Der Balkan hat Potenzial

Glaubt an das Potenzial der Westbalkanstaaten: Martina Larkin, Vorsitzende des WEF für Europa und Eurasien. [World Economic Forum/Flickr]

Die strategisch wichtige Lage und die mobilisierbaren Arbeitskräfte sind nur einige Aspekte des wirtschaftlichen Potenzials des Westbalkans. Mit ihnen könnten die Staaten dort von der vierten Industriellen Revolution profitieren und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, sagt Martina Larkin vom Weltwirtschaftsforum (WEF) im Interview mit EURACTIV.com.

Martina Larkin ist Vorsitzende des WEF für Europa und Eurasien sowie Mitglied des Exekutivkomitees des Weltwirtschaftsforums. Sie sprach mit Sarantis Michalopoulos von EURACTIV im Vorfeld des EU-Westbalkangipfels in Sofia, der am morgigen Donnerstag stattfindet.

EURACTIV: Wo sollte Ihrer Meinung nach der Schwerpunkt bei öffentlich-privaten Partnerschaften in der Westbalkanregion liegen? Gibt es dafür spezielle Pläne? Und in welchen Bereichen haben die Länder die Region ihrer Meinung nach gemeinsames Potenzial?

Martina Larkin: Seit wir die Staats- und Regierungschefs der westlichen Balkanstaaten auf unserer Jahreskonferenz in Davos getroffen haben, ist klar, dass es eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit gibt, um der Region mehr Stabilität zu verleihen und längerfristige Probleme anzugehen. Wir freuen uns sehr, diese Dynamik zu unterstützen.

Die Rolle des Privatsektors ist entscheidend, um diese Zusammenarbeit voranzutreiben. Und die öffentlich-privaten Partnerschaften zur Förderung von Wachstum und Investitionen werden am Donnerstag [beim Gipfeltreffen in Sofia] ein zentrales Thema auf der Tagesordnung sein.

Ein offensichtliches, grenzübergreifendes Thema ist zunächst einmal die Verbindung der Verkehrsinfrastrukturen. In diesem Feld gibt es Potenzial, die Integration und Zusammenarbeit durch Handel zu vertiefen. Und es ist auch ein Bereich, in dem der Privatsektor eine aktive Rolle spielen kann.

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Sie haben kürzlich in einem Kommentar über „Druck von außen“ auf die Balkanstaaten geschrieben. Gibt es politische Überlegungen hinter dieser Beschreibung? Glauben Sie beispielsweise, dass Projekte wie die von Ihnen geplanten den Einfluss Russlands in der Region einschränken könnten? Und warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt dafür? 

Bei unserem Dialog geht es darum, der Region zu Stabilität zu verhelfen und die Grundlagen für ein nachhaltiges, integratives Wachstum zu schaffen. Diese Stabilität ist notwendig, um sicherzustellen, dass die Wirtschaften der Länder dieser Region wettbewerbsfähig sind, wenn sie der EU beitreten. Aber noch wichtiger ist es, der Region mehr eigene Kontrolle über ihr Schicksal zu geben.

Dies kann nur erreicht werden, indem tiefgreifende strukturelle Probleme, die die Region weiterhin plagen – wie Langzeitarbeitslosigkeit, schwache Institutionen, Korruption und organisierte Kriminalität – angegangen werden.

Wie motiviert sind denn die Regierungen der Westbalkanstaaten, dieses Projekt voranzutreiben?

Was mich an diesem Dialog am meisten ermutigt, ist, dass er tatsächlich sehr stark von den Führern der Region selbst geführt wird. Nachdem wir im Januar 2018 auf unserer Versammlung [dem Treffen des Weltwirtschaftsforums in Davos] zum ersten Mal zusammengekommen sind, befinden wir uns nun in einer Phase, in der wir beginnen können, Worte in Taten umzusetzen.

Zu diesem Zweck werden wir uns auf die wichtigsten Punkte konzentrieren: Vertiefung von Handel und Investitionen durch öffentlich-private Partnerschaften, Stärkung der nächsten Generation von Führungskräften, und Aufbau eines digitalen Ökosystems, um die Region in die Lage zu versetzen, in der vierten Industriellen Revolution zu bestehen.

Kann mit diesen Ansätzen die weitreichende Korruption in den meisten dieser Länder bekämpft werden – und wie?

Das Weltwirtschaftsforum hat im vergangenen Jahr eine Umfrage unter 31.000 Millenials aus 180 Ländern durchgeführt. Dies war unseres Wissens nach die vielfältigste und weitreichendste Umfrage unter jungen Menschen weltweit. Das auffälligste Ergebnis dieser Studie war für mich, dass die Jugendlichen von heute die Rechenschaftspflicht ihrer Regierungen sowie die Korruption in ihren Ländern an erster Stelle der wichtigsten Themen sehen. Der Westbalkan ist Teil dieser globalen Bewegungen und Forderungen.

Ich persönlich empfinde es als sehr ermutigend, dass die Befähigung und Förderung der nächsten Generation von Staats- und Regierungschefs zu den drei Hauptpunkten unseres Dialogs gehört. Natürlich ist dies nur der Anfang; letztendlich werden die Staats- und Regierungschefs der Region nach ihren Leistungen beurteilt werden. Aber ich bin dennoch sehr froh, dass diese Frage im Mittelpunkt der Diskussion stehen wird.

EU drängt auf wirtschaftliche Zusammenarbeit auf dem Balkan

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Wenn man bedenkt, dass es noch nicht einmal alle EU-Staaten schaffen, den Brain-drain unter ihrer jungen Bevölkerung zu stoppen: Wie wollen Sie dies auf dem Balkan schaffen?

Die Westbalkanregion hat viele Vorteile, darunter insbesondere ihre sehr wichtige strategische Lage und viele unternehmerisch orientierte Arbeitskräfte. Ich glaube wirklich, dass die Staaten dort in der Lage sein werden, die Vorteile der vierten Industriellen Revolution in der gleichen Weise zu nutzen, wie die baltischen Staaten in den 1990er Jahren ihre Volkswirtschaften auf Grundlage der Internetwirtschaft rasch entwickeln konnten.

Kleinere Volkswirtschaften haben oft den Vorteil, dass sie weitreichende Umwälzungen mit mehr Agilität und Flexibilität vornehmen können als größere Staaten.

Können diese Ansätze auch dazu beitragen, die EU-Beitrittsprozesse der Balkanstaaten zu beschleunigen?

In Brüssel gibt es eindeutig den politischen Willen, dass die sechs westlichen Balkanstaaten der Europäischen Union beitreten. Viele der Initiativen, von denen wir hoffen, dass sie aus diesem Projekt hervorgehen werden, werden diesen Volkswirtschaften helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, damit sie nach dem EU-Beitritt weiter florieren können.

Aber wir sind auf Langfristigkeit ausgerichtet: Die Strukturreformen, die die gesamte Region verfolgen muss, sind von wesentlicher Bedeutung – egal, welchen Weg die einzelnen Staaten letztendlich einschlagen.

Ein EU-Beitritt wird für die Region nur dann von Nutzen sein, wenn sie in der Lage ist, im Wettbewerb zu bestehen und ihr Humankapital zu erhalten.

EU-Spitze wirbt für ihre neue Balkanstrategie

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Was ist Ihre größte Angst in Bezug auf die Umsetzung dieses wirtschaftlichen Projekts?

Wir haben auf unserer Jahreskonferenz im Januar eine sehr gute Dynamik aufgebaut: Es wird entscheidend sein, diese Energieniveaus hoch zu halten und Fortschritte zu erzielen. Und das sehe ich als sehr gut möglich an.

Das Weltwirtschaftsforum ist die Plattform für Diskussionen, aber die Maßnahmen und die Auswirkungen müssen aus der Region heraus gesteuert werden. Es gibt große Unterstützung aus der Region, aber auch von wichtigen Partnern, wie zum Beispiel von Vizepräsidentin Mogherini und [dem österreichischen] Bundeskanzler Kurz, der an der Seite von [Bulgariens] Premierminister Borissow an dem Gipfeltreffen teilnehmen wird.

Ich glaube, es besteht ein echter Wille zum Erfolg. Als internationale Organisation mit dem Auftrag, die Welt durch öffentlich-private Zusammenarbeit zu verbessern, sind wir bereit, unsere Partner bei diesem Transformationsprozess zu unterstützen.

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Hintergrund

Dem Weltwirtschaftsforum zufolge besteht das Hauptziel für den Westbalkan darin, die nationalen und regionalen Regierungen mit den Chefs internationaler und lokaler Unternehmen zusammenzubringen, um die wirtschaftliche Integration und Transformation der Region voranzutreiben. Der Schwerpunkt soll dabei auf drei Schlüsselbereichen liegen: Vertiefung der Handelsbeziehungen, Einbindung einer neuen Generation von Führungskräften und Entwicklung eines digitalen Ökosystems, mit dem die vierte Industrielle Revolution ermöglicht wird.

Das Programm des WEF für den Westbalkan (in Englisch) findet sich hier.

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