Die Brücke auf dem Weg zu einer modernen Türkei 

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Die Zukunft der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei basiert auch auf zivilgesellschaftlichem Engagement und Dialog, schreibt Ercan Karakoyun. Foto: dpa

Standpunkt von Ercan KarakoyunDie Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei setzt ein richtiges Zeichen, meint Ercan Karakoyun. Allerdings reichen politische Bemühungen, Staatsbesuche und Sonntagsreden für einen Beitritt allein nicht aus – sie setzen zwar ein wichtiges Signal der Unterstützung von „oben“, diese muss aber auch aus der Gesellschaft der Beitrittsländer und der Mitgliedstaaten kommen. 

Der Autor

Ercan Karakoyun ist Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung in Gründung mit Sitz in Berlin.
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Die Nachricht der litauischen EU-Ratspräsidentschaft kam über Twitter: Die Europäische Union eröffnet eine neue Runde in den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Ab dem 5. November soll das Kapitel 22 zur Regionalpolitik eröffnet werden. Damit bleibt für die Türkei die Perspektive einer Mitgliedschaft erhalten. Für die türkische Zivilgesellschaft ist das ein wichtiger Schritt nach vorne – sie braucht die Hoffnung, dass Demokratie und Freiheit in der Türkei gelebte Wirklichkeit werden können.

Die Proteste, die sich im Mai dieses Jahres am Istanbuler Taksim-Platz über weite Teile der Türkei ausbreiteten und im September wieder aufflammten, haben in dem Land eine wichtige Debatte ausgelöst: Ausgehend von den Vorfällen forderten auch viele Menschen, die nicht aus dem Lager der Protestierenden stammten, demokratische und freiheitliche Grundwerte für die gesamte Bevölkerung ein. Im Westen wurde erstmals eine breite Öffentlichkeit auf die Bedürfnisse der türkischen Zivilgesellschaft aufmerksam.

In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren geht es daher um viel für die Türkei. Es geht um die Frage nach dem Weg, den das Land in Zukunft gehen wird. Und es geht um die Frage, ob das Ziel dieses Weges Europa heißen wird. Es ist auch die Europäische Union, die nach nunmehr acht Jahren Beitrittsverhandlungen der Türkei hierauf eine Antwort schuldet. Die Proteste auf den Straßen der Türkei und die Polarisierung in der Gesellschaft warnen vor einem weiteren Aufschub.

Eine Brücke zwischen der islamischen Welt und Europa

Mitnichten kann aus den Ereignissen der vergangenen Monate die Schlussfolgerung gezogen werden, die Türkei bewege sich abseits des Wertekanons, der den Mitgliedstaaten der Europäischen Union zugrunde liegt. Diese Betrachtungsweise verschließt die Augen vor einer Bevölkerung, die schon seit längerem und hörbar genau diese Werte wie Achtung der Menschenrechte, Demokratie, Meinungs- und Versammlungsfreiheit einfordert. Die Menschen in der Türkei streben nach Frieden, Toleranz und einem harmonischen Miteinander der Kulturen und Religionen. Sie stehen auf für eine moderne Türkei, in der Demokratie und Islam ganz selbstverständlich nebeneinander existieren.

Die Brücke auf dem Weg zu einer modernen Türkei ist und bleibt perspektivisch der Beitritt zur Europäischen Union – er ist auch eine Brücke zwischen der islamischen Welt und Europa und damit eine Chance für die gesamte westliche Welt. Eine Verständigung, so sie denn ernsthaft vorangetrieben und gewollt wird, ist Nährboden für ein friedvolles und partnerschaftliches Miteinander, nicht nur über nationalstaatliche Grenzen, sondern auch über kulturelle und religiöse Schranken hinweg.

Verständigung und Annäherung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen

Allerdings reichen politische Bemühungen, Staatsbesuche und Sonntagsreden für einen Beitritt allein nicht aus – sie setzen zwar ein wichtiges Signal der Unterstützung von "oben", diese muss aber auch aus der Gesellschaft der Beitrittsländer und der Mitgliedstaaten kommen. Interkultureller und interreligiöser Dialog bringen die Menschen zusammen und sind Voraussetzung für gegenseitiges Verstehen.

Große Bedeutung haben daher Bemühungen um Verständigung, wenn sie aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Menschen, die sich gesellschaftlich engagieren und sich für Bildung, Dialog und Chancengerechtigkeit einsetzen, wie etwa das Hizmet-Netzwerk, leisten einen entscheidenden Beitrag zur Annäherung, etwa für eine offene Gesellschaft, in der sich islamischer Glaube und der Wunsch nach einer modernen Gesellschaft nicht gegenseitig ausschließen. Gesellschaftliches Engagement von Muslimen ist das Gegenteil von dem, was in Deutschland lange als Parallelgesellschaft beklagt wurde. Gerade mit Hinblick auf eine Weiterführung der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sind Bestrebungen der Verständigung und Annäherung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen außerhalb der politischen Weichenstellungen von immenser Bedeutung für die Akzeptanz eines EU-Beitritts der Türkei.

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