Aktivist: „Die Menschheit bewegt sich Richtung Selbstzerstörung“

Karipbek Kujukow traf sich für das Interview mit Journalisten in der kasachischen Hauptstadt Astana. [Georgi Gotev]

„Wo auch immer ich bin, sage ich immer mit Stolz, dass ich in einem Land lebe, das als eines der ersten auf Atomwaffen verzichtet hat,“ so der berühmte kasachische Maler und Atomwaffengegner Karipbek Kujukow im Interview.

Karipbek Kujukow wurde als eines der vielen Opfer von Atomtests in Kasachstan ohne Arme geboren. Seine Kunstwerke malt er mit dem Mund. Er hat es zu seinem Lebensziel gemacht, dass kein Mensch unter den verheerenden Auswirkungen von Atomwaffen(tests) leiden muss.

Er sprach mit Georgi Gotev, leitender Redakteur bei EURACTIV.com.

Erzählen Sie uns von Ihrem Leben. Sie wurden in der Nähe von Semipalatinsk geboren, das von der Sowjetunion benutzt wurde, um Atomwaffen zu testen….

Ich wurde 1968 im Dorf Jeghindybulak geboren, das 100 Kilometer vom ehemaligen Testgelände Semipalatinsk entfernt liegt. Vor meiner Geburt hatte meine Mutter Kinder, die nicht bis zu ihrem ersten Geburtstag lebten: Es gab zuerst einen Jungen, der nur sechs Monate lebte. Dann wurde ein Mädchen geboren, das starb, bevor es acht Monate alt war.

Und als ich nach ihnen ohne Arme geboren wurde, erlitt meine Mutter einen Schock. Sie konnte mich drei Tage lang nicht ansehen. Und die Ärzte, die ihren Zustand sahen, boten meinem Vater eine Spritze [um das Kind zu töten] an, damit es weder für die Eltern noch für das Kind zum Problemen kommen würde.

Mein Vater erzählte mir später: Als er mich zum ersten Mal sah, wie ich da lag und ihn ansah, da traf er eine Entscheidung, dank der ich am Leben bin und eine Reihe von Dingen in meinem Leben tun konnte. Er verweigerte die Injektion und nahm mich mit aus dem Krankenhaus.

In jenen Jahren war es den Ärzten verboten, genauere Diagnosen zu solchen Fällen zu stellen. Viele Kinder wurden derart verkrüppelt geboren, dass Hebammen ohnmächtig wurden…. Die Eltern schämten sich und versuchten, diese Kinder zu verstecken. Wenn sie weiterlebten, dann war ihr Schicksal schwer, sie lernten nichts, verließen oftmals nicht einmal ihr Haus. Ich war oft bei solchen Familien zu Gast und sah dies.

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Viele andere Menschen wurden durch die radioaktive Belastung wie Sie verkrüppelt – aber wir hören ihre Stimme nicht. Fühlen Sie sich als ihr Vertreter? Und: Wie viele sind es, was können Sie uns über sie sagen?

1989 wurde die Anti-Atombewegung NEVADA-SEMIPALATINSK gegründet und vom Dichter Olschas Sulejmenow geleitet, dessen Ziel die Schließung des Testgeländes in Semipalatinsk war. Ich wurde ein aktiver Teil dieser Bewegung. Wir organisierten Friedensmärsche, Kundgebungen und versuchten, die Öffentlichkeit irgendwie auf die Probleme der Menschen aufmerksam zu machen, die in diesen Gebieten lebten und Opfer von Atomtests waren. Da ich zeichnen kann, wollte ich dieses Problem in meinen Bildern zeigen. Wir veranstalteten karitative Ausstellungen meiner Werke, bei Organisationen und Unternehmen und sammelten für die kranken Kinder. Ich habe versucht, Hilfe jeglicher Art zu organisieren, sei es Medikamente, Rollstühle, Kleidung, Essen, Urlaubspakete für Kinder… Ich hatte Kontakt zu 350 Familien mit kranken Kindern. Und das sind nur die Kinder meines Bezirks Jeghindybulak.

Ich erinnere mich an einen Fall, als wir mit einer Ausstellung in den USA waren: Ich traf mich mit Schülern in einer Schule und nach meiner Geschichte über die Probleme kranker Kinder in meiner Heimatk brachten mir diese amerikanischen Kinder zwei Kartons mit Medikamenten, die sie zu Hause hatten, Verbände und so weiter. Ich konnte das alles nach Kasachstan bringen.

In diesen Jahren war ich Vorsitzender der Union der Opfer von Atomtests. Natürlich war die erste Aufgabe nach der Schließung des Testgeländes von Semipalatinsk die Betreuung der Kinder sowie das Sammeln relevanter Informationen. Es gab viele Augenzeugen, und das Militär lüftete auch zum ersten Mal den Vorhang der Geheimhaltung.

Aber die zweite Aufgabe war es, das riesige Territorium zu dekontaminieren, in dem all dies geschah. Die 90er Jahre waren für Kasachstan hart, und als das Militär alles, was dort war, mitnahm, blieb nur ein Bild der Verwüstung. Die Leute gingen um die Mülldeponien herum und sammelten Reste von militärischer Ausrüstung und alles, was das Militär zurückließ, da das riesige Gebiet nicht einmal eingezäunt war. Die Leute sammelten Metall, gruben Kupferkabel aus und hofften, das Metall an China zu verkaufen. Aber als die Dosimeter die Strahlungsstandards deutlich überstiegen, gaben die Interessenten diese Ware schnell zurück.

Mein Vater und ich waren einmal in diesen Deponien für militärische Ausrüstung. Die Menschen badeten in den Seen, die sich in den Kratern der [Atombomben-] Explosionen gebildet hatten. Und alle, die dort waren und in die unterirdischen Bunker hinabstiegen – weil all dies offen blieb – starben meist. Sie waren einer riesigen Dosis Strahlung ausgesetzt. Diejenigen, die überlebten, hatten onkologische Krankheiten und gebaren kranke Kinder.

Ich erinnere mich an eine Familie, deren Schicksal sehr tragisch war. Der Vater dieser Familie arbeitete als Fahrer, zusammen mit meinem Vater, und als er kranke Kinder hatte – sie hatten deformierete Köpfe und es war wirklich hart, sie anzusehen – hoffte er sein ganzes Leben lang, dass das nächste Kind gesund geboren würde. Aber das geschah nicht…. Am Ende hatte er zehn kranke Kinder, die alle nicht älter als 15 Jahre wurden und eins nach dem anderen starben. Am Ende versagte das Herz des Vaters und er starb, als er vor seinem Haus saß.

Auch die Mutter starb kurz darauf, nachdem sie alle ihre Kinder begraben hatte. Sie konnte sich von all diesen Schlägen nicht mehr erholen. Sie starb allein im Haus, auf ihrem Bett. Ich versuchte, dieser Familie irgendwie zu helfen. Ich erinnere mich, wie sie sich freuten, als ich ihnen Essen brachte, Süßigkeiten…

Nachdem ich all dieses Leid gesehen habe, habe ich versucht, mein ganzes Leben der Kampagne zu widmen. Wenn es irgendeinen Sinn in meinen Leben gibt, dann will ich helfen – solange ich die Kraft habe, solange ich kann. Ich werde dieses Jahr 50.

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Aber die Welt entwickelt sich eher in die entgegengesetzte, negative Richtung, oder?

Heutzutage, wo es einfach ist, eine Waffe herzustellen oder zu erwerben, gibt es eine große Herausforderung. Wir alle erinnern uns an die traurige Geschichte von Hiroshima und Nagasaki, an 40 Jahre Atomwaffentests in Kasachstan. Auch wenn dies früher Angst und Empörung ausgelöst hat, dann gibt es jetzt Länder, die dies wissen, aber dennoch Atomwaffen erschaffen und vermehren wollen. Sie haben das Gefühl des Mitgefühls und das Gefühl der Angst völlig verloren. Sie wollen die Fehler der Vergangenheit scheinbar wiederholen. Ein normaler, gesunder Mensch zieht jedoch Schlussfolgerungen und versucht sicherzustellen, dass sich Fehler nicht wiederholen.

Egal wie viele Gesetze verabschiedet werden, egal wie viele Opfer es gibt, die Menschheit bewegt sich trotzdem weiter Richtung Selbstzerstörung. Gott bewahre, dass dies nicht geschieht, es wäre eine globale Katastrophe.

Es scheint mir dennoch, dass genau dies die Ambitionen der Staatschefs sind. Sie ignorieren die Interessen der Menschen, schüren diesen ganzen Hass. Sie haben den Wunsch, stärker zu werden als alle anderen, größer zu werden als alle, und das geht dann über alle Grenzen dessen hinaus, was erlaubt ist: Der eine Staat vernichtet buchstäblich das ganze Volk eines anderen Staates, indem er die Tatsache ausnutzt, dass diese Nation kleiner ist. Und die Rechtfertigung ist nicht selten Religion, Hautfarbe, Augenform. Und als Folge davon leiden unschuldige, normale, friedliche Bürger; Frauen und Kinder.

Es gibt Menschen, die sich blind hassen wollen. Sie sind bereit, an jede Lüge zu glauben. Sie vergessen die Freundschaft, die Ehre, das gegenseitige Verständnis. Gier und dieser Ehrgeiz, der Herr über alles zu sein, all dies führt zu dem Wunsch, Waffen zu haben. Es reicht nicht, gegen Waffen anzureden, wir müssen schreien, bevor es zu spät ist. Schauen sie sich die reale Situation der Jugend dieser Welt an: Kinder nehmen Waffen und töten sich gegenseitig.

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Hegen Sie Groll gegen die Sowjets, die Semipalatinsk betrieben haben? Oder akzeptieren Sie, dass es unter den Umständen des Kalten Krieges möglicherweise keine andere Wahl gegeben hat?

Ich habe keine Wut über das, was hier in Kasachstan, auf dem Testgelände in Semipalatinsk, geschehen ist. Das ist unsere Geschichte, und selbst wenn es Fehler gab, die uns teuer zu stehen kamen, haben wir Schmerz und Leid, Freude und Sieg gemeinsam ertragen. Es war ein anderes Land, riesig, multinational, und wir haben die Probleme gemeinsam gelöst.

Doch wenn man von außen betrachtet, wozu der Einsatz solch mächtiger Atomwaffen führen, dann stellt sich die Frage, wie wir geschützt werden können. Die Bedrohung muss gebannt werden, anstatt dass wir warten, bis sie ein schreckliches Ausmaß erreicht hat.

Also: Ich gebe niemandem die Schuld an meinem Schicksal, es ist mein Schicksal. Aber ich werde versuchen, alles zu tun, dass solche Dinge nicht noch einmal passieren.

Kasachstan traf die mutige Entscheidung, sein von der Sowjetunion geerbtes Atomwaffenarsenal abzubauen, ebenso wie die Ukraine. Ohne die nukleare Abschreckung wurde die Ukraine allerdings zur leichten Beute für Russland. Wie würden Sie das kommentieren?

Wo immer ich war, sagte ich immer mit Stolz, dass ich in einem Land lebe, das als eines der ersten auf Atomwaffen verzichtet hat. Unser Präsident hat die richtige Entscheidung getroffen, indem er ein Dekret zur Schließung eines der weltweit größten Atomtestgelände unterzeichnet hat. Das zeigt, dass mein Land eine friedliebende Politik führt. Kasachstan war und ist eine internationale Plattform für Friedensverhandlungen, und mein Leben ist dem gewidmet.

Deshalb unterstützen wir in jeder Hinsicht potenzielle Möglichkeiten zum Abbau der Spannungen auf der koreanischen Halbinsel, zum Abbau der Spannungen und der Gefahr eines Konflikts zwischen den beiden größten Atommächten USA und Russland in Syrien. Wir müssen auch den Ausbruch einer noch schlimmeren Version des Kalten Krieges zwischen dem Westen und Russland verhindern. Wir sind für den Frieden. Für den Dialog. Für die Lösung von Problemen – und nicht für deren Verschlimmerung.

Kasachstan und die kasachische Regierung tun alles, damit sich nicht wieder eine Situation wie die gegenwärtige zwischen Russland und der Ukraine entwickelt. Unsere Beziehungen basieren in erster Linie auf freundschaftlichem, gegenseitigem Verständnis, indem wir uns bemühen, alle Fragen zu gegenseitig vorteilhaften und nicht-antagonistischen Bedingungen zu lösen. Wir werden weiterhin eine Politik des Guten und des Friedens entwickeln. Wir wollen eine Welt, in der alle Menschen ungeachtet ihrer Nationalität oder ihres Glaubens angenehm leben können. Und wir fordern alle auf, das Gleiche zu tun.

Ich habe immer gesagt, mein Ziel in diesem Leben – oder vielleicht meine „Mission“ – ist es, sicherzustellen, dass Menschen wie ich die letzten Opfer von Atomtests und Atomwaffen in der Geschichte sind. Wir können die vollständige Vernichtung aller Waffen erreichen, wenn wir gemeinsam dafür einstehen.

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