibt es bei der Bewältigung dieser Herausforderungen auch Konflikt innerhalb der Union?

Als Diplomat habe ich festgestellt, dass die Länder zu Beginn der Krise auf der Grundlage enger nationaler Interessen reagiert haben – nicht nur in der Union für den Mittelmeerraum, sondern weltweit. Aber bald darauf verstanden die Staaten, dass es sich um ein regionales und globales Problem handelt, und stimmten ihre Anstrengungen aufeinander ab.

Innerhalb der Union hielten die Handelsminister kürzlich ein großes Treffen für Investitionen und Beschäftigung ab. Während dieser Verhandlungen konnte ich keine Spannungen feststellen.

Wie sehen Sie die Rolle der Union in den nächsten 25 Jahren? Welche Herausforderungen zeichnen sich am Horizont ab?

Wir sehen uns als das regionale Kapitel der SDGs. Sie sind unser Kompass. Innerhalb dessen werden vier Prioritäten unsere Arbeit in den kommenden Jahren bestimmen. Die erste ist der Klimawandel, nicht zuletzt, weil wir die am zweithäufigsten betroffene Region sind. Eine weitere ist der Umweltschutz. Wir müssen uns mit Umweltverschmutzung und Plastik in unseren Meeren befassen.

Die dritte Priorität ist die Beschäftigung, denn sie ist eine Antwort auf so viele Probleme wie Migration oder Radikalisierung. Und schließlich: Frauen und Jugend. Studien zeigen, dass sich das BIP in den nächsten zehn Jahren verdoppeln würde, wenn die Frauen vollständig in die Erwerbsbevölkerung integriert würden.

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