Hongkonger Buchhändler Lam Wing-kee: „China übernimmt die totale Kontrolle“

Buchhändler Lam Wing-kee (C) nimmt am 18. Juni 2016 in Hongkong, China, an einem Marsch durch die Stadt teil. Demonstranten versammelten sich, um ihre Freiheit zu verteidigen und den Hongkonger Buchhändler Lam Wing-kee zu unterstützen, von dem sie sagen, dass er sich tapfer gegen die chinesischen Behörden wegen seiner falschen Inhaftierung für den Versand verbotener Bücher per Post an Kunden in chinesischen Städten ausgesprochen hat. [EPA/ALEX HOFFORD]

Lam Wing-kee war einer von fünf Buchhändlern und Verlegern aus Hongkong, die im Herbst 2015 von chinesischen Agenten verschleppt wurden. Im April dieses Jahres ging er nach Taiwan. Wie sieht er Hongkongs Zukunft? Ein Interview von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Deutsche Welle: Herr Lam, Sie wurden 2015 beim Grenzübertritt in Luohu von chinesischen Agenten gekidnappt. Ungefähr zur selben Zeit verschwanden noch vier andere Buchhändler und Verleger. Was denken Sie, warum wurden Sie ausgewählt?

Lam Wing-kee: Diese Frage habe ich mir selber immer wieder gestellt. Ich habe sie auch meinen Entführern gestellt, aber nie eine Antwort bekommen.

Hing es mit der Art von Büchern zusammen, die Sie publiziert haben?

Normalerweise sollte es kein Thema sein, was man publiziert. Kein Regime sollte sich durch ein Buch herausgefordert fühlen. Was aktuell in Hongkong geschieht, lässt sich damit vergleichen, was in der Zeit des Nationalsozialismus passiert ist.

Sie wurden acht Monate lang festgehalten. Wissen Sie, wo das war?

An verschiedenen Orten. Zunächst war ich fünf Monate in Ningbo im Gefängnis, dann noch in einem kleinen Dorf namens Xiaoguan in der Provinz Guangdong. In diesen letzten drei Monaten konnte ich in einer Wohnung bleiben, aber ich durfte keinen Besuch bekommen.

Wie sind Sie frei gekommen?

Die chinesischen Sicherheitsbehörden hatten mir befohlen, nach Hongkong zurückzukehren, um für sie aus meiner Buchhandlung die Festplatte meines Computers zu holen, und dann wieder in China einzureisen. Das habe ich nicht gemacht, ich bin untergetaucht.

„Es geht nicht um Mut, sondern um die Wahrheit“

Ihre Freundin wurde damals noch von den Chinesen festgehalten, weshalb diese davon ausgingen, dass Sie zurückkommen würden. Was ist aus ihr geworden?

Sie wurde noch drei Monate lang festgehalten. Sie lebt auf dem Festland in Südchina, und mir war klar, dass ich sie, sobald ich an die Öffentlichkeit ging, nie wiedersehen würde.

Sie haben trotzdem unmittelbar nach Ihrer Rückkehr im Juni 2016 die Tatsache und die Umstände Ihrer Entführung publik gemacht. Was hat Ihnen den Mut dazu gegeben?

Das hatte nichts mit Mut zu tun, es ging um die Wahrheit. Ich finde es ungeheuer traurig, wenn man Mut braucht, um über Tatsachen zu sprechen.

In diesem Frühjahr sahen Sie sich gezwungen, Hongkong zu verlassen und nach Taiwan zu gehen. Fühlen Sie sich dort jetzt sicher oder haben Sie noch Angst um Ihre Freiheit?

Ich bin am 25. April nach Taiwan gekommen und fühle mich in jedem Fall dort sicherer. Aber die Lage von Taiwan ist nicht sicher, es gibt aktuell große Spannungen mit der Volksrepublik.

Im Mai sagten Sie, es gebe in Hongkong keine Sicherheit. Das war, bevor Regierungschefin Carrie Lam das neue Auslieferungsgesetz stoppte. Fürchten Sie trotzdem noch, dass Aktivisten, die für ihr Recht auf Meinungsfreiheit eintreten, entführt werden könnten?

Ich mache mir Sorgen um die Protestierenden. Sie sollten unbedingt Rücksicht auf ihre persönliche Sicherheit nehmen. Man darf sich selbst und die eigene Familie nicht in Gefahr bringen.

„China übernimmt die totale Kontrolle“

Die Proteste werden von beiden Seiten immer radikaler. Fürchten Sie, dass festlandchinesische Truppen in Hongkong einmarschieren werden?

China hat schon Militär in Hongkong stationiert. Deswegen kommt es nicht in erster Linie darauf an, ob China militärisch eingreifen wird. Wesentlich ist, dass die Volksrepublik das Abkommen, das Hongkong noch bis 2047 relative Unabhängigkeit zusichern sollte, gebrochen hat. „Ein Land, zwei Systeme“ existiert nicht mehr.

Auch unter den Demonstranten scheint es einen gewissen Konflikt zu geben. Sollten die Proteste gemäßigt bleiben, um die Chinesen nicht noch mehr herauszufordern, oder glauben Sie, dass eine Radikalisierung, radikale Aktionen, unvermeidlich sind?

Die jungen Protestierer halten das Schicksal Hongkongs für wichtiger als ihre eigene Sicherheit, das macht mir Sorgen. Aber Hongkong ist nicht so wichtig wie das Leben jedes Einzelnen. Niemand darf für Hongkong sterben.

Der brutale Angriff auf den Aktivisten Jimmy Sham am 16. Oktober scheint Ihre Befürchtungen zu bestätigen.

Ja, man muss sich schützen.

Im Moment herrscht ein ziemliches Chaos im Hongkonger Parlament. Wohin wird diese Entwicklung führen? Wird das Parlament durch die Proteste demokratisch gestärkt? Carrie Lam abtreten?

Ob sie abtritt, ist völlig unerheblich. Sollte sie, dann wird sie durch eine andere Figur ersetzt, das Problem bleibt dasselbe. Die chinesische Kontrolle bleibt.

Sie halten es also für unvermeidlich, dass China innerhalb der nächsten Monate oder Jahre die totale Kontrolle in Hongkong übernimmt?

Ja.

Xi Jinping bedroht ja ganz explizit auch Taiwan, Sie sprachen es an. Fürchten Sie um Taiwans Freiheit?

Ich werde mich in jedem Fall dagegenstellen und für Taiwans Sicherheit protestieren.

„Menschenrechte dürfen nicht für das China-Geschäft geopfert werden“

Auf der Frankfurter Buchmesse haben Sie mit Vertretern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und dem internationalen PEN eine Mahnwache für den verschleppten Verleger Gui Minhai abgehalten. Niemand kennt seinen Verbleib. Haben Sie irgendeine Information, was mit ihm, seitdem er 2018 bei seinem seltsamen TV-Geständnis (Darin warf er Schweden vor, ihn zur Ausreise gedrängt zu haben. Er sei den Diplomaten auf den Leim gegangen und so sei sein „wunderschönes Leben in China“ von Schweden ruiniert worden, Anmerk. d. Red.) zum letzten Mal zu sehen war, geschehen ist?

Gui Minhai wurde wegen der Bücher, die er verkaufte, und wegen angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen verurteilt, vermute ich, auch wenn bisher kein Urteil in einem Gerichtsverfahren bekanntgegeben wurde. Ich glaube, dass Gui Minhai für fünf bis zehn Jahre im Gefängnis bleiben muss. Nach dieser Zeit darf er wahrscheinlich China nicht verlassen und wird weiter überwacht werden.

Was sollte die deutsche Regierung, sollten die Kanzlerin oder der Außenminister bei ihren China-Besuchen tun, um Gui Minhai zu helfen?

Ich hoffe, dass die deutsche Regierung die Wahrung der Menschenrechte über die Handelsbeziehungen stellt und das auch ganz deutlich von China einfordert. Allgemein gültige Werte wie die Menschenrechte, Presse- und Meinungsfreiheit dürfen nicht für das China-Geschäft geopfert werden.

Das Gespräch führte Sabine Peschel.

 

 

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