Die Staats- und Regierungschefs der EU haben sich darauf geeinigt, eine Reflexionsgruppe zu gründen. Dieser „Ausschuss der Weisen“ soll die EU bei der Gestaltung ihrer langfristigen Zukunft unterstützen. Jedoch bereits zu Anfang herrscht Uneinigkeit über das Mandat der Gruppe.
Der ehemalige spanische Premierminister Felipe González Márquez wurde zum Vorsitzenden der neuen Gruppe ernannt. Seine beiden Stellvertreter sind die ehemalige lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga und der ehemalige Vorstandsvorsitzende des finnischen Telekommunikationskonzerns Nokia, Jorma Ollila. Laut einer gemeinsamen Erklärung der EU-Staats- und Regierungschefs vom 14. Dezember 2007 würden neun weitere Mitglieder nach ‚Leistungsprinzip’ aus der gesamten EU ausgewählt werden.
Laut der gleichen Quelle werde die Aufgabe der Gruppe sein, der Union zu helfen, Herausforderungen effektiver und langfristig gesehen (2020 bis 2030) zu identifizieren und ihnen gerecht zu werden.
Die ursprüngliche Idee der Schaffung dieser Gruppe stammt vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Er hatte als Aufgabe der Gruppe die Bestimmung der endgültigen Grenzen Europas vorgesehen. Die meisten Beobachter erachteten dies als einen Versuch, die türkischen Bemühungen um den EU-Beitritt zu behindern.
Letztendlich wurde das Mandat in der Form angepasst, dass es nun ehr die Haltung der EU-Nationen repräsentiert, die der Türkei positiv geneigt sind. Der britische Premierminister Gordon Brown begrüßte die Schaffung des Ausschusses: Dieser werde sich auf die wirtschaftlichen, umwelt- und sicherheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft konzentrieren.
Sarkozy sagte jedoch, der Text verwerfe die Debatte um die Grenzen der Union nicht.
Der französische Präsident sagte, die Aufgabe des ‚Rats der Weisen’ werde es sein, über die Möglichkeit einen neuen europäischen Traums nachzudenken. In diesem Traum würde die Frage nach den Grenzen unweigerlich gestellt werden. Dies schließe nicht nur die Türkei-Frage ein. Es müsse geklärt werden, ob Europa seine Grenzen festlegen oder ob die Erweiterung unendlich fortgeführt werden solle. Sarkozy warnte, umso mehr man erweitere, desto schwieriger werde sich die Integration gestalten.
Andere Mitgliedstaaten scheinen nichtsdestotrotz die britische Meinung hinsichtlich des Mandats zu unterstützen. Zu diesen Staaten zählt beispielsweise die Tschechische Republik; deren Minister für Europäische Angelegenheiten, Alexandr Vondra, sagte, EU-Erweiterung, institutionelle Reformen und Finanzfragen fielen nicht in den Aufgabenbereich der Gruppe.
Zeitungen in der Türkei und in Spanien nennen die Nominierung González zum Vorsitzenden der Gruppe einen ‚heimlichen Sieg’ Sarkozys. Der ehemalige spanische Premierminister habe bereits im Mai 2004 in Barcelona während eines ‚Universalforums der Kulturen’ seine Skepsis gegenüber dem EU-Beitritt der Türkei geäußert. Begründet hatte er diese Haltung mit großen sozialen und kulturellen Differenzen.
Der britische Außenminister David Miliband andererseits sagte, es sei ‚sehr einseitig’, González als Gegner der EU-Mitgliedschaft der Türkei zu bezeichnen.
Der türkische Außenminister Ali Babacan reagierte auf Sarkozys Erklärung mit den Worten: Während des Beitritts gäbe es viele Hindernisse. Es gäbe viele in der EU, die sich wünschten, die Türkei ließe ihr Beitrittsgesuch aufgrund von Frustration fallen. Aber der Prozess lasse keinen Raum für impulsives Verhalten und emotionale Reaktionen. Nichtsdestotrotz warnte Babacan, man solle sich bewusst sein, dass die Reaktion der Türkei anders sein werde, wenn das Land realisiere, dass manche Mitgliedstaaten versuchten, den Mitgliedschaftsstatus der Türkei zu verhindern.
Die Reflexionsgruppe soll ihren Bericht während des Treffens des Europäischen Rats im Juni 2010 vorlegen.

