Arancha González: ‘Fair’ ist ein schwieriges Wort

Arancha Gonzalez während der European Development Days in Brüssel, 8. Juni 2017. [Georgi Gotev]

In einem Exklusiv-Interview spricht die Direktorin des International Trade Centre über fairen Handel, Kinderarbeit und Transparenz in der Wertschöpfungskette.

Arancha González ist Direktorin des International Trade Centre, der gemeinsamen Agentur der Welthandelsorganisation und der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung.

Sie sprach mit Georgi Gotev, leitender Redakteur von EURACTIV.

Was genau macht das International Trade Centre und wie lässt es sich mit anderen internationalen Organisationen vergleichen, die in der Entwicklungshilfe und Handel tätig sind?

Das International Trade Centre ist eine Entwicklungsagentur, die gemeinsam von der Welthandelsorganisation (WTO) und den Vereinten Nationen (UN) geführt wird. Unsere Aufgabe ist sehr klar und eindeutig: kleinen und mittelständischen Betrieben (small and medium-sized enterprises, SMEs) in Entwicklungsländern dabei helfen, am internationalen Handel teilzunehmen. Wir gehören zur WTO; in unseren Genen ist deswegen das Wissen verankert, dass man mit Handel Wachstum erreichen kann. Und von UN-Seite haben wir die Ansicht, dass Handel genutzt werden muss, um die Armut zu bekämpfen. Was wir tun, ist also, SMEs, die am unteren Ende der Pyramide des internationalen Handels stehen, zu stärken.

Wie sieht es an diesem unteren Ende der Pyramide aus?

Für uns stehen am unteren Ende die am wenigsten entwickelten Länder, Nachkriegsstaaten oder instabile Länder, Subsahara-Afrika, einige kleine Inselstaaten, die Entwicklungsländer sind. In diesen Ländern hilft der lokale Markt den SMEs nicht und sie müssen sich eher auf grenzüberschreitenden Handel konzentrieren. Wir tun im Prinzip vier Dinge. Zuerst unterstützen wir die Unternehmen mit internationalen Geldern dabei, Marktchancen zu erkennen, welche Produkte nachgefragt werden, welche Zölle es gibt, welche Zertifizierungen, welche Preise, und wer wo im Wettbewerb steht. Zweitens helfen wir den SMEs, wettbewerbsfähiger zu werden. Dafür arbeiten wir in den besagten Ländern nach Wirtschaftssektoren, Firma für Firma. In Land A konzentrieren wir uns beispielsweise auf Textilien, in Land B auf Zucker usw. Punkt drei ist der Zugang zu Krediten. Wir sind keine Bank, aber wir können Verbindungen herstellen zwischen Banken und anderen Institutionen, die Geld verleihen, und denjenigen, die dieses Geld benötigen. Außerdem helfen wir, viertens, den Firmen, mit ihren Käufern und den Märkten in Kontakt zu treten.

Wer genau sind ihre Partner? Eher die jeweilige Regierung oder die SMEs?

Wir haben eigentlich drei Partner. Erstens die Regierungen, zweitens Institutionen, die Handel und Investitionen unterstützen, und drittens die Unternehmen selbst. Wir picken uns aber nicht einzelne Firmen heraus, sondern arbeiten im gesamten Sektor. Um herauszufinden, auf welchen Sektor wir uns in einem Land fokussieren, stehen wir vorher im Dialog mit der jeweiligen Regierung.

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Fairer Handel ist leichter gesagt als getan. Fallende Preise für Kaffee oder Kakao bedeuten meistens mehr Kinderarbeit. Wie kann man sicherstellen, dass es eine faire Wertschöpfungskette gibt?

„Fair“ ist ein schwieriges Wort. Was Fairness bedeutet, hängt davon ab, wen Sie fragen. Und Ihr Gefühl für Fairness hängt damit zusammen, wo in der Wertschöpfungskette Sie sich befinden. Was wir wollen, ist eine bessere Verteilung der Vorteile und Kosten entlang der Kette. Es gibt viele Wege dorthin. Eine grundlegende Zutat ist aber immer Transparenz in der Wertschöpfung. Wir sehen es als unsere Hauptaufgabe, für mehr Transparenz zu sorgen. Der Produzent soll verstehen, dass es auf bestimmten Märkten bestimmte Qualitätsstandards gibt. Außerdem sollen sie sich daran erinnern, dass es nicht nur Konsumenten im globalen Norden gibt, sondern auch in China, Brasilien, dem Süden. Als Konsument will ich immer möglichst viel Information darüber, was hinter dem Produkt steckt, das ich kaufe.

Manchmal steckt Kinderarbeit hinter einem Produkt…

Ja, es gibt auf jeden Fall Kinderarbeit in den Wertschöpfungsketten.

Mit mehr Transparenz könnten solche Produkte dann wahrscheinlich nicht mehr verkauft werden.

Wir haben Regeln, die Kinderarbeit verbieten. Aber Regeln sind nicht genug. Zusätzlich zu den Regeln und ihrer Durchsetzung brauchen wir mehr Transparenz. Wir wissen beispielsweise, dass es in der Fischerei Kinderarbeit gibt. Mit dem International Trade Centre bringen wir immer mehr Transparenz ins Geschäft, und wir arbeiten mit Partnern zusammen. Derzeit kooperieren wir zum Beispiel mit Pepsi Cola, um ihre gesamte Wertschöpfungskette zu überprüfen, ihre Zulieferer online zu stellen, und diesen Zulieferern dabei zu helfen, gewisse Qualitätsstandards einzuhalten. Unter diesen Standards ist natürlich auch das Verbot von Kinderarbeit und von Sklavenarbeit. Dazu kommen Beachtung von Regeln zur Lebensmittelsicherheit. Für Pepsi ist es auch wichtig, einen Überblick über die gesamte Kette zu haben und sie zu managen. So wissen sie, mit welchen Zulieferern sie zusammenarbeiten und können negative Konsequenzen vermeiden.

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Noch einmal zurück zum Thema Kinderarbeit. Wenn der Preis für Kaffee fällt, heißt das, dass Kinder, die sonst zur Schule gehen würden, nicht mehr zur Schule gehen. Der Bauer hat keine andere Resourcen außer die Arbeitskraft seiner Kinder. Wenn die Gesetze gegen Kinderarbeit strikt durchgesetzt würden, würden wohl auch die Preise nicht derart in den Keller gehen…

Aber die Preisen hängen ja nicht nur von Gesetzen gegen Kinderarbeit ab. Kaffeepreise hängen von Produktion und Konsum ab. Gerade die Produktion variiert stark. Es gibt Jahre, in denen die Produktion in vielen Ländern boomt. Dann gehen die Preise auch nach unten.

Heißt das, es gibt nichts, was man tun kann?

Man kann sogar sehr viel tun. Was ich sage, ist lediglich, dass die Preise für Waren wie Kaffee oder Tee von den klimatischen Bedingungen beeinflusst sind. Es gibt eine Verbindung zwischen Klimawandel, Landwirtschaft, Handel und Handelsbedingungen. Wenn die Produktion in mehr und mehr Ländern abnimmt, steigen die Preise. Aber es gäbe keine Arbeitsplätze mehr auf den Plantagen, die von Überschwemmungen und Dürren heimgesucht werden. Ich fordere ein nachhaltiges Konzept zur Handhabung des Klimawandels, der die Landwirtschaft stark betrifft.

Zur Kinderarbeit: es gibt internationale Konventionen, aber wir wissen, dass diese Konventionen nicht ausreichend sind, um Kinderarbeit zu beenden. Zusätzlich zu den Konventionen brauchen wir deswegen so etwas wie „Gruppenzwang“ innerhalb der Wertschöpfungskette. Diesen Gruppenzwang oder Druck kann man durch erhöhte Transparenz fördern und verstärken; wenn man genau sehen kann, was innerhalb der Wertschöpfung passiert.

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