Standpunkt von Stephan BaierNach jahrzehntelangen Enttäuschungen kommen die Kroaten am 1. Juli ohne große Euphorie, aber aus Vernunft und mit viel gutem Willen in die Europäische Union. Ein Standpunkt von Stephan Baier, Wissenschaftskommissar der Europa-Gesellschaft Coudenhove-Kalergi.
Mit Kroatien wird ein mitteleuropäisch und mediterran geprägtes Kulturland Europas wird am 1. Juli endlich Mitglied der Europäischen Union. Der Ausdruck oder gar Ausruf "endlich" bezieht sich auf die jahrelangen Bemühungen dieses geschichtlich und kulturell so reichen Landes, Aufnahme in der EU zu finden, wie auf die viele Jahrzehnte währende Leidensgeschichte des kroatischen Volkes. Kroatien hatte vor einem Jahrhundert zu Österreich-Ungarn gehört, also nicht zu jener auch von Richard Coudenhove-Kalergi als "Balkan" bezeichneten Region Europas, die durch die lange osmanische Herrschaft von der geistesgeschichtlichen und staatsphilosophischen Entwicklung des Abendlands weitgehend abgeschnitten war. Wer Kroatien bereist, wird hier alle großen Kulturepochen Europas wahrnehmen können: römische Antike, Romanik und Gotik, Renaissance und Barock. Venezianische, österreichische und ungarische Einflüsse sind ebenso spürbar wie eigenständige kulturelle Leistungen und Entwicklungen, die ihrerseits das Mosaik der Kultur Europas bereichern.
Geschichtlicher Rückblick
Als Österreich-Ungarn am Ende des Ersten Weltkriegs der Entschlossenheit der Siegermächte, dem Ungeist des Nationalismus und den Zentrifugalkräften unter seinen Völkern nicht länger standhielt, da versprach der damalige US-Präsident Woodrow Wilson den Völkern in der Mitte Europas das Selbstbestimmungsrecht. Der junge Richard Coudenhove-Kalergi war von dieser Vision begeistert, aber umso enttäuschter, als er feststellen musste, dass statt dieses Selbstbestimmungsrechtes der Völker der alte Ungeist des Nationalismus gesiegt hatte. Das hatte für viele Völker und Volksgruppen im Herzen Europas dramatische Konsequenzen. Auch für die Kroaten, deren Selbstbestimmungsrecht im so genannten SHS-Staat – der zunächst als Föderation gedachten Vereinigung der Serben, Kroaten und Slowenen – durch den brutalen Herrschaftsdrang der Machthaber in Belgrad unterdrückt wurde. Sowohl das erste wie das zweite, kommunistische Jugoslawien vergewaltigten das Selbstbestimmungsrecht der Völker. 1991 schließlich brachen Slowenien und Kroatien aus dem Völkerkerker Jugoslawien aus, weil sie sich von Belgrad nicht länger daran hindern lassen wollten, den Weg zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Selbstbestimmung und Freiheit zu gehen. Diese Entschlossenheit war in Ljubljana und Zagreb von Anfang an mit einem klaren Bekenntnis zu Europa verbunden.
Vernunft und guter Wille
Umso tragischer ist, dass das vereinte Europa das kleine Kroatien in seinem mehrjährigen Verteidigungskrieg gegen den großserbischen Nationalismus im Stich ließ. Nach der Befreiung der besetzten Gebiete Kroatiens im Jahre 1995 hätten die Mitgliedstaaten der EU gut daran getan, ihr eigenes Versagen einzugestehen und die Tore der Europäischen Union weit für Kroatien zu öffnen. Stattdessen wurden dem jungen kroatischen Staat, der auf eine tausendjährige staatliche Tradition zurückblicken kann, ungerechte Vorwürfe gemacht und immer neue Hürden in den Weg gestellt. Während 2004 bei der großen Osterweiterung der Europäischen Union noch eine Erweiterungs-Euphorie herrschte, zweifelt das vereinte Europa seit 2007 an sich und an seiner Fähigkeit, allen Völkern und Volksgruppen unseres Kontinentes Heimat zu bieten. Nach all den jahrzehntelangen Enttäuschungen kommen die Kroaten am 1. Juli ohne große Euphorie, aber aus Vernunft und mit viel gutem Willen in die Europäische Union. Ihnen, aber mehr noch den Verantwortungsträgern in Brüssel gilt es in Erinnerung zu rufen, was Richard Coudenhove-Kalergi bereits 1938 in seinem Buch "Kommen die Vereinigten Staaten von Europa?" schrieb: "In Wahrheit ist Paneuropa nicht einer unter anderen Wegen, der ihre Zukunft und Selbständigkeit sichert, sondern der einzige. Dies gilt von allen Staaten Skandinaviens ebenso wie von denen des Baltikums, Mitteleuropas und des Balkans."

