FAO-Bericht: „Die Hungersnot ist zurück“

EU Europa Nachrichten FAO

Daniel Gustafson, stellvertretender Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO). [Matt Tempest/ Flickr]

EXKLUSIV/ 108 Millionen Menschen weltweit stehen kurz vor dem Hungertod, warnt der Global Report on Food Crises 2017 der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO). Daniel Gustafson, Vize-Generaldirektor der FAO, dazu im Gespräch mit EURACTIV Brüssel.

Daniel Gustafson trat der FAO 1994 bei und arbeitete vor allem in Afrika und Südasien. Bevor er seine derzeitige Position als Vize-Generaldirektor der Organisation annahm, war er Direktor des UN-Verbindungsbüros für die USA und Kanada.

EURACTIV: Die Hauptbotschaft des heute veröffentlichten Berichts wird mit den Worten “Die Hungersnot ist zurück“ zusammengefasst, insbesondere mit Blick auf den Südsudan, Somalia und den Nordosten Nigerias. Wie viel Zeit bleibt uns noch, um eine voll ausgewachsene Hungerkatastrophe zu vermeiden?

Gustafson: Ich denke, das hängt sehr stark davon ab, was in den meisten dieser Länder während der aktuellen Regenzeit geschehen wird, die jetzt von April bis Juni geht. Natürlich ist es auch eine Frage des Geldes, das man aufbringt, um die Haushalte davor zu bewahren, all ihre Besitztümer zu verkaufen und noch tiefer in der Abwärtsspirale zu versinken. Denn von dort aus stürzen sie über den Rand direkt in die Katastrophe. Es ist also eine Kombination aus dem, was wir und Mutter Natur den Menschen bieten.

Hunger – Konstante in Zeiten des globalen Überflusses

Am kommenden Sonntag zelebriert die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN den Welternährungstag. Gibt es wirklich Grund zum Feiern, während die Zahl der Hungernden weltweit erschreckend konstant bleibt?

Einige offizielle Hungerskategorien, die noch unter der Hungersnot liegen, sind für viele Menschen nicht greifbar und wirken sogar beschönigend: „Ernährungsunsicherheit“, „Ernährungskrise“. Erklären Sie doch bitte dem Laien, was diese Begriffe für Familien vor Ort bedeuten.

Von einer Katastrophe sprechen wir, wenn die Zahl der Todesfälle auf über 40 von 10.000 Menschen pro Tag steigt. Das ist sehr hoch – ein wirkliches Disaster. Das ist das Extrem.

Davor gibt es den „Notstand“. Hier versuchen sich die Menschen, irgendwie noch über Wasser zu halten, indem sie all ihr Hab und Gut verkaufen. Sie essen viel weniger. Erwachsene verzichten zugunsten ihrer Kinder auf Nahrung. Sie verkaufen ihr Vieh für Lebensmittel – ein Schritt, von dem sie sich nicht erholen können. Denn wenn der Hunger wiederkommt, müssen sie in Camps ziehen, um nicht zu verhungern.

Die Menschen versuchen, auf etwas zu verzichten, damit sie sich darauf konzentrieren können, ihre Ernährung auf wahrscheinlich eine Mahlzeit am Tag zu reduzieren.

Welthunger-Index: "800 Millionen Menschen gehen jede Nacht hungrig zu Bett"

Jeden Tag sterben Zehntausende Menschen an Hunger oder dessen Folgen, so das Ergebnis des aktuellen Welthunger-Index. Doch es gibt Grund zur Hoffnung, meinen Olive Towley und Dominic MacSorley im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Macht es für die breite Öffentlichkeit einen Unterschied vom Verständnis oder Mitgefühl her, weshalb die Menschen Hunger leiden – Dürreperioden, extreme Wetterereignisse, El Niño oder Bürgerkriege und Stammeskämpfe? Bei den letzteren Ursachen sprach EU-Kommissar Stylianides vergangene Woche von einem „menschgemachten Hunger“ im Südsudan.

Ich kann Ihre Frage gut nachvollziehen. Sie ist sehr interessant. Aber ist bin mir nicht sicher, ob es hier wirklich einen Unterschied gibt.

Ich denke schon, dass die Menschen dem Südsudan weniger Sympatie entgegenbringen. Hier gibt es zwei kämpfende Parteien. Die Leute denken sich: „Die Südsudanesen, warum können sie sich nicht zusammenraufen?“ In Somalia haben wir den langjährigen Konflikt und die Dürre durch El Niño. Insgesamt aber, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Öffentlichkeit weniger Mitgefühl für das Leid im Südsudan aufbringt. Die Not der Menschen, die nichts mit der zerstörerischen Gewalt zwischen den einzelnen Parteien zu tun haben, ist so groß, dass die Leute dafür Verständnis und wenn nicht sogar noch mehr Mitleid verspüren. Es ist so absurd: Ihre Lage ist ohnehin schon schlecht und wird nun durch politische Konflikte verschärft, die eigentlich hätten geklärt werden können. Das Mitgefühl ist also wahrscheinlich eher größer.

Sie haben mit der FAO in Somalia gearbeitet. Ist es nicht herzzerreißend mit anzusehen, wenn ein Land erst 2011 eine Hungerkatastrophe durchleidet und jetzt schon wieder so kurz davor zu stehen scheint? Verliert man da nicht irgendwann die Hoffnung?

Das ist interessant. Wenn ich an 2011 zurückdenke, hatten wir damals nicht die Möglichkeiten, die wir heute haben. Mit denen hätten wir die Hungerkrise von 2011 vermeiden können. Insofern denke ich, sind wir heute besser aufgestellt.

Darüber hinaus gab es 2011 keine funktionierende Regierung. In den Jahren, in denen ich dort lebte, gab es sogar überhaupt keine. Nicht einmal etwas, das die Menschen für eine Regierung halten konnten.

Es ist aber in der Tat irgendwie entmutigend, wenn manche Menschen etwas wiedereinfinden, das wir schon lange zu kennen glaubten. Im Großen und Ganzen denke ich jedoch, dass wir viele Fortschritte gemacht haben und jetzt in einer weitaus besseren Lage sind als noch 2011. Auch wenn das Glas nur ein kleines Bisschen voller ist, sind wir der Vergangenheit ein gutes Stück voraus.

Eines der wichtigsten Ergebnisse des Berichts ist die Tatsache, dass 108 Millionen Menschen kurz vor dem Hungertod stehen. Die EU ist, wie wir alle wissen, der weltweit größte Geldgeber. Was könnte Brüssel noch tun, das es bisher noch nicht versucht hat?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eine Antwort weiß. Sie sind in diesem Bereich führend. In unseren Augen sollte der größte Geldgeber bereit sein, langfristig zu investieren. Ich meine, wir sollten alle mehr tun, aber es ist nicht so, als würde irgendwer denken, die EU sei auf dem Holzweg. Sie ist in diesem Bereich führend – das steht völlig außer Frage.

EU: Zusätzliche 165 Millionen für Ostafrika

Dürregeplagte Länder im Osten Afrikas erhalten weitere 165 Euro, so das Versprechen der Außenbeauftragten Federica Mogherini sowie der EU-Kommissare Neven Mimica und Christos Stylianides, die am 17. März Afrikas Diplomatiehauptstadt Addis Abeba besuchten. EURACTIV Brüssel berichtet.

Subscribe to our newsletters

Subscribe