„Dass öffentlich-private Partnerschaften als philanthropisch gelten, frustriert mich“

Alaa Murabit plädiert für mehr echten Dialog zwischen den schlechter Entwickelten Ländern und den Ländern des Globalen Nordens. [Foto: UN Women]

Entwicklung ist keine Einbahnstraße, sondern beruht auf Dialog, meint die SDG-Vertreterin Alaa Murabit. Im Interview mit Euractiv.de erklärt die Frauenrechtlerin aus Libyen, warum sie den neuen EU-Konsens für Entwicklung unterstützt. Und warum es unfair ist, Versprechen auf Investitionen  an unrealistische Erwartungen zu knüpfen.

Alaa Murabit ist Ärztin und Gründerin der NGO „The Voice of Libyan Women„, die sich für Frauenrechte und Entwicklung einsetzt. In Kanada geboren und aufgewachsen, zog sie im Alter von 15 Jahren mit ihrer Familie nach Libyen. Dort studierte sie an der Hochschule für Medizin an der Universität Zawia, wo sie das erste weibliche Mitglied des Studentenrates wurde. Murabit engagiert sich als offiziell ernannte „Anwältin für die 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele“ für die Umsetzung der SDGs.

Euractiv.de: Sie sind eine der offiziellen Anwälte für die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs). Mehr als in Jahr nach deren Beschluss – halten Sie die Ziele für ausreichend?

Alaa Murabit: Die SDGs sind ein echte Blaupause für unsere Gesellschaft und dafür, wie wir uns entwickeln können, worauf wir uns fokussieren müssen und welche Handlungspunkte wir erreichen müssen. Die Ziele umfassen alle Aspekte der Entwicklung und der Gesellschaft. Und tatsächlich gibt es keinen anderen Weg, als diese Ziele ins Zentrum unseres Handelns zu stellen.

Wenn wir so weitermachen und akzeptieren, dass 99 Prozent der Weltbevölkerung zusammen ein Prozent des Wohlstands besitzen, dass acht Menschen mehr besitzen als 300 Millionen andere, dann akzeptieren wir weiter fatale Ungerechtigkeiten. Unsere Finanzsysteme sind ungerecht, unsere Gesundheitssysteme sind ungerecht, unser internationales Engagement ist auch nicht unbedingt fair verteilt. Die SDGs müssen unsere Mission werden. Und wir müssen mit den Menschen sprechen, sie fragen, ihnen die Ziele und Hintergründe erklären und so das Bewusstsein dafür schärfen.

Sie sagen es sei wichtig, mit den Menschen zu reden, ihre Haltung zu verstehen, ihre Meinung zu akzeptieren und so zu einem Konsens zu finden. Auf das politische Level übertragen: Wie sollte Politik der Bevölkerung die SDGs nahebringen?

Ich bin immer der Meinung: Man muss mit den Menschen reden, ihnen Fragen stellen – aber trotzdem muss man nicht alle ihre Ansichten tolerieren. Schritt Eins muss immer sein, den Leuten zuzuhören, ihre Hintergründe, Motivation und Sorgen zu verstehen. Die Milleniums-Entwicklungsziele haben Fortschritte gebracht. Aber den großen Erfolg haben sie nicht gebracht, weil sie zu viele Dinge einseitig vorgeschrieben haben. Wir müssen sagen können, die Vorgaben gelten genauso in Uganda, New York, Deutschland, Ghana. Keiner von uns lebt komplett nachhaltig. Wie also können wir am besten voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen?

Die EU-Kommission hat dazu eine einzigartige Rolle eingenommen. Europa hat der Menschheit in der Geschichte einige sehr brutale Dinge angetan, und einige sehr positive. Global sehen wir zu wenig Einsatz, aber Europa bewegt sich lobenswert vorwärts. Leider aber ist der Kontinent in sich alles andere als geeint.

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Wo sehen sie die größten Herausforderungen, angesichts der Zerrissenheit Europas?

Ich erwarte gar keine geschlossenen Schritte von den europäischen Ländern. Ich erwarte sie aber von der Europäischen Kommission. Europa ist nicht homogen, genauso wie Frauenrechtsbewegungen oder alle anderen Engagierten nicht immer einer Meinung sind. Ich würde behaupten, Italien hat mehr mit meiner Heimat Libyen gemein als mit Norwegen.

Die Führerschaft der EU muss aber zu den Dingen stehen, die sie beschlossen hat. Wir müssen zum EU-Parlament gehen und sagen, dafür habt ihr euch ausgesprochen, dafür müsst ihr euch auch einsetzen. Der neue Europäische Konsens zur Entwicklung, der gerade unterschrieben wurde, ist dafür ein hoffnungsbringender Schritt. Aber all das darf nicht nur mit Stift und Papier geschehen, sondern wirklich implementiert werden.

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Was fehlt ihnen in dem neuen Konsens, der sich ja auf die wirtschaftlichen, sozialen und umweltbezogenen Aspekte von nachhaltiger Entwicklung konzentrieren will? Gesundheits-Aspekte etwa fehlen darin, um nur einen Punkt zu nennen.

Auf jeden Fall fehlen Punkte, wie zum Beispiel Gesundheit. Trotzdem ist der Konsens ein großartiges Zeichen der Kommission, dass die die Nachhaltigkeitsziele  vollständig unterstützt. Was in dem Konsens vor allem fehlt, ist ein konkreter Plan. Aber ich hoffe, dass dieser in den kommenden Monaten entwickelt wird.

Lassen sie uns über praktische Änderungen reden. Die Kommission konzentriert sich mit ihrem neuen Konzept besonders auf das Werben um Investitionen von privaten Unternehmen und Geldgebern. Dafür hagelt es viel Kritik: Ein solches Vorgehen vernachlässige die Menschen in den armen, lokalen Gemeinschaften.

Es gibt einen historischen Grund, warum Menschen kritisch gegenüber privaten Partnerschaften sind. Aber die Situation ist eben anders als in den 50er und 60er Jahren, als der Staat noch voll verantwortlich für alle Aspekte des öffentlichen Lebens war. Heute gibt es diese Abhängigkeit nicht mehr, und das übersetzt sich auch in die Wirtschaft. Unsere globale Wirtschaft, und auch Bereiche wie die Gesundheitsversorgung, sind geprägt durch private Player. Also müssen wir sie auch ins Boot holen, alles andere wäre unrealistisch. Aber dass öffentlich-private Partnerschaften als philanthropisch gelten, frustriert mich. Die Privatunternehmen profitieren schlicht für sich selbst, bringen aber eben auch den Regionen und ihren Bewohnern Verbesserungen.

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Welche Rolle sollten in all dem der Staat und auch NGOs spielen?

Der Staat muss eine wichtige Rolle spielen, sollte die Führung in dieser Entwicklung übernehmen. Und es ist im besten Interesse der Staaten, ein gutes Leben für alle seine Bürger zu garantieren – auch, um ihre Legitimität und die Sicherheit zu bewahren. Sicherheit dreht sich nämlich nicht nur um Überwachung und Bomben, sondern auch um Bildung, Gesundheit und Infrastruktur.

NGOs und die lokale Zivilgesellschaft sind hier ebenso wichtig, weil sie die Lage vor Ort wirklich verstehen. Entwicklungsprojekte kann man nicht in Brüssel entwerfen, sondern nur vor Ort. Wenn beispielsweise zurzeit 300 Millionen Mädchen weltweit nicht zur Schule gehen, liegt das oft nicht daran, dass die Eltern sie nicht dorthin schicken wollen, sondern dass oft schlicht sichere Schulwege oder Sanitäranlagen fehlen.

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Wie schätzen sie den Weg ein, den der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller mit dem „Marshall Plan für Afrika“ geht? Vertreter des Afrikanischen Union und diverser afrikanischer Regierungen beklagen, der Plan sei nicht in echtem Dialog entstanden und knüpfe Unterstützung an Maßstäbe, die nicht angemessen sind.

Die Realität ist, dass Europa durch Afrika gebaut wurde – weil Europa zu einem großen Teil auf Ressourcen wachsen konnte, die aus Afrika oder Lateinamerika kamen. Solange historische Ungerechtigkeiten nicht wirklich anerkannt werden, ist es unfair vorzugeben, wie sich ein Land zu verhalten hat. Es ist unehrlich und zeigt einen Mangel an Bewusstsein über die Geschichte.

Wir dürfen nicht ein Bild malen, das den Eindruck vermittelt, manche Länder seien einfach nicht so entwickelt wie andere. Viele Länder haben einen schwierigen Stand, weil sie lange ausgebeutet wurden, und Kolonialisierung existierte zum Teil bis vor wenigen Jahrzehnten. Statt zu sagen, „ohne diese und jene Voraussetzungen werden wir nicht bei euch investieren“ sollten jene Länder, die andere ausgebeutet haben, fragen: „Wie können wir euch unterstützen, auch dabei eine bessere Regierungsführung zu schaffen und auszubauen?“