EU-Parlament macht Stopfleber-Kehrtwende nach französischem Lobbying

Wie kann man behaupten, dass die Zwangsfütterung von Tieren, bei der ihnen Schläuche in den Hals gesteckt werden, um unerwünschte Futtermengen hineinzupumpen, "Verfahren sind, die das Wohlergehen der Tiere" und "ihre biologischen Parameter" respektieren," fragte der portugiesische grüne Abgeordnete Francisco Guerreiro. [SHUTTERSTOCK]

Das Europäische Parlament hat in einem neuen Bericht erklärt, dass die Produktion von Stopfleber die Tierschutzanforderungen erfüllt, dabei hatte es zuvor ein Verbot der Zwangsfütterung gefordert, da diese als „grausam und unnötig“ gilt. EURACTIV geht der Frage nach, was hinter diesem plötzlichen Sinneswandel steckt.

Foie gras (Französisch für ‚fette Leber‘) oder ‚Stopfleber‘ ist eine kulinarische Spezialität, die aus der Leber einer Ente oder Gans gewonnen wird, die mit einem als ‚Schlundsonde‘ bekannten Verfahren zwangsgefüttert wurde, wodurch die Leber abnormal vergrößert wird.

Die Zwangsfütterung von Enten und Gänsen ist sehr umstritten. Aktivist:innen und Tierschutzexpert:innen halten diese Praxis für grausam. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat die Zwangsfütterung verurteilt und erklärt, dass sie „ernste Probleme für den Tierschutz“ aufwirft.

Trotzdem hat das Parlament am vergangenen Dienstag (15. Februar) mit großer Mehrheit einen Initiativbericht zum Tierschutz verabschiedet, der eine Bestimmung enthält, wonach die Produktion von Stopfleber „auf landwirtschaftlichen Verfahren beruht, die die Tierschutzanforderungen erfüllen“.

Begründet wird dies damit, dass die Stopfleber überwiegend in Familienbetrieben hergestellt wird, in denen die Tiere „90 Prozent ihres Lebens im Freien verbringen und in denen die Mastphase, die im Durchschnitt 10 bis 12 Tage mit zwei Mahlzeiten pro Tag beträgt, die biologischen Parameter des Tieres einhält“, so der Bericht.

Der Schritt stellt einen Sinneswandel der Abgeordneten dar, die erst ein Jahr zuvor in ihrem ‚End the Cage Age‘-Breicht, der im Juni 2021 veröffentlicht wurde, ein vollständiges Verbot der Zwangsfütterung gefordert hatten.

„[Das Parlament] fordert die Kommission auf, Vorschläge für ein Verbot der grausamen und unnötigen Zwangsfütterung von Enten und Gänsen für die Herstellung von Stopfleber zu unterbreiten“, hieß es in dem Bericht von 2021.

EU-Parlament stimmt für umstrittene Position zum Tierschutz

Das Europäische Parlament hat für einen Bericht zum Tierschutz in landwirtschaftlichen Betrieben gestimmt, der in neue EU-Tierschutzvorschriften einfließen wird. Der Bericht hat jedoch heftige Kritik bekommen.

Rechtslage

Die Stopfleberproduktion genießt in den EU-Vorschriften einen besonderen Status, da sie in der EU gemäß Artikel 3 des Europäischen Übereinkommens zum Schutz von Tieren in landwirtschaftlichen Tierhaltungen technisch gesehen verboten ist.

Die Herstellung von Stopfleber ist auch in mehreren europäischen Ländern verboten, darunter die Tschechische Republik, Italien und Deutschland.

Für fünf EU-Mitgliedstaaten – Bulgarien, Frankreich, Spanien, Ungarn und Belgien – gilt jedoch aufgrund ihrer traditionellen Verbundenheit mit dem Genußmittel eine besondere Ausnahmeregelung, da sie dessen Herstellung als regionales Erbe betrachten.

Diese Ausnahme ist in den Gründungsverträgen verankert, und zwar in Artikel 13 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV), in dem es heißt, dass die Agrarpolitik der EU „den Erfordernissen des Wohlergehens der Tiere als fühlende Wesen in vollem Umfang Rechnung trägt und dabei die Rechts- und Verwaltungsvorschriften beachtet, die insbesondere das regionale Erbe betreffen.“

Wie kam es dazu? 

Der ursprüngliche Entwurf des Tierschutzberichts, der von dem liberalen französischen Europaabgeordneten und Viehzüchter Jérémy Decerle verfasst und dem Landwirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments (AGRI) im Juni 2021 vorgelegt wurde, enthielt keinen Hinweis auf Stopfleber.

Ein gemeinsamer Änderungsantrag des Berichterstatters und einer weiteren liberalen französischen Abgeordneten, Irène Tolleret, fügte jedoch einen Hinweis auf das kontroverse Lebensmittel hinzu.

Laut Decerle sei es von Anfang an seine Absicht gewesen, diese Änderung hinzuzufügen. Er habe dies jedoch im ersten Entwurf aus Platzmangel nicht tun können.

„Aber ich hatte immer die Idee, den Änderungsantrag zu Stopfleber von Anfang an einzufügen“, bestätigte er gegenüber EURACTIV.

Denn es sei besser, das Thema in dem Bericht auf „pragmatische Weise“ anzusprechen, sagte er und betonte, dass der Sektor die strengen Tierschutzvorschriften der EU einhalte und dass die Abgeordneten „keine Angst“ haben sollten, das Thema aus Angst vor negativen Auswirkungen anzusprechen.

Nach Angaben der Datenbank Integrity Watch EU trafen sich die beiden Abgeordneten im April mit einer Reihe von Lobbyist:innen, kurz bevor der Bericht verfasst wurde.

Decerle traf sich am 19. April 2021 mit dem Comité Interprofessionnel des Palmipèdes à Foie Gras (CIFOG) und der französischen Geflügelfleischindustrie (ANVOL) sowie am 10. Mai mit der französischen Generaldirektion für Lebensmittel (DGAL).

In der Zwischenzeit hat sich Tolleret im April 2021 mit fünf verschiedenen französischen Landwirtschaftskammern getroffen, darunter auch mit Vertreter:innen der südlichen Regionen, die für Stopfleber berühmt sind, wie zum Beispiel Ariège, Lozère und Gers – die für die geschützte geografische Angabe (g.g.A.) für ‚foie gras du sud-ouest‚ in Frage kommen.

Außerdem traf sie sich mit der französischen Agrarlobby FNSEA. Es liegen jedoch keine Aufzeichnungen darüber vor, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt mit Vertreter:innen der Zivilgesellschaft getroffen hatte.

Auf die Frage nach den Gesprächen bei diesen Treffen sagte Decerle, er habe sich im gleichen Zeitraum mit einer Vielzahl von Vertreter:innen, darunter auch NGOs, getroffen, um Fragen zum Tierschutz zu erörtern, und die Gespräche hätten sich „nicht von anderen unterschieden“.

Laut der Datenbank traf sich die Abgeordnete tatsächlich im gleichen Zeitraum mit den Kampagnengruppen Eurogroup for Animals und Four Paws, um über das Thema Tierschutz zu besprechen.

Ein Vertreter von Tolleret erklärte gegenüber EURACTIV, dass sie keine weiteren Kommentare abgeben können und dass sie sich „nicht daran erinnern könne, was besprochen wurde und auch keine Aufzeichnungen über diese Treffen haben“, da sie schon so lange zurückliegen.

EU-Parlament spricht sich deutlich für Verbot von Käfighaltung aus

In einer Entschließung hat das Europäische Parlament die EU-Kommission aufgefordert, die Käfighaltung von Nutztieren zu einem Ding der Vergangenheit zu machen. Das geforderte Verbot könnte ab 2027 gelten.

Von Backverboten zu Foie-Gras-Fans 

In dem Bemühen, die unterschiedlichen Positionen des Parlaments zu den beiden Berichten in Einklang zu bringen, setzte sich der portugiesische Abgeordnete der Grünen, Francisco Guerreiro, erfolglos dafür ein, dass der Wortlaut des Berichts so geändert wird, dass die Forderung nach einem Verbot der Zwangsfütterung bekräftigt wird.

Unterdessen hatten einige EU-Abgeordnete, die für den Bericht „End the Cage Age“ gestimmt hatten, offenbar ihre Meinung geändert und sich gegen eine Änderung des Wortlauts des Berichts entschieden, darunter die EVP-Abgeordnete Marlene Mortler und der linke Parlamentarier Mick Wallace.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses und Berichterstatter des Berichts „End the Cage Age“, Norbert Lins, erklärte gegenüber EURACTIV, dass er sich bei der Abstimmung über die spezifischen Änderungsanträge zu Stopfleber in beiden Berichten aus Respekt für kulturelle Traditionen enthalten habe.

„Landwirtschaftliche Produkte und ihre handwerkliche Herstellung gehören zum Kern unserer europäischen Kultur und sind Teil unserer Traditionen“, sagte er.

Er räumte jedoch ein, dass sich diese Traditionen „in Richtung höherer Nachhaltigkeits- und Tierschutzkriterien bewegen müssen. „Ich möchte die Landwirte und Erzeuger bei diesem Wandel unterstützen, um unser kulturelles Erbe zu erhalten, anstatt sie an den Pranger zu stellen“, erklärte er.

Obwohl er bei der Abstimmung im Plenum in der vergangenen Woche keine Position zu Stopfleber eingenommen hat, geht aus dem Abstimmungsprotokoll (S. 60, Änderungsantrag 320) hervor, dass er für die ursprüngliche Ergänzung des Änderungsantrags von Decerle und Tolleret gestimmt hat, der im Oktober im AGRI-Ausschuss angenommen wurde.

Warum der Sinneswandel?

Für Decerle ist der Sinneswandel einfach ein Beweis dafür, dass die Abgeordneten eine pragmatischere Position in dieser Angelegenheit akzeptieren.

„Das Parlament versteht das Thema besser – sie haben weder eine positive noch eine negative Haltung eingenommen, sondern eine realistische, die die Realität der Produktion widerspiegelt“, sagte er.

Für Guerreiro ist die Tatsache, dass die Aussage über Stopfleber in den Text aufgenommen wurde, jedoch nur „ein weiteres Beispiel für die unwissenschaftliche, fehlerhafte und absurde Natur dieses Berichts.“

Wie kann man behaupten, dass die Zwangsfütterung von Tieren, bei der ihnen Schläuche in den Hals gesteckt werden, um unerwünschte Futtermengen hineinzupumpen, „Verfahren sind, die das Wohlergehen der Tiere“ und „ihre biologischen Parameter“ respektieren,“ fragte er.

Deutschland und Frankreich fordern Ende des Kükentötens

Ab Januar 2022 will der französische Landwirtschaftsminister Julien Denormandie das Töten männlicher Küken verbieten. Deutschland hat die selbe Entscheidung bereits im Mai verkündet. Gemeinsam fordern die Länder nun ein EU-weites Verbot.

Die Reaktion der Tierschützer:innen auf diese Entscheidung war vorhersehbar.

Mit Blick auf den Sinneswandel des Parlaments fragte Olga Kikou, Leiterin der Kampagnengruppe Compassion in World Farming, wie die Bürger:innen ihren gewählten Vertreter:innen vertrauen können, wenn sie „nicht einmal ihre Hausaufgaben machen können“.

„Sie verlieren zweifellos an Glaubwürdigkeit, wenn sie nur acht Monate nach der Resolution von Juni, in der sie ein Verbot der Stopfleberproduktion forderten, für einen Bericht stimmen, der diese grausame Praxis gutheißt“, warnte sie.

Sie fügte hinzu, dass der abgestimmte Text so weit geht, die Stopfleberproduktion „unter Berücksichtigung der biologischen Parameter der Tiere“ zu definieren, und sich völlig über wissenschaftliche Fakten und die Vorschriften der EU-Länder hinwegsetzt, die diese Praxis bereits auf nationaler Ebene verboten haben.

Die Reaktion der Landwirtschaft

Euro Foie Gras und der EU-Bauernverband COPA-COGECA begrüßten ihrerseits die Behauptung, dass die Stopfleberproduktion die Tierschutzanforderungen respektiert.

Christophe Barrailh, Präsident von Euro Foie Gras, erklärte gegenüber EURACTIV, der Sektor habe eine Erwähnung in dem Bericht verdient, da er sich für „Lebensmittelqualität, Tiergesundheit und Tierschutz“ einsetze und einen Beitrag zum Leben in ländlichen Gebieten leiste.

„Der Sektor erfüllt alle EU-Tierschutzanforderungen und geht mit seiner eigenen Europäischen Charta und verschiedenen nationalen Initiativen zur Optimierung der Zuchtbedingungen von Enten und Gänsen sogar darüber hinaus“, betonte er.

Barrailh zufolge leidet der Sektor unter einem „Mangel an Wissen und Verständnis“, was zu „falschen Vorstellungen und Vorurteilen“seitens der Tierschützer:innen geführt habe, die von falschen Stereotypen genährt werden“.

„Zugvögel lagern vor ihrer Reise von Natur aus Fett in ihrer Leber ein“, erklärte er und fügte hinzu, dass das Mästen von Gänsen und Enten für die Stopfleberproduktion eine „bloße Reproduktion dieser natürlichen, nicht-pathologischen und völlig reversiblen physiologischen Eigenschaft“ sei.

*Gerardo Fortuna hat zu diesem Bericht beigetragen.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]

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