Nach Skandalspiel: Albaniens Außenminister will Neustart mit Serbien

Albaniens Außenminister Ditmir Bushati

Die gewaltsamen Ausschreitungen bei einem Fußball-Länderspiel zwischen Serbien und Albanien haben die Beziehungen zwischen den beiden Ländern erschüttert. In einem Exklusiv-Interview mit EURACTIV.de wirft Albaniens Außenminister Ditmir Bushati Belgrad schweres Versagen vor. Dennoch glaubt er an eine Annäherung – mit Hilfe der Bundesregierung und der EU. 

Ditmir Bushati ist Außenminister Albaniens seit 2013. Zuvor war er Abgeordneter für die Sozialistische Partei im albanischen Parlament und Vorsitzender der Parlamentskommission für europäische Integration. Bushati ist studierter Jurist und lernte in Tirana, Leiden, Dallas und Harvard.

EURACTIV.de: Ihr Premierminister Edi Rama wollte eigentlich in der vergangenen Woche seinen serbischen Amtskollegen Aleksandar Vu?i? treffen. Warum haben Sie das Treffen verschoben?

BUSHATI: Die beiden Premierminister hatten eine Meinungsverschiedenheit mit Blick auf die gewaltsamen Vorfälle rund um das Fußball-Länderspiel zwischen Albanien und Serbien in Belgrad. Nach einem Telefonat haben sich beide auf einen neuen Termin, den 10. November, geeinigt. Wir sind fest entschlossen, diesen Termin einzuhalten. Wir wollen ein neues Kapitel in unseren Beziehungen aufschlagen.

Fällt Ihnen nach den Vorfällen bei dem Fußball-Länderspiel ein solcher Neustart schwer?

Die Vorfälle waren unglücklich. Wir verurteilen die gewaltsamen Übergriffe auf unsere Nationalspieler. Und natürlich, unser Verhältnis war nicht immer einfach in der Vergangenheit. Aber jetzt müssen wir nach vorne schauen und uns auf unsere große Gemeinsamkeit besinnen: die Perspektive auf einen EU-Beitritt. Die Beitrittsgespräche werden es mit Sicherheit leichter machen, die vorhandenen Differenzen zwischen unseren beiden Ländern auszuräumen.

Auf dem Spielfeld haben die albanischen Spieler die Flagge eines „Großalbaniens“ verteidigt – ein Schreckgespenst für Serbien und andere Länder auf dem Westbalkan. Wie gefährlich sind die nationalistischen Tendenzen in ihrem Land?

Eins möchte ich grundsätzlich festhalten: Sogar laut UEFA-Regeln war es die Aufgabe Serbiens, als Gastland des Länderspiels, solche Vorkommnisse, wie die durch die Drohne aufgetauchte Flagge und die physische Gewalt gegen unsere Spieler, zu verhindern. Das ist Belgrad nicht gelungen. Ich will diesen Zwischenfall nicht mit irgendwelchen nationalistischen Tendenzen in Albanien in Verbindung bringen. Das einzige nationale Projekt, dass unser Land verfolgt ist der EU-Beitritt.

EU-Kommission Jean-Claude Juncker hat aber mehrmals versichert, dass kein Land der EU in den nächsten fünf Jahren beitreten wird. Ist ein solche Aussage nicht entmutigend? 

Solche Ankündigungen machen tatsächlich nicht gerade Mut. Aber ich will ehrlich sein: Wir sind – wie alle anderen Länder auf dem Westbalkan – nicht in der Lage, in fünf Jahren der EU beizutreten. Die zentrale Frage ist vielmehr, wie es nach diesen fünf Jahren weitergeht, wie die Zusammenarbeit zwischen der EU und dem Westbalkan so gestaltet werden kann, dass wir ökonomisch und politisch noch enger an die EU heranrücken können.

Die Beitrittsverhandlungen werden also fortgeführt. Der Prozess, den Angela Merkel im August auf der Westbalkan-Konferenz in Berlin angestoßen hat, ist eine große Chance. Er ruft uns alle dazu auf, härter an uns zu arbeiten.

Aber die EU-Kommission sagt von Jahr zu Jahr, Albanien müsse die Korruption härter bekämpfen. 

Die Korruption bleibt ein Problem in unserem Land, genauso wie in jedem anderen Land auf dem Westbalkan. Aber wir sind fest entschlossen, sie zu bekämpfen. Nicht nur, um in die EU zu kommen, sondern auch, um eine demokratische Gesellschaft aufzubauen. Die EU ist beim Kampf gegen Korruption ein Vorbild. Die Reform unseres Rechtssystems ist jedoch noch viel entscheidender. Das ist eine Mammut-Aufgabe für uns. Hier arbeiten wir eng mit der EU-Kommission und anderen Parteien zusammen.

Die Erweiterung ist unter EU-Bürgern nicht gerade ein beliebtes Thema. Unter anderem befürchten die Westeuropäer wirtschaftliche Nachteile, etwa durch „Armutszuwanderer“ aus Südosteuropa. Wie können Sie die Skepsis zerstreuen?

Vorerst werden wir – wie Juncker gesagt hat – in den nächsten fünf Jahren der EU nicht beitreten. Und wenn es dann so weit kommt, dann stellen wir keine ökonomische Gefahr für die EU dar. Ich glaube die EU hat aus ihrem Fehler gelernt. Mit dem Berliner Prozess werden wir dazu aufgefordert, in den kommenden Jahren daran zu arbeiten, unseren wirtschaftlichen Abstand zur EU zu verringern. Das bereitet uns bestens für einen EU-Betritt vor. Für uns gibt es keine Alternative zur EU, und damit spreche ich für alle Westbalkan-Staaten. Albanien braucht die EU. Und die EU braucht Albanien. Das gilt für den gesamten Westbalkan.

Und wann sehen Sie Albanien in der EU?

In zehn Jahren sind wir bereit für den Beitritt. Aber um Zeit geht es nicht allein. Wichtig ist die konkrete Ausgestaltung der Annäherungsprozesse, wie etwa der Berliner Prozess.

In ganz Europa rekrutiert der Islamische Staat (IS) neue Kämpfer für den Krieg in Syrien und dem Irak. Wie sehr betrifft das Albanien?

Wir sind Teil der internationalen Koalition gegen den IS und unterstützen verschiedene Resolutionen. Auf nationaler Ebene haben wir Gesetze verabschiedet, die den Terrorismus eindämmen. Wir sind nicht direkt involviert in den IS-Krieg, aber sind gefährdet wegen unserer geographischen Lage. Wir sind quasi der Türsteher Europas, wenn es um die Abwehr von terroristischen Bedrohungen geht. Gleichzeitig halten wir den interreligiösen Dialog für wichtig. Der Besuch von Papst Franziskus in Tirana im September hat uns Mut gemacht.

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