Der Türkei hat keine Geduld mehr mit Europa. Bis 2023 will der Dauerkandidat EU-Mitglied sein, ansonsten drohe die EU das Land zu verlieren, sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Berlin. Während er sich mit Kritik an Deutschland zurückhielt, formulierte er seinen Ärger mit Frankreich und Zypern um so offener.
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdo?an war diese Woche in Berlin, eröffnete dort die neue, weltweit größte Botschaft des Landes, unterstrich das türkische Selbstbewusstsein und seinen Ärger mit den festgefahrenen EU-Beitrittsverhandlungen.
Er gehe nicht davon aus, dass die EU sein Land mit den Verhandlungen bis 2023 hinhalten werde. "Doch wenn sie uns bis dahin hinhalten, wird die Europäische Union verlieren und am Ende werden sie die Türkei verlieren", sagte Erdogan am Dienstagabend in Berlin während der Europa-Konferenz des Nicolas Berggruen Institute on Governance.
Seinen Ärger über den Umgang mit seinem Land machte der türkische Ministerpräsident auch nach dem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich. Er hätte sich gewünscht, dass der Prozess mit der Türkei – ein Prozess von 50 Jahren – zu einem bestimmten Ergebnis geführt hätte. "Denn es gab bisher kein anderes Land, das so behandelt wurde. Ich hoffe, dass wir in kurzer Zeit nicht mehr diesen Prozess haben werden und dass wir viele Hindernisse, die es in den Kapiteln gibt, überwinden und weiterkommen. Die Türkei ist bereit für diese Kapitel und sogar noch viel weiter als manche Länder in der Europäischen Union", sagte Erdogan am Mittwoch während des Pressegesprächs im Bundeskanzleramt.
Ärger mit Frankreich
Während die Türkei von Deutschland "eigentlich stets eine Unterstützung" erhalten habe, sei dass im Falle Frankreich anders. Insbesondere seit Jacques Chirac nicht mehr Staatschef ist, hätten die Türken aus Frankreich eine negative Haltung gegenüber der Türkei erfahren. Seitdem habe die Türkei keine Einladungen mehr zu den Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs erhalten und es wurden auch keine neuen Verhandlungskapitel geschlossen. "Das ist natürlich etwas, was wir bedauern", so Erdogan.
Dauerstreit um Zypern
Ein weiterer Dauerstreitpunkt zwischen der EU und der Türkei ist Zypern. "Wir haben natürlich keine Gespräche, keinen Dialog mit der Ratspräsidentschaft von Südzypern. Dass Südzypern als Zypern insgesamt in die Europäische Union aufgenommen wurde, ist ohnehin ein Problem, weil es solch einen Staat auf der Welt eigentlich gar nicht gibt", sagte Erdogan. "Frau Merkel hat es ja auch gesagt: Es war ein Fehler, dass Südzypern in die Europäische Union aufgenommen wurde. Das ist tatsächlich ein Fehler gewesen. Dieser Fehler wächst natürlich immer weiter", so Erdogan weiter.
Michael Kaczmarek
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Zum Thema auf EURACTIV.de
Türkei: EU-Bericht ist "ganz große Enttäuschung" (15. Oktober 2012)
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