Bei seinem Besuch in Brüssel am 5. September 2008 hat sich der mazedonische Vize-Premierminister Ivica Bocevski unnachgiebig in Bezug auf den Namensstreit gezeigt, den sein Land mit Griechenland führt. Bocevski beschuldigte Athen, die Gespräche zu behindern und rief Brüssel dazu auf, mit Blick auf die Bestrebungen Skopjes, der EU und NATO beizutreten, großzügiger zu sein.
In Brüssel nahm Bocevski an einer vom European Policy Centre (EPC) organisierten Diskussionsrunde teil und wurde dort von mehreren Rednern, darunter auch EPC-Chefanalyst Eberhard Rhein, aufgefordert, den Namensstreit mit Griechenland beizulegen, um die Aussichten des Landes auf einen EU-Beitritt zu verbessern. Obwohl Mazedonien bereits im Jahr 2001 – also vor Kroatien – den Kandidatenstatus zugesprochen bekam, haben die Beitrittsverhandlungen immer noch nicht begonnen. Dies ist zu einem großen Teil auf den Namensstreit zurückzuführen. Kroatien hofft hingegen, seine Beitrittsgespräche in einigen Monaten abschließen zu können.
Griechenland könne sehr stur sein, warnte Rhein und riet Skopje, besser eine bilaterale Lösung des Problems zu finden, statt sich auf die anderen 26 EU-Mitgliedstaaten zu verlassen. Er erinnerte den mazedonischen Vertreter daran, dass Mazedonien für Europa keine strategische Bedeutung habe und deshalb keine Wunder erhoffen könne.
Bocevski schob jedoch Griechenland die ganze Schuld zu und behauptete, es sei unmöglich, zu einer bilateralen Lösung zu kommen, da Griechenland nicht gewillt sei, darauf hin zu arbeiten. Es gehörten immer Zwei dazu, um eine solche Sache zu klären, aber mit Griechenland habe man keinen wirklichen Verhandlungspartner, sagte Bocevski. Der mazedonische Vize-Premierminister wies auch die Ratschläge ab, man solle sich mehr auf den EU- als auf den NATO-Beitritt konzentrieren. Als ehemaliges kommunistisches Land sehe Mazedonien keinen strategischen Unterschied zwischen der EU und NATO, erklärte er.
Er sprach sich deshalb sowohl für den EU- als auch den NATO-Beitritt seines Landes aus und nutzte dabei die gegenwärtige Georgien-Krise als Argument. Ihm zufolge würde die Krise zeigen, dass sein Land, abhängig von der Position der EU, zwei Optionen habe: die Verbreitung europäischer Ideen oder die Verbreitung von Unsicherheit. Er wehrte sich allerdings gegen die Behauptungen, dass der russische Einfluss in Mazedonien zunehmen würde. Die größten russischen Investitionen seien einige wenige „Lukoil-Tankstellen“.
Er sprach sich ebenfalls für eine großzügigere Behandlung durch Brüssel aus und erinnerte die Diskussionsteilnehmer an den Beitrag seines Landes während der Kosovo-Krise im Jahr 1999. Damals hätten 350.000 Kosovaren in Mazedonien Zuflucht gefunden. Er verglich dies mit der Aufnahme von 30 Millionen Mexikanern durch die USA.
Trotzdem scheint seine Argumentation die Kommission nur wenig zu beeindrucken. Im Anschluss an Gespräche mit Bocevski sagte EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn, Mazedonien müsse immer noch Fortschritte machen, um die acht Kopenhagener Kriterien zu erfüllen. Diese müssen von jedem Land erfüllt werden, bevor Beitrittsgespräche aufgenommen werden können. Rehn erwähnte sogar ein neuntes Kriterium: das Abhalten freier Wahlen.
Er beklagte, dass alle Wahlen bis dato Unzulänglichkeiten aufgewiesen hätten.
Gewalt zwischen ethnischen Gruppen hatte die ersten Parlamentswahlen in Mazedonien am 1. Juni 2008 überschattet (EURACTIV vom 2. Juni 2008), als das Feuer zwischen rivalisierenden albanischen Gruppen eröffnet wurde und die Wahlen an 17 Wahlstationen ausgesetzt wurden.

