Äthiopiens Energieminister: „Wir schaffen Industrialisierung ohne fossile Brennstoffe“

Der äthiopische Minister für Energie und Wasser, Seleshi Bekele [Foto: International Hydropower Association/Flickr]

Äthiopien will zum Industriestaat werden – nur mit erneuerbaren Energien. Wasser- und Energieminister Seleshi Bekele spricht im Interview darüber, wie der Weg vom Agrar- zum Industrieland aussehen soll, und warum die Kritik an den Staudammprojekten falsch ist.

Euractiv.de: Ihr Land will sich mit großem Ehrgeiz und nur mithilfe von erneuerbaren Energien industrialisieren. Welche Energiequellen sind zurzeit die wichtigsten, und warum wollen Sie mehr in die Erneuerbaren investieren?

Seleshi Bekele: Wir haben große Kapazitäten, was saubere Energiequellen betrifft und darum schaffen wir die Industrialisierung ohne fossile Brennstoffe. Die moderne Wasserkraft ist schon jetzt mit 97 Prozent der Hauptenergiequelle in Äthiopien. Der „Große Damm der Äthiopischen Wiedergeburt“ soll alle Äthiopier mit Elektrizität versorgen. Aber auch Geothermiekraftwerke, Windräder und Solarmodule sollen helfen, den Strombedarf aller bald 100 Millionen Bürger zu decken. Vor allem der Wind hat noch ein großes Potenzial und wir hoffen, dass wir diese Quellen auch in ländlichen Regionen künftig besser ausbauen können.

Äthiopien ist ziemlich groß und leidet immer wieder Hungerkrisen. Auf dem Index der menschlichen Entwicklung nahm Äthiopien 2015 Rang 174 der 188 aufgelisteten Staaten ein. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, um alle Regionen auch mit Strom zu versorgen?

Ohne Strom gibt es keine Entwicklung. Die Frage des Zugangs zu Elektrizität ist also eine wichtige, aber unser Netz erreicht noch nicht alle Regionen. Wir müssen also die Verbindungen verbessern und in ländlichen Regionen mehr Versorgungseinrichtungen schaffen. Aber wir managen das inzwischen besser und sorgen dafür, dass niemand an Hunger oder mangelnder Wasserversorgung stirbt. Für eine resiliente Versorgung besonders der ruralen Landesteile brauchen wir vor allem mehr Kapital und Investitionen.

Äthiopien wächst rasant und hat seine Wirtschaftsleistung seit 2004 mehr als verdreifacht. Dennoch gibt es noch immer Hunger und Unterversorgung mit Strom und Wasser. Was wünschen Sie sich für Ihr Land von dem Marshall Plan für Afrika, den der deutsche Minister Gerd Müller ins Leben gerufen hat?

Zum einen wünschen wir uns: Arbeiten Sie mit uns, an einer signifikanten Entwicklung auch der ländlichen Regionen zu arbeiten, um auch die Ärmsten der Gesellschaft zu erreichen. Wir hoffen auf Unterstützung, die zu einer fairen Verteilung des Wohlstands beiträgt.

Wir hoffen auch, dass deutsche Firmen in unser Land kommen – nicht nur für bestimmte Programme, sondern auch für längerfristige Partnerschaften mit uns. Wenn ich mit den Unternehmen spreche, höre ich Bedenken zu den Herausforderungen in der Finanzierung.Natürlich wünschen wir uns große Investitionen, um unsere Industrialisierung vorantreiben zu können.

Studie: Erneuerbare Energie spätestens 2030 billigste Stromquelle

Alles auf Erneuerbare Energien setzen? Eine Studie legt das nahe.

Haben Sie manchmal den Eindruck, dass deutsche oder europäische Unternehmen den afrikanischen Kontinent zu schlecht kennen, sich von teilweise unzutreffenden Befürchtungen abhalten lassen, mehr in afrikanischen Ländern zu investieren?

54 Länder zu verallgemeinern ist natürlich unangemessen – und ja, es gibt immer wieder Bedenken, die aus Verallgemeinerungen erwachsen. Aber viele deutsche Firmen arbeiten schon in afrikanischen Ländern, und auch in Äthiopien. Und natürlich gibt es auch viele Unternehmen aus China.

… die bislang mit den deutschen in Wettbewerb stehen, statt mit ihnen zusammenarbeiten – und umgekehrt. Ist das in Ihrem Sinne?

Wir würden uns wünschen, dass chinesische und deutsche Unternehmen zusammenarbeiten, zum Beispiel in unseren neuen Energie-Projekten. Innerhalb von Wettbewerb sollte und kann es auch Kooperation geben (lacht).

Sie haben vor einigen Monaten auch einen Kooperationsvertrag mit der Türkei unterschrieben, ein Memorandum of Understanding. Welchen Fokus hat das?

Ja, das läuft. Wir finalisieren darin das Modell öffentlich-privater Partnerschaften in verschiedenen Bereichen – neben dem Bergbau auch im Bereich Energieversorgung.

Sudan: "Wir hoffen auf den Marshall Plan, um Erneuerbare Energien aufzubauen"

Energie und Wasser sind längst noch nicht für alle Menschen im nordost-afrikanischen Sudan zugänglich. Im Interview erklärt der Minister für Wasser und Energie, Mutaz Musa, was sein Land dagegen tut, warum die kritisierten Staudamm-Projekte richtig sind und wie sein Land den von Bürgerkriegs geplagten Südsudan unterstützt.

Fossile Brennstoffimporte nach Äthiopien sind teuer, auch ein Grund für die Selbstversorgung mit Energie. Doch Staudamm-Projekte wie der „Große Damm der Äthiopischen Wiedergeburt“, Afrikas kolossalstes Bauprojekt, stehen immer wieder in der Kritik, weil die Umwelt zerstört und Menschen zwangsweise ohne ausreichende Wiedergutmachung umgesiedelt werden.

Wir haben keine Staudamm-Projekte, die der Umwelt schaden. Wir betrachten und evaluieren alles – den Umwelteinfluss wie die Auswirkungen  auf die dortige Bevölkerung. Wir achten auch auf die gesellschaftlichen Auswirkungen und angemessene Kompensationen für jene Menschen, die für solche Bauprojekte umgesiedelt werden müssen. Nicht nur Medien propagieren falsches. Auch manche Menschen wollen damit ihre institutionellen Ideen durchsetzen. Wir wollen unsere Umwelt wirklich gesund halten – und bewegen uns dazu in Richtung einer CO2-neutralen Zukunft.

Es gibt immer Menschen, die alles lassen wollen, wie es war. Natürlich verändern wir für die Bauprojekte die Umwelt, aber die entstehende Umwelt kommt den Menschen der betroffenen Regionen zugute.

Wie steht es um die Wasserversorgung in Äthiopien, wo liegen Herausforderungen?

Wasserversorgung ist eine Frage von Menschenrechten – auch die UN sieht das so.  Wir arbeiten sehr hart daran, jeden damit zu versorgen und die SDGs zu erfüllen. Denn Wasserversorgung ist natürlich eine Basis für nachhaltige Entwicklung. Aktuell sind 62 Prozent des Landes mit Wasser versorgt, und ist damit im vergangenen Jahr um sieben Prozent gestiegen. Aber klar ist: Die größten Herausforderungen sind die wachsende Bevölkerung und fehlende Finanzierung.

Wüstenausbreitung findet nicht nur in Afrika statt

Mit Welttagen ist es wie mit katholischen Heiligen und mit UN-Organisationen – es gibt viele und für alle Sorgen einen. Doch das Thema Wüstenbildung könnte derzeit eine Renaissance erleben.

 

Hintergrund

"Afrika darf nicht nur Zuschauer bei globalen Entscheidungen sein"

Die Idee eines Marshall Plans für Afrika sei grundsätzlich gut - doch zu viel werde noch über statt mit Afrika gesprochen, kritisiert der EU-Botschafter der Afrikanischen Union Ajay Bramdeo. Im Interview spricht er über Vertrauen, die Rolle von Gesundheitspolitik in Afrikas Entwicklung und darüber, was er sich von Angela Merkel beim G20-Gipfel wünscht.