Entwicklungshilfe-Experte: „Haiti würde es ohne Hilfe besser ergehen“

Haiti nach dem verheerenden Erdbeben 2010 [RIBI Image Library/Flickr]

Haiti ist eines von vielen Ländern, in der die Entwicklungshilfe ihre Ziele nicht erreicht hat. Trotz Milliarden-Hilfen hat sich seit dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2010 wenig geändert, erklärt Joel Boutroue im Interview mit EURACTIV Frankreich.

Joel Boutroue war von 2006 bis 2009 stellvertretender UN-Sonderbeauftragter der Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti (französisch: Mission des Nations Unies pour la stabilisation en Haïti, MINUSTAH). In dieser Position arbeitete er als Koordinator für humanitäre Hilfe, als Koordinator vor Ort und als Repräsentant des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP). Danach wurde Boutroue Sonderberater des Premierministers von Haiti (2009-2011) und später des norwegischen Premierministers (2011-2016).

Boutroue wird an der ID4D-Konferenz “Haiti: how to take the time for development?” am 6. Juni in Paris teilnehmen, die von der französischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit organisiert wird.

Dieses Interview wird in Zusammenarbeit mit dem ID4D Blog veröffentlicht, der von der französischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit geführt wird.

Haiti ist eines der instabilsten Länder der Welt. Welchen Herausforderungen sieht sich das Land sieben Jahre nach dem Erdbeben von 2010 gegenüber?

Haiti fällt weiter in sich zusammen. Neben schlechter Staats- und Regierungsführung, welche das Hauptproblem ist, bleibt auch die Landwirtschaft ein großes Thema. Haiti ist ein landwirtschaftlich geprägtes Land, aber in diesem Sektor wurden keinerlei Investitionen gemacht, es wurden keine nachhaltigen Praktiken eingeführt, und die Werkzeuge, mit denen die Bauern arbeiten, haben sich seit der haitianischen Revolution nicht verändert.

Das Land muss in Landwirtschaft investieren. Ein erster Schritt wäre die Schaffung eines modernen Grundbuchwesens. Heute werden noch immer Bücher aus der Kolonialzeit verwendet, zum Beispiel die Befragungen von Moreau de Saint Mery aus dem Jahr 1794.

Das zweite Hauptproblem in Haiti ist die Bildung, die sich in den letzten Jahrzehnten erschreckend verschlechtert hat. Bis in die 1960er-Jahre waren die Haitianer Wissensexporteure; heute sind die Standards katastrophal.

Cholera auf Haiti: Kommission erklärt Handlungsweise

Die Europäische Kommission hat ihre humanitäre Vorgehensweise auf Haiti in Schutz genommen, wo ein Choleraausbruch wenigstens 250 Menschen getötet hat, nachdem ein Erdbeben im Januar die Hauptstadt des Landes, Port-au-Prince, verwüstete.

Und schließlich ist das dritte große Thema Wasser und Hygiene. Haiti ist ein einziger großer Abwasserkanal, der dringend modernisiert werden muss. Das muss noch vor allen anderen Maßnahmen im Gesundheitsbereich geschehen, denn momentan vergiftet sich die Bevölkerung selbst.

Es gibt kein einziges funktionierendes Abflusssystem, keine einzige Sanitärstation im gesamten Land. Das ist schon jetzt ein enormes Problem, das sich mit dem Bevölkerungswachstum noch verschlimmern wird: Haitis Bevölkerung wird in den nächsten 40 Jahren von elf Millionen auf 18 Millionen Menschen wachsen. Genau das – Demographie und Stadtplanung – ist ebenfalls eine Riesen-Herausforderung. Die Hauptstadt Port-au-Prince wurde damals für 200.000 Menschen entworfen. Heute hat die Stadt eine Bevölkerung von drei Millionen.

Haiti zwischen fallenden Hilfsgütern und der Medienschlacht um Einfluss

Am Rande des Gipfels der „Francophonie“ in Montreux lobte die französischsprachige Welt die internationalen Anstrengungen, den Opfern des Erdbebens in Haiti zu helfen, doch sie beklagte das langsame Ankommen der Hilfsgüter. Derweil sahen sich die französischen Medien vor Ort zu der Zeit von ihren allgegenwärtigen amerikanischen Kollegen verdrängt.

Haiti erhält seit Jahren ununterbrochen Hilfszahlungen von der internationalen Gemeinschaft, insbesondere seit dem Erdbeben von 2010. Wie werden diese Gelder eingesetzt?

Die Geldgeber sitzen oft in der Zwickmühle. Einerseits wollen sie ihrer eigenen Bevölkerung zu Hause zeigen, dass es handfeste Ergebnisse gibt und dass das Geld sinnvoll eingesetzt wird. Auf der anderen Seite hat das Empfängerland aber nur eine bestimmte Aufnahmekapazität für Hilfszahlungen – und die ist meistens niedriger. Viele Geldgeber verfolgen nur kurzfristige Ziele und Ergebnisse, sei es aus Zynismus oder aus Faulheit.

Ein Beispiel: in Haiti ist Abholzung ein großes Problem, aber ein Teil der Bevölkerung holzt jetzt weniger Bäume ab, weil wir es geschafft haben, sie für die Kultivierung von Obstbäumen zu interessieren. Wir haben zum Beispiel Landwirten beigebracht, wie sie Mangos anbauen und den Ertrag der Pflanzen erhöhen können, anstatt sie einfach zu fällen. Das ist ein Erfolg, aber er braucht Zeit.

Funktioniert die Entwicklungshilfe der EU?

Die EU ist noch immer weltweit der größte Geber von Entwicklungsgeldern und humanitärer Hilfe. Doch die Sparpolitik einiger Mitgliedsstaaten, die Flüchtlingskrise und die Verschlechterung des internationalen Sicherheitsumfeldes stellen Europas Solidarität auf eine harte Probe.

Nach dem Erdbeben von 2010 mussten 15 Milliarden Kubikmeter Schutt weggeräumt werden. Im Endeffekt hat es Monate gedauert, bis diese Arbeiten überhaupt beginnen konnten, weil sich niemand gefunden hat, der sie finanzieren wollte. Für Geldgeber ist das keine attraktive Aufgabe, die Effekte sind für sie nicht sichtbar genug.

Beeinflusst dieses Verhalten die Beziehungen zu den fragilsten Staaten der Welt?

Wenn in kurzer Zeit große Ergebnisse erzielt werden müssen, nehmen sich die Helfer oftmals viele Freiheiten in Staaten, die nicht reaktions- und handlungsfähig sind. Haiti wird als Land der Hilfsorganisationen bezeichnet, und das ist nicht wirklich falsch. Die von internationalen Geldgebern gesponserten NGOs scheren sich sehr wenig um den Willen des haitianischen Staats. Der Staatsapparat wird dadurch marginalisiert und in der Beziehung zu seinen Bürgern noch weiter geschwächt. Dadurch entstehen neue Probleme. Entwicklungshilfe in Haiti ist derzeit keine Partnerschaft, es ist keine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Warum schafft es ein fragiler Staat wie Haiti nicht, seine eigenen Entwicklungsziele zu formulieren?

Nur, weil ein Staat eine Entwicklungsstrategie mit Drittpartnern unterzeichnet hat, heißt das nicht, dass die Regierung tatsächlich die gleichen Prioritäten hat, wie die Helfer. Haiti hat die gleichen Probleme wie jeder instabile Staat, in dem es nicht ausreichend Kapazitäten und Mechanismen gibt, um solche Prioritäten zu formulieren. Wenn Entwicklungshelfer in solchen fragilen Staaten aktiv werden, müssen sie die Prioritäten sehr klar machen und sich genauestens an ihnen orientieren, statt dem Staat vorzuwerfen, keine Prioritäten zu haben. Das Problem ist, dass in einer solchen Situation die Ziele mehr oder weniger aufgedrängt werden; auch, weil der Entwicklungsweg hin zu besserer Regierungsführung in einem schwachen Land sehr viel länger und schwieriger ist. Aber: jede Entwicklungsinitiative ist zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht mit einer Stärkung der Regierungsführung einhergeht, also mit einer Stärkung der Fähigkeit der lokalen Regierung, Politikrichtlinien und Ziele zu entwerfen und umzusetzen.

Geld für Entwicklungshilfe landet in Steueroasen

Drei Viertel der Unternehmen, die im Jahr 2015 Kredite der Weltbank-Tochter International Finance Corporation (IFC) für Investitionen im subsaharischen Afrika bezogen haben, nutzen Steueroasen und ziehen so Steuern aus den Entwicklungsländern ab. Das berichtet Oxfam in einem aktuellem Bericht.

Hat die internationale Hilfe zu sichtbaren Verbesserungen in Haiti nach 2010 beigetragen?

Haiti würde es ohne Hilfe besser ergehen, oder zumindest ohne diese Art der Hilfe, die es der Regierung und Verwaltung erlaubt, weiter zu machen wie bisher. Es wäre besser, Umstände zu schaffen, in denen ein Wandel möglich ist. Wenn wir aktiv werden, sollten wir das auf intelligente Art tun – auch, wenn dies in Bezug auf sichtbare Ergebnisse zunächst weniger effektiv ist. Ich sage nicht, dass jede Art der Unterstützung schlecht ist. Zum Beispiel sollte uns diese große internationale Präsenz erlauben, Druck auf den korrupten Staatsapparat aufzubauen.

Statt Straßen zu bauen, was in Haiti sehr teuer ist, sollten wir sicherstellen, dass es Gesetze gibt, wie diese Straßen gepflegt werden, nachdem sie mit internationalem Geld gebaut worden sind. Das ist tatsächlich noch viel wichtiger, als der Bau der Straße an sich.

Seit dem Erdbeben hat die internationale Gemeinschaft 5 Milliarden Dollar in Haiti investiert, aber ein Großteil davon erreicht die Orte, wo das Geld gebraucht würde, gar nicht, weil es für Durchführungskosten draufgeht. Von den gesamten Zahlungen nimmt sich der haitianische Staat 10 Prozent als Haushaltsunterstützung für seine Programme. Ein Großteil wird für die internationalen NGOs aufgewendet, und nicht mal 1 Prozent erreicht lokale NGOs. Der Rest wird für humanitäre Hilfe benötigt.

Ist die internationale Entwicklungsarbeit in Haiti also ein Misserfolg?

Ja, sie ist größtenteils ein Misserfolg – und zwar nicht nur in Haiti. In vielen fragilen Staaten arbeiten die Entwicklungsagenturen mit der öffentlichen Verwaltung, die nichts als eine leere Hülle ist, und mit den Eliten, die oft für die schlimme Situation (mit-)verantwortlich sind, zusammen. Dadurch wird lediglich der Status quo zementiert. Das lässt sich leicht im Bericht der Weltbank zu Regierungsführung und Recht erkennen: die Länder, die Unterstützung erhalten, machen die wenigsten Anstalten, ihre Staats- und Regierungsführung zu verändern.

Weitere Informationen

Entwicklungshilfe als Druckmittel für Menschenrechte

Die EU nutzt ihre Entwicklungshilfe seit mehr als 20 Jahren als Druckmittel für mehr Menschenrechte in den Ländern des Südens - ein Schachzug, den afrikanische, karibische und pazifische Länder nicht immer gutheißen. EURACTIV Frankreich berichtet.

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