Der Wille zur Veränderung: Rajeev Kher über soziale Unternehmen

In Indien haben viele Menschen keinen Zugang zu angemessenen Sanitäreinrichtungen. [Yavuz Sariyildiz /Shutterstock]

Soziale Unternehmen sollen Sozial- und Umweltthemen ansprechen. Doch wenn das soziale Problem beseitigt wurde, werden sie zu normalen Unternehmen wie andere auch, so Rajeev Kher.

Rajeev Kher ist ein indischer Sozialunternehmer. Er gründete seine Wasserentsorgungs- und Sanitärfirma Saraplast im Jahr 1999. Kher ist Mitglied der Toilet Board Coalition (TBC) und Sponsor des ersten Social Business Camps der französischen Entwicklungshilfeagentur (AFD), das vom 9. bis 13. Oktober in Marseille stattfindet.

Sie sind Gründer und CEO einer Abwasser-Entsorgungsfirma. Wie haben Sie Ihr Geschäft gestartet?

Nach meinem Abschluss in Betriebswirtschaftslehre arbeitete ich für eine Firma in Kanada und lernte dort das Konzept des portablen Sanitätssystems kennen. Damals habe ich noch in der Finanzabteilung der Firma gearbeitet. Ich musste für meinen Job viel in Kanada und den USA reisen und entdeckte dieses portable System. Ich dachte mir, ich könnte es abändern und in Indien einführen, wo Sanitäreinrichtungen und Abwassersysteme ja ein wichtiges Thema sind.

Ich wollte etwas für Indien tun; einen sozialen Effekt mit meiner Firma schaffen und Menschen Arbeit bieten und gleichzeitig auch Einfluss auf die Umwelt nehmen – und genau das haben wir getan. Damals, im Jahr 1999, gründete ich eine kleine Firma mit nicht mehr als 5000 Rupien [weniger als 100 Euro]. Das war damals das Mindestkapital, das man für eine Firmengründung in Indien brauchte. Heute hat das Unternehmen einen Umsatz von fast 6 Millionen Dollar und 360 Angestellte.

Ich startete langsam, gemeinsam mit einem Freund aus Deutschland, der mir zwei portable Toiletten auslieh. Nach und nach konnte ich die Anzahl der Toiletten vermehren. Ich stellte fest, dass noch größere Potenziale im Sanitätsbereich schlummerten, zum Beispiel beim Verleih und der Säuberung von Sanitätssystemen.

Welche Probleme hatten Sie zu Beginn?

Es gab am Anfang zwei wichtige Themen. Zunächst das Geschäftsmodell an sich: Der Sanitärbereich ist kein glamouröses Geschäftsfeld und gerade in Indien mit seinem Kastensystem halten viele Menschen dieses Segment nicht für ein ehrbares Geschäft.

Das zweite Thema war der Zugang zu Finanzierung. Niemand wollte einer Toilettenfirma Geld geben, ebenfalls weil es kein „sexy business“ ist. Alle privaten Geldgeber, die ich kontaktierte, weigerten sich. Am Ende musste ich mich an sogenannte Nichtbanken-Finanzgesellschaften (NBFC) wenden. Das sind Finanzinstitutionen, die Darlehen geben aber keine Bankenlizenz haben. Dort wurde mir Geld geliehen – allerdings mit einem Zinssatz von 26 Prozent.

Das Internet steckte auch noch in den Kinderschuhen. Der Zugang zu Informationen über soziale Unternehmen und über Abwasserentsorgung war begrenzt. Das hat sich heute sehr geändert, denke ich.

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Die wichtigste Eigenschaft, die Sie beim Start eines Sozialunternehmens brauchen, ist Entschlossenheit. Sie müssen entschlossen sein, einen Wandel zu schaffen, Sie müssen ein Träumer und leidenschaftlich sein. Sie müssen daran glauben, dass Ihr Unternehmen, Ihre Arbeit, das Leben von Menschen verändern kann.

Wie würden Sie ein soziales Unternehmen definieren?

Ein soziales Unternehmen ist eine Firma, die Einfluss auf die Menschen, die Umwelt, den Arbeitsmarkt hat und dabei Profite macht, die zurück in die Firma investiert werden. Aber ein Sozialunternehmen bleibt nicht für immer ein Sozialunternehmen. Heute sind Abwasserentsorgung und Sanitär in Indien ein soziales Unterfangen, aber wenn das Abwasserproblem gelöst ist und neue Sanitätseinrichtungen gebaut worden sind, wird unser Unternehmen ein kommerzielles Geschäft.

In Frankreich, beispielsweise, ist der Sanitärbereich kein soziales Geschäft, weil es dort diese Probleme nicht gibt.

Soziale Unternehmen wollen große soziale Problematiken beheben. Aber wenn ein solches Problem gelöst ist, wird das Sozialunternehmen ein normales, kommerzielles Unternehmen wie andere auch.

Der Unterschied zwischen einem sozialen und einem traditionellen Business ist also lediglich die Marktentwicklung?

Ein Sozialunternehmen ist sich seines Einflusses auf die Umwelt und die Menschen sehr viel mehr bewusst. Sozialunternehmer achten darauf, ihre Profite nachhaltig zu investieren. Sie achten auch mehr auf ihren Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft. Aber am Ende ist auch ein soziales Unternehmen immer noch ein Unternehmen.

Als Sozialunternehmer suchen Sie nach Finanzierungsmöglichkeiten, Sie zielen auf Profit. Das ist kein schlimmes Wort. Ob der Profit wieder in die Firma investiert wird, ist Sache des Unternehmers, und der Sozialunternehmer wird die Profite immer wieder nachhaltig in sein Geschäft investieren, um die Effekte zu verstärken.

Das wichtigste bei der Gründung eines sozialen Unternehmens ist der Wille, Veränderung zu schaffen, Lebensumstände zu verbessern. Trotzdem: Als Sozialunternehmen sind Sie eine private Firma wie jede andere auch, und Sie können ebenfalls verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten, Eigenkapital, Wagniskapitalfinanzierung, Schuldenfinanzierung… all dies suchen und nutzen.

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Sind Sozialunternehmen eine Stütze in der Entwicklung von Ländern?

Auf jeden Fall. Ich glaube, Sozialunternehmen sind die Lösung. Wir haben große Konzerne, mittelständische und kleine Firmen, und es gibt sicherlich auch Platz für Sozialunternehmen. Ich bin mir auch sicher, dass die indische Regierung sehr viele neue Anreize für soziale Unternehmen bieten wird. Darüber hinaus können die Sozialunternehmer, die die Führung übernommen haben, als Blaupause für die Regierung dienen, um Gesetze für soziale Unternehmen zu schaffen.

In Indien gibt es inzwischen eine eigene Regierungsabteilung, die sich mit Sozialunternehmen befasst. So etwas gab es noch nicht, als ich angefangen habe. Die Zeiten haben sich geändert.

Sie nehmen am Social Business Camp in Marseille gemeinsam mit Sozialunternehmern aus Afrika teil. Wie können Sie beim Aufbau sozialer Unternehmen in Afrika helfen?  

Bei der Entwicklung gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Indien und Afrika: Armut, Sanitär, die Politik der jeweiligen Regierungen. Außerdem wurden sowohl Indien als auch die afrikanischen Länder kolonialisiert. Es gibt in beiden Regionen westlichen Einfluss.

Wir wollen unser Wissen aus Indien mit den Teilnehmern des Camps teilen und ihnen die Motivation geben, erfolgreiche Unternehmen zu gründen und Profite zu erwirtschaften.

Ich bin auch im Vorstand der Toilet Board Coalition (TBC), die das Ziel hat, Abwasserentsorgung und Sanitär in anderen Teilen der Welt voranzubringen; in Südostasien, Afrika, Indien und so weiter. Wir tun sehr viel, um Sozialunternehmer im Bereich Sanitär zu unterstützen.

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