„Migration ist höchst wünschenswert, wenn sie human und verantwortungsbewusst gesteuert wird“

William Lacy Swing, Generaldirektor der Internationalen Organisation für Migration (IOM). [UN Denmark]

Im Pariser Abkommen wurde zum ersten Mal anerkannt, dass der Klimawandel zu Migration führt. Bei der COP23 in Bonn ist nun die große Frage, wie dieser Tatsache begegnet werden soll, sagt William Swing im Interview mit EURACTIV.com.

William Lacy Swing ist der Generaldirektor der Internationalen Organisation für Migration (IOM).

Er sprach am Rande der COP23-Konferenz in Bonn mit Paola Tamma von EURACTIV.

EurActiv: Seit 2008 sind jedes Jahr durchschnittlich 22 Millionen Menschen aufgrund des Klimawandels migriert. Was ist Umweltmigration?

William Lacy Swing: Umweltmigration ist, wenn Menschen ihre Wohnorte aufgrund von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Hochwasser verlassen müssen. Es gibt aber auch langsamere Umwelteffekte, beispielsweise in Tschad, wo 90 Prozent des Tschadsees ausgetrocknet sind, sodass die Fischerei nicht mehr möglich ist. Wir bezeichnen das als erzwungene Migration.

Denken Sie also, dass Klimamigranten als Flüchtlinge angesehen werden sollten?

Wir müssen einen Unterschied zwischen Migranten und Geflüchteten machen: Geflüchtete sind Menschen, die politisch verfolgt werden und deswegen ihre eigenen Länder verlassen müssen. Migration kann hingegen unterschiedliche Formen annehmen, darunter auch erzwungene Migration. Was wir nun im Global Compact for Migration erreichen wollen, ist ein Abkommen, mit dem sich Staaten verpflichten, gemeinsam Verantwortung für migrierende Menschen zu übernehmen. Es sind sehr viele Menschen unterwegs, die man nicht als Flüchtlinge oder Staatenlose einstufen kann. Einige haben keine internationalen Grenzen überschritten oder sind auch nicht direkt Binnenvertriebene in ihren eigenen Ländern. Aber sie benötigen trotzdem Schutz.

Ein Beispiel dafür wären verschleppte Menschen, Opfer von Schmugglern, Kranke und Alte, schwangere Frauen, unbegleitete Minderjährige, Schüler… Es gibt viele Kategorien. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle migrieren und verletzlicher sind, als Menschen, die sich an ihrem eigenen Heimatort befinden. Darum geht es.

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Was sind die Herausforderungen beim Erreichen dieses Abkommens, dieser Verpflichtung?

Bei allem was wir tun, müssen die Menschen an erster Stelle stehen. Migration ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Bewegung vieler Menschen ist unvermeidbar. Sie ist notwendig, wenn Arbeitsstellen besetzt werden müssen, wenn besondere Fähigkeiten gefragt sind, wenn die Wirtschaft florieren und Gemeinden gedeihen sollen. Migration ist höchst wünschenswert, wenn wir sie auf humane und verantwortungsbewusste Weise steuern.

Ich spreche hier nicht von einer Welt ohne Grenzen, sondern von einer Welt, in der es das Bewusstsein gibt, dass Migration historisch gesehen überaus positiv war, gerade mittel- bis langfristig.

Es wird in allen unseren Gesellschaften viel Migration geben. Grund dafür ist das demografische Defizit: Im West sterben mehr Menschen, als geboren werden, und die Entwicklungsländer haben sehr viel höhere Geburtenraten.

Wir müssen verstehen, dass diese Migration unvermeidbar ist und dass wir sie deswegen managen müssen. Das ist ein anderer Ansatz, als zu sagen: Lasst uns mehr Mauern bauen und die Anderen außen vor lassen.

Es ist heute so, dass einige Regierungen versuchen, eine Gesellschaft zu beschützen, die so gar nicht mehr existiert. Die meisten heutigen Gesellschaften sind noch viel multikultureller, multi-ethnischer, multi-religiöser und vielsprachiger, als wir realisieren. Und es funktioniert recht gut.

Dass Migranten nun mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden, ist eine grausame Ironie. Die meisten von ihnen fliehen ja gerade vor Terror. Die meisten Anschläge, sei es in Paris oder Nizza oder Brüssel oder San Bernardino in Kalifornien oder Orlando in Florida, wurden von Menschen verübt, die in diesen Ländern aufgewachsen sind und deren Integration fehlgeschlagen ist. Diese Menschen fühlen sich marginalisiert und nicht als Teil der Gesellschaft.

Wir glauben, dass sehr viel mehr für bessere Integration getan werden muss. Es muss mehr Sprachangebote geben, die Gemeinden müssen Verantwortung für die Menschen übernehmen. In diesem Sinne sind Bürgermeister sehr wichtig. Sie verstehen die Probleme meist viel besser, als Politiker auf nationaler Ebene, weil sie den Wohnraum, die Lebenssicherung, Sicherheit usw. bereitstellen müssen. Deswegen arbeiten wir viel mit Bürgermeistern zusammen.

Trotz aller Anstrengungen wird erwartet, dass sich die Zahl der jungen arbeitslosen Afrikaner in den kommenden Jahren verdreifachen wird (laut Zahlen der Europäischen Investmentbank von 35 Millionen heute auf circa 100 Millionen). Was tut die IOM, um den Menschen zu helfen, entweder in ihrer Heimat bleiben zu können oder sicher und erfolgreich zu migrieren?

Noch einmal: Der demografische Unterschied zwischen dem globalen Norden und dem Süden ist die Schlüsselfrage. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Hälfte der afrikanischen Migration innerhalb Afrikas geschieht, eine Süd-Süd-Migration sozusagen.

Wir haben Umfragen gemacht: 58 Prozent der Migranten, die wir in Libyen befragten, erklärten uns, dass sie ursprünglich nicht nach Europa wollten, sondern eben nach Libyen. Sie konnten sich noch daran erinnern, wie es vor dem Sturz von Gaddafi dort war – sie hatten alle dort gearbeitet. Im Jahr 2011 haben wir 250.000 Migranten wieder nach Hause in ihre 54 Heimatländer gebracht. Aber das ist größtenteils Süd-Süd-Migration.

Was ist mit den anderen 50 Prozent? Da müssen wir einen Dialog zwischen Europa und Afrika etablieren. Ich glaube, der Dialog zwischen der EU und der Afrikanischen Union ist sehr wichtig. Diese Gespräche müssen fortgesetzt werden und es muss eine gemeinsame Lösung gefunden werden.

Die Ursprungsländer haben die Verpflichtung, ihre jungen Menschen zu schützen, mehr Arbeitsplätze für sie zu schaffen – insbesondere in der Landwirtschaft und in der ländlichen Entwicklung. Und Europa müssen wir die Wichtigkeit, diese jungen Menschen auf ihrem Weg zu schützen, näher bringen. Man muss versuchen, sie von dem Plan abzubringen, in ein Boot über das Mittelmeer zu steigen. Da muss noch sehr viel getan werden.

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Auf der Entwicklungshilfe-Agenda der EU wird Migration immer wichtiger. Kritiker sagen, dass Sicherheitsbedenken die langfristigen Entwicklungsziele sowie die Budgets mehr und mehr überschatten. Was sind die Risiken, wenn kurzfristige, schnelle Lösungen gegenüber langfristigen Strategien bevorzugt werden?

Es muss eine bessere Balance zwischen Sicherheits- und Entwicklungsfragen geben. Es wird sehr viel Geld dafür aufgewendet, die Migrationsflüsse zu reduzieren, und viel davon war auch erfolgreich. Wichtig ist, dass solche Maßnahmen verantwortungsbewusst ergriffen werden.

Wir haben mit der EU Verträge über mehrere hundert Millionen Euro unterzeichnet, um Zwischenstationen aufzubauen. Ein Beispiel ist die Station in Agadez in Niger. Wir sprechen mit den Migranten, während sie unterwegs sind, und haben dabei das Ziel, ihre Leben zu retten. Wir versuchen, ihnen die Gefahren klarzumachen, in die sie sich begeben, wenn sie ihr Leben in die Hände von Schmugglern legen. Damit wollen wir sie überzeugen, dieses Risiko nicht einzugehen. Dennoch sind letztes Jahr 5000 Menschen gestorben, dieses Jahr bisher fast 3000.

Zweitens versuchen wir herauszufinden, ob sich unter den Migranten Menschen befinden, denen ein Flüchtlingsstatus zugestanden werden könnte. Diese Personen übergeben wir dann an den UNHCR [der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen].

Drittens bieten wir den Menschen, die auf ihrem Weg ins Zweifeln geraten, die Möglichkeit, sie kostenfrei zurück in ihre Heimat zu bringen. Wir geben ihnen auch etwas Geld, sodass sie dennoch mit Würde zurückkehren und ein neues Leben beginnen können. Auf diese Weise konnten wir ungefähr 8000 Menschen aus Agadez und weitere 11.000 aus diesen schlimmen Lagern in Libyen zurück in ihre Heimat bringen.

Das ist gut ausgegebenes Geld. Es geht uns nicht darum, die Migranten zu stoppen, sondern ihre Leben zu retten.

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