Bokova: Konfliktprävention erfordert kulturelles Verständnis

Irina Bokova in ihrem Büro in Paris. [Georgi Gotev]

Die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova ist heiße Anwärterin auf das Amt des UN-Generalsekretärs. In einem umfassenden Interview mit EURACTIV Brüssel spricht sie über ihre Erfahrungen und Ziele.

Irina Bokova ist bulgarische Diplomatin, die sich lange Zeit als Außenministerin für europäische Integration einsetzte. Zurzeit ist sie in ihrer zweiten Amtszeit als Generalsekretärin der UNESCO tätig, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

Am 26. September findet eine neue Vorabstimmung im Auswahlverfahren für den UN-Generalsekretärposten statt. Haben Sie Ihrer Meinung nach alles gegeben, um die UN-Vertreter zu überzeugen?

Das ist eine schwierige Frage. Natürlich versuche ich, sie davon zu überzeugen, dass ich glaubwürdig und für die Stelle geeignet bin. In diesem Rennen sind ganz unterschiedliche Aspekte gefragt, aber erfreulicherweise bin ich bisher eine der konsistentesten Kandidaten gewesen. Der UN-Sicherheitsrat hat mir immer wieder sein Vertrauen ausgesprochen. Jetzt muss ich nur noch diejenigen überzeugen, die mich noch nicht unterstützen.

Wer, glauben Sie, ist das?

Das ist schwer zu sagen. Ich arbeite eigentlich mit allen zusammen. Jedes Land setzt natürlich andere Prioritäten. Manchen sind regionale Angelegenheiten besonders wichtig, anderen eher nationale Themen. Wieder andere beschäftigen sich mit geopolitischen Fragen.

Gerüchten zufolge soll die UN in Zukunft eine noch größere Rolle spielen. Sie müsste ihre Funktionsweise ändern, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wie der Flüchtlingskrise und ethnischen Auseinandersetzungen die Stirn bieten zu können. Wie kann sich die UN Ihrer Ansicht nach neu aufstellen?

Da treffen Sie den Nagel genau auf den Kopf. Die UN hat letztes Jahr ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert. Sie wurde eingerichtet, um Konflikte zu vermeiden und die Menschenrechte zu fördern. Damals sehnten sich die Menschen nach einem neuen, friedlichen Ansatz, Differenzen beizulegen.

Die UNESCO trägt als integraler Bestandteil der UN zur „ soft power“ der Organisation bei. Sie wurde kurz nach der UN selbst ins Leben gerufen, weil man wusste, dass „hard power“ allein nichts bewegen würde. Eine neue Mentalität war gefragt. Und diese ist meiner Meinung nach noch immer aktiv. Es gibt keine weitreichenden Konflikte mehr – jetzt sind sie alle stärker lokalisiert.

Wir müssen Krieg und Frieden also neu überdenken. Die globalen Machtverhältnisse haben sich verschoben. Große humanitäre Katastrophen und religiöse Konflikte sind jetzt unsere neuen Herausforderungen.

Die konventionellen Ansätze im Konfliktmanagement sind hier weniger relevant. Wir sollten uns in der heutigen Zeit vor allem auf Konfliktprävention konzentrieren, denn auf traditionellem Wege lassen sich die Auseinandersetzungen nicht verhindern. Wir müssen besser verstehen, wodurch sie ausgelöst werden.

Glauben Sie, wir verstricken uns noch immer in dem post-kolonialen Denken, dass man als Außenseiter einen Konflikt zu lösen versucht, ohne kulturelles oder historisches Know-how für maßgeschneiderte Lösungen zu sammeln? Wie würden Sie einen solchen Prozess strukturieren?

Wir können die aktuellen Konflikte in der Tat nicht verstehen, wenn wir uns nicht vermehrt mit kulturellen und historischen Faktoren auseinandersetzen. Bestes Beispiel hierfür ist der Südsudan, wo die entsprechenden Kenntnisse enorm zur Konfliktprävention beitragen könnten. Deswegen ist es in meinen Augen so entscheidend, die Identität eines Volkes und kulturelle Denkweisen zu verstehen.

Geopolitik und Geschichte gehen Hand in Hand. Das Thema ist jedoch höchst komplex, weil wir uns in stetigem Wandel befinden und sich die Technologie immer weiter entwickelt. Deshalb bin ich der Meinung, dass allein die UN trotz aller Kritik in der Lage ist, diese Herausforderung zu meisten. Natürlich kann sie nicht alles übernehmen. Ich glaube daher auch nicht, dass wir ihren Einfluss ausbauen müssen. Anstatt uns jedoch über die UN zu beschweren, sollten wir ihre bestehenden Instrumente effektiver nutzen.

Wollen sie die UN demokratischer machen?

Das ist eine ganz natürliche Entwicklung. Nur so können wir unseren Einfluss wahren.

In den USA und in Europa gewinnen Nationalisten und Populisten immer mehr Zulauf. Unsere parlamentarische Demokratie steht gewissermaßen unter Beschuss. Wie wollen Sie den Menschen mehr Teilhabe, direkte Demokratie, zusichern und gleichzeitig eine repräsentative Demokratie aufrechterhalten? Wie können wir die Demokratie im 21. Jahrhundert neu erfinden?

Die Demokratie muss sich in der Tat neu erfinden. Ich komme aus einem kommunistischen Land und als wir die Demokratie für uns „entdeckt“ haben, habe ich mich brennend für diese Fragen interessiert. Früher haben wir angenommen, die Berliner Mauer sei das einzige Hindernis für Entwicklung, freies Denken und so weiter. Ich habe gedacht, Entwicklung sei linear. Ich war überrascht – ja, schockiert – zu erfahren, dass es noch immer große Rückschläge gibt, selbst bei Themen wie der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Manche sagen, dass die traditionelle repräsentative Demokratie nicht allen Menschen Gehör schenkt. Dass das jetzt durch Technologien wie vorrangig das Internet übernommen wird. Wir müssen Ideen zusammenbringen. Ich sehe jedoch bisher keinen anderen Weg für die Demokratie, als den durch Wahlen und politische Verfahren.

Die Demokratie ist in Gefahr. Das heißt aber nicht, dass demokratische Anstrengungen umsonst sind. Ich glaube schon, dass die Demokratie ein erstrebenswertes Ziel bleiben wird. Neuerfinden muss sie sich jedoch trotzdem in gewisser Hinsicht.

Einer ihrer größten Konkurrenten im UN-Wettstreit, António Guterres, ist Vorsitzender des UN-Flüchtlingshilfswerks gewesen. Die Flüchtlingskrise ist Gesprächsthema Nummer eins in Europa, betrifft jedoch die ganze Welt – auch wenn die Berichterstattung nicht überall so ausführlich ist. Wie würden Sie diese Krise als UN-Generalsekretärin angehen?

Bis diese große humanitäre Krise Europa traf, hat man die Flüchtlingsproblematik zwar als Problem wahrgenommen, sie jedoch nicht weit oben auf die globalpolitische Agenda gesetzt. Jeder hatte sich daran gewöhnt, dass es woanders in der Welt Flüchtlinge gibt. Jetzt wird es allerhöchste Zeit, dass wir uns der Problematik annehmen.

Weltweit gibt es Millionen von Binnenvertriebenen, die von der internationalen Gemeinschaft und den Übereinkünften oftmals komplett vergessen werden. Wir müssen uns jedoch ganz genau ansehen, warum diese Menschen vertrieben wurden. Wenn wir das nicht verstehen, können wir das Problem nicht angehen. So hat man zum Beispiel viel zu lange die Klimaflüchtlinge vernachlässigt.

Vor Kurzem war ich in der Sahelzone. Armut, Extremismus und soziale Ausgrenzung vertreiben die Menschen dort aus ihrer Heimat. Hat sich die internationale Gemeinschaft diesen Problemen je ausreichend gewidmet? Ich denke nicht. Die Dimensionen dieser Katastrophen sind unglaublich weitreichend. Dennoch sind die Menschen so daran gewöhnt, dass man nur schwer ihre Aufmerksamkeit für diese Themen gewinnen kann.

Eine andere wichtige Frage ist: Verfügen wir über einen geeigneten Rechtsrahmen, um mit den Flüchtlingen umzugehen? Hier müssen wir einen globaleren Ansatz verfolgen und den Blick weiter fassen.

Die Menschen erwarten Sofortlösungen. Die gute Nachricht der UN ist: Nach schwierigen Verhandlungen ist man sich nun einig, dass wir einer gemeinsamen globalen Herausforderung gegenüber stehen, der wir uns in gewisser Weise stellen müssen.

Alle Probleme zusammen müssen gebündelt bekämpft werden. Es geht darum, sie bei den Wurzeln zu packen und nicht weiterhin nur die Symptome zu behandeln.

Immer häufiger werden Forderungen laut, man sollte mehr in Sicherheit und Konfliktprävention investieren. Wohin sollten Ihrer Meinung nach vermehrt Gelder fließen?

In Frieden zu investieren heißt, in Institutionen, Fairness, soziale Eingliederung und eine Friedenskultur zu investieren. Man muss gegenseitiges Verständnis schaffen. Das SDG 16 [Nachhaltigkeitsentwicklungsziel Nummer 16] zielt darauf ab, inklusive, gerechte Institutionen zu schaffen, die Menschenrechte zu wahren etc. Wenn wir nicht in die Elemente einer fairen Gesellschaft investieren und gegen Korruption vorgehen, werden wir scheitern. Das große Ganze ist hier essentiell. SDG 16 ist womöglich das am schwierigsten zu erreichende Ziel.

Es hat schon bei der Annahme die meisten Probleme bereitet. Ich erinnere mich noch an die Gespräche, als damals der Arabische Frühling begann. Ein junger Tunesier war gedemütigt worden und es machte sich zunehmend Ärger über Ungerechtigkeit breit. Die wachsenden Ungleichheiten weltweit sind alarmierend. Ungleichheiten stehen durchgängig auf der politischen Tagesordnung. Bildung ist hier ein wichtiger Einflussfaktor und bietet die vielversprechendste Chance auf sozialen Aufstieg.

Daher setze ich mich dafür ein, Bildung als öffentliches Gut für alle zugänglich zu machen – unabhängig vom eigenen Hintergrund. Frieden stiften ist eine Sache, ihn zu erhalten eine andere. Erst bauen wir Frieden auf und dann kehren die Konflikte zurück. Nachhaltiger Frieden muss wieder oberste UN-Priorität werden.

Friedensmissionen erfordern ein hohes Maß an Ressourcen, haben aber schon viele Erfolge gefeiert. Ihr Ruf hat aufgrund einiger weniger Zwischenfälle Schaden genommen. Das größte Problem bei der Friedensstiftung ist, dass man sie aus politisch-strategischer Sich betrachten muss. Die Erwartungen müssen angepasst werden.

Harte Sicherheitsmaßnahmen sind wichtig, werden aber langfristig nichts ausrichten, wenn sie nicht in eine politische, strategische Vision eingebettet werden.

Was zeichnet Sie als UN-Kandidatin besonders aus?

Alle Bewerber haben sich der UN verschrieben. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Jeder bringt unterschiedliche Ideen und nützliche Erfahrungen mit. Mein Pluspunkt ist vielleicht, dass ich aus einem multikulturellen Land komme, das schon immer zwischen dem Osten und dem Westen gestanden hat.

Meine Eltern kommen aus einer Stadt, in der hauptsächlich Muslime leben. Ich weiß, was es bedeutet, in solch einer Umgebung zu leben, wie die Menschen kommunizieren und friedlich miteinander umgehen. Das sind meiner Meinung nach wichtige Eigenschaften. Auch mein Studium in der Sowjet Union und meine Bildungserfahrungen aus den USA sind, denke ich, von Vorteil.

Ein jeder Bewerber hat schon wertvolle professionelle Erfahrungen gesammelt. In den sieben Jahre bei der UNESCO habe ich wirklich viel gelernt. Es ist eine großartige Erfahrung. Ich habe das Gefühl, wirklich etwas bieten zu können. Das können andere natürlich auch, aber ich denke, ich decke eine große Palette an wichtigen Aspekten für das Amt ab.

Glaubhaftigkeit ermöglicht es uns, etwas Neues, Innovatives zu schaffen. Jeder Mensch ist einzigartig.

 

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