Bosnien-Herzegowina rückt in nächster Zeit mehrfach ins Scheinwerferlicht. Dafür sorgen das Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die Wunden des Bürgerkriegs vor zwei Jahrzehnten und die Probleme bei der Annäherung an die EU. Valentin Inzko, Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina und EU-Sonderbeauftragter für Bosnien, will die Region auf die Brüsseler Agenda zurückbringen.
Bosnien-Herzegowina rückt dieses Jahr mehrfach ins Scheinwerferlicht. Vor allem am 28. Juni, wenn sich der 100. Jahrestag des Anschlags auf den Thronfolger der österreichisch-ungarischen Monarchie, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Frau jährt. Ein Ereignis, das letztlich zum auslösenden Moment für eine kriegerische Auseinandersetzung wurde, die sich zum Ersten Weltkrieg auswuchs. Das in drei ethnische und religiöse Gruppen geteilte Land würde politische und wirtschaftliche Impulse benötigen.
Die aktuelle politische Situation in Bosnien Herzegowina ist, wie viele internationale Beobachter feststellen, nicht optimal. So etwa kritisiert Transparency International die weit verbreitete Korruption im Land. Sie ist ein Hemmschuh für die gesamtstaatliche Entwicklung. Dabei bestünden im Land genügend Ressourcen, um wirtschaftlich wesentlich bessere Ergebnisse erzielen zu können.
Ein strukturelles Problem für den Gesamtstaat besteht im deutlichen Gefälle zwischen dem kroatisch-bosniakischen Teil und der serbischen Republik. Letztere ist zentralistisch regiert und kann mit dem kroatisch-bosnischen Teil in vielen Belangen nicht mithalten.
Einen Grund für die Stagnation sieht der Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, Valentin Inzko, auch darin, dass rundum in den Nachbarländern die Entwicklung schon viel weiter gediehen ist. Kroatien ist bereits EU-Mitglied, mit Serbien haben gerade die Verhandlungen begonnen, und Montenegro ist bereits beim dritten Verhandlungs-Kapitel anbelangt. Diese europäische Perspektive fehlt Bosnien-Herzegowina.
Gavrilo Princip war "Held für uns"
Ein weiterer Grund für das Nachhinken liegt darin begründet, dass die politischen Eliten noch immer nicht zusammenfinden wollen und sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner verständigen können. Hier hat man es mit Wunden zu tun, die der Bürgerkrieg in den Jahren 1992 bis 1995 geschlagen hat und die bis heute nicht verheilt sind.
Aber es sind nicht nur diese jetzt 20 Jahre zurückliegenden Ereignisse, die die Denkweise offenbar nachhaltig beeinflusst haben. So hat das österreichische Nachrichtenmagazin "News" den Großneffen des Attentäters auf Franz Ferdinand ausgeforscht. Auch er trägt den Namen Gavrilo Princip und verklärt den Täter von damals, wenn er – trotz des Eingeständnisses, gewissermaßen Kriegsauslöser gewesen zu sein – sagt: "Trotzdem blieb mein Onkel ein Held für uns." Schließlich sei es schon immer so gewesen, dass in Bosnien Fremde die Entscheidung treffen. Zuerst die Türken, dann die Habsburger, heute Angela Merkel, die über ganz Europa herrsche.
In diesen Worten spiegelt sich vieles von dem wider, wovon es in dieser Region an Zwistigkeiten vor allem zwischen Serben und Kroaten immer wieder gegeben hat und noch immer gibt: "Gavrilos Schüsse sollten ein Befreiungsschlag sein." Und wenn der heute 60-jährige Princip erklärt, dass "wir im sozialistischen Jugoslawien noch das eine oder andere Privileg hatten", so zeigt sich darin eine Form von Nostalgie, die sich als Bremsschuh für die weitere Entwicklung erweist.
Ein ethnischer und religiöser "Fleckerlteppich"
Der heutige Staat ging aus der Republik Bosnien und Herzegowina hervor, die unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung und damit der Loslösung von der Volksrepublik Jugoslawien Anfang 1992 gegründet worden war. Seit dem 1995 geschlossenen sogenannten Friedensabkommen von Dayton zerfällt es in zwei Teile, nämlich die Föderation Bosnien und Herzegowina sowie die Republik Srpska.
Noch deutlicher zeigt sich die Zersplitterung des Landes beim Blick auf die Landkarte, die wie ein "Fleckerlteppich" aussieht. Die Republika Srpska ist kein geschlossenes Siedlungsgebiet, sondern teilt sich auf viele kleine Siedlungsgebiete auf, serbisch bevölkerte Dörfer über rund 52.000 Quadratkilometer von der Save bis an die Adria. Hinzu kommt, dass sich die 3,8 Millionen Einwohner auf drei Sprachgebiete – serbisch, kroatisch und bosnisch – und ,drei Glaubensgemeinschaften – dem Katholizismus, der Orthodoxie und dem Islam – aufteilen. Zu guter Letzt ist auch noch der kroatisch-bosnische Teil in zehn Kantone aufgeteilt, die ein Eigenleben führen.
Es gibt auch Hoffnung
Gehen Kroaten und Bosniaken einen gemeinsamen politischen Weg, so tanzt die Republika Srpska aus der Reihe. Die in Banja Luka sitzende Regierung geht ihren eigenen Weg und hegt Misstrauen gegenüber dem restlichen Bosnien-Herzegowina, das sich um die Hauptstadt Sarajewo schart. Als Problemverursacher gilt vor allem die sozialistische Parteiführung, die dem alten volksdemokratischen Regierungsstil nachhängt und von einer sehr nationalistischen Einstellung geprägt ist.
Trotzdem gibt es aber auch einige Hoffnungszeichen, wie von mehreren Seiten bestätigt wird. Die Entwicklung geht zwar nur langsam, aber immerhin doch weiter. So gibt es beispielsweise wieder vermehrt gemischte Ehen, und auch immer mehr Firmen erkennen, dass man mit Abkapseln und Einigeln keine Erfolge erzielen kann, und suchen daher die Zusammenarbeit, um den Erfolg zu maximieren.
Auch Sarajewo, einst eine Musterstadt für das Zusammenleben verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen, hat sich vom Trauma des Bürgerkriegs gelöst und weiterentwickelt, ist aber von der "guten alten Zeit" noch etwas entfernt. Die Bosniaken und Kroaten leben im Zentrum, die Serben haben sich an das andere Ufer der Milijacka, die durch die Stadt fließt, zurückgezogen.
EU muss sich mehr für den Balkan interessieren
Wie auch in anderen (ehemaligen) Krisengebieten zeigt sich auch hier, dass die internationale Gemeinschaft zwar die Konfliktparteien an einen Tisch gebracht, sich aber zu früh zurückgezogen hat. Im Falle von Bosnien-Herzegowina setzte man auf die Eigenverantwortung, was aber nicht wirklich funktionierte beziehungsweise eine längere "Einschulungsphase" benötigt hätte.
Für Inzko, der seit 2009 die Funktion des Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina bekleidet und auch EU-Sonderbeauftragter für Bosnien ist, steht fest, dass sich die EU wieder mehr für diese Region interessieren müsste, wie dies einige Zeit nach dem Ende des Balkankriegs schon der Fall war. Erst in den vergangenen zehn Jahren ist das Interesse am Balkan wieder merkbar zurückgegangen – mit eine Folge, dass andere, neue Krisenherde in der Umgebung Europas und des Mittelmeerraumes entstanden sind. Der Bürgerkrieg in Syrien, der Wandel vom arabischen Frühling zum arabischen Winter beschäftigten auch Brüssel mehr als die Vorgänge auf dem Balkan.
Hoffnungen auf Deutschland
Mit Aufmerksamkeit wurden daher die jüngsten Erklärungen des neuen österreichischen Außenministers Sebastian Kurz und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton registriert, wonach dem Balkan wieder mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden soll. Österreich ist nicht nur wirtschaftlich der wichtigste Partner. Nicht vergessen sind auch der ehemalige österreichische Außenminister Alois Mock und die von Kurt Bergmann initiierte Hilfsaktion "Nachbar in Not", die Bosnien-Herzegowina in der Zeit des Unabhängigkeitskampfes und Bürgerkrieges entscheidende politische Unterstützung bzw. soziale Hilfe gewährten.
Heute werden auch große Hoffnungen in das wirtschaftlich starke Bayern und den neuen deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier gesetzt, der sich schon immer für diese Region interessiert und engagiert hat und daher besondere Freundschaft der Bosnier genießt. Valentin Inzko appelliert mit Leidenschaft dafür, sich doch jetzt wieder mehr um jenes Land zu kümmern, das in der nächsten Zeit aus historischen Gründen im Mittelpunkt stehen wird.
Herbert Vytiska (Wien)

