Farage über UKIP: „Wen interessiert schon, was nach Brexit kommt?“

Die UKIP von Nigel Farage soll mit EU-Geldern nationale Umfragen finanziert haben [James Crisp/Flickr]

Die UKIP müsse nach dem Brexit-Votum sicherstellen, dass es zu keinem „Rückfall oder Verrat“ am Austrittsentscheid komme, betont ihr Vorsitzender Nigel Farage im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Nigel Farage ist Vorsitzender der britischen Unabhängigkeitspartei (UKIP) und Mitglied des EU-Parlaments.

Das englischsprachige Interview finden Sie in der Soundcloud.

Das ist Ihr Moment…

Fantastisch, ich kann es kaum glauben. Mir war gar nicht bewusst, welch umwälzende Kraft das Ganze haben würde, bis ich heute Morgen hierher gekommen bin und die Reaktionen gesehen habe. Es hatte erdbebenartige Auswirkungen auf die britische Politik, aber genauso erdbebenartig könnte es auch auf die europäische Politik wirken.

Was möchten Sie den Europäern mit auf den Weg geben?

An das europäische Volk: Ich glaube, wir haben es geschafft. Wir haben gezeigt, dass die kleinen Leute gewinnen können. Und ich zweifle nicht eine Minute daran, dass wir das letzte Land sind, das aus der EU austritt.

Was die Verhandlungen angeht, habe ich dem EU-Parlament gesagt: Lasst uns versuchen, wie Erwachsene damit umzugehen. Aber dafür habe ich nur viele Beleidigungen über mich ergehen lassen müssen. Wenn es darum ginge, Zollschranken zwischen Großbritannien und der EU zu errichten, dann würde dies der EU viel mehr schaden als uns. Hunderttausende deutsche Arbeiter in der Automobilbranche würden ihren Job verlieren, wenn der britische Markt nicht mehr frei zugänglich wäre.

Könnte der Brexit zu einer tiefgreifenden EU-Reform führen?

Ich glaube nicht, dass dieses Projekt das Wort „Reform“ überhaupt versteht. Sie sind alle so versessen auf ihren EU-Nationalismus, auf die Idee, einen gemeinsamen Staat zu errichten, eine gemeinsame Armee aufzustellen und eine aktive Außenpolitik zu führen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auch nur irgendetwas aus dem Brexit gelernt haben.

Hat sich Ihre Kampagne zu sehr auf das Thema Immigration konzentriert? Manche sagen, sie sei rassistisch gewesen.

Tja, Immigration ist nun mal Thema Nummer Eins in der britischen Politik. Das ist schon seit sechs Jahren so. Schuld daran ist eine unverantwortliche Migrationspolitik der offenen Tür mit Zugang zu Schulen, zum Gesundheitssystem und so weiter.

In den letzten Tagen gab es mehrere rassistische Übergriffe. Das waren schreckliche Bilder.

Auf beiden Seiten ist es schrecklich. Die Spannungen in unseren Land sind zurzeit sehr hoch. Aber ich habe solch ein Verhalten schon immer verurteilt und das werde ich auch weiterhin tun.

[Ein anderer Journalist:] Haben Sie vor zurückzutreten?

Ich werde nicht zurücktreten, solange Großbritannien die EU noch nicht verlassen hat. Aber dann werde ich es tun. Vergesst mich nicht, ich war der, der euch am vergangenen Donnerstag Weihnachten beschert hat.

Was für einen Sinn hat die UKIP denn jetzt noch?

Die UKIP muss jetzt sicherstellen, dass der Wille der 17,5 Millionen Menschen umgesetzt wird und dass es keinen Rückfall oder Verrat gibt.

Also werden Sie die Partei nach dem tatsächlichen Brexit nicht auflösen?

Wen interessiert schon, was nach Brexit kommt? Ich bin in die Politik gegangen, weil ich mein Land als eigenständige Nation zurückhaben wollte. Das ist mir wichtig. Freitagmorgen war ich komplett aus dem Häuschen, als die Ergebnisse eintrafen. In den vergangenen 24 Stunden war ich dann ein bisschen nervös, weil einige wichtige Politiker der Brexit-Bewegung rückfällig zu werden scheinen.

Sie werden rückfällig.

Ja. Und wenn sie das tun, dann wird das noch viel größere politische Auswirkungen haben, als wir bisher schon sehen können.

[Ein anderer Journalist]: Wie stehen Sie zum norwegischen Modell?

Für so etwas haben wir nicht gestimmt. Wir wollen nicht länger Teil dieses überholten Kartells sein, dass sich Binnenmarkt schimpft. Wir haben dafür gestimmt, uns von ihm zu befreien. Damit nicht länger die 88 Prozent unserer Wirtschaft reguliert werden, die überhaupt nichts in die EU exportieren.

Um den Binnenmarkt weiterhin nutzen zu können, müsste Großbritannien die Souveränität des Europäischen Gerichtshofes anerkennen.

Jedes Land kann am Binnenmarkt teilnehmen. Was da geredet wird, ist Schwachsinn. Die Frage ist nur, unter welchen Bedingungen man Zugang erhält.

Wenn es schiefläuft, gibt es eben keinen Deal. Aber kein Deal ist immer noch besser, als das, was Großbritannien momentan mitmacht. Wir haben in dieser ganzen Angelegenheit nichts zu verlieren. Und wenn es doch zu Zollschranken kommen sollte, dann werden diese der EU mehr schaden als uns. So etwas würde also gar keinen Sinn ergeben.

Wir hoffen also, dass wir alle – wie Erwachsene – pragmatisch und vernünftig über die britisch-europäischen Zollvereinbarungen verhandeln können. Das wäre doch für alle am besten.

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