UN-Beamter: EU muss Umbau des Welternährungssystems vorantreiben

Maurizio Martina ist der stellvertretende Direktor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und ehemaliger Landwirtschaftsminister Italiens. [EU COUNCIL]

Es sei verständlich, dass die EU angesichts des Ukraine-Kriegs und der Auswirkungen der Corona- und der Klimakrise die Grundlagen ihres Agrarmodells im Sinne der strategischen Autonomie umgestalte, so ein Beamter der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation in einem Interview mit EURACTIV.

Maurizio Martina ist der stellvertretende Direktor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und ehemaliger Landwirtschaftsminister Italiens. Er sprach mit EURACTIVs Agrarjournalist Gerardo Fortuna.

Der in der vergangenen Woche von der FAO veröffentlichte Lebensmittelpreisindex zeigt, dass die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel den höchsten Stand aller Zeiten erreicht haben. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Schon vor dem Konflikt sind die wichtigsten internationalen Agrarpreise mehr als anderthalb Jahre lang angestiegen. Sowohl die Pandemie als auch einige radikale Klima- und Umweltveränderungen haben sich in bestimmten Regionen der Welt stark auf einige landwirtschaftliche Erzeugnisse und deren Preise ausgewirkt.

Die dramatischen Ereignisse in der Ukraine verschlimmern die Situation nur noch weiter. Heute stehen wir vor einem Szenario, in dem der Preisanstieg bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen zumindest innerhalb eines bestimmten Rahmens in der nächsten Zeit eine Konstante sein wird. Auch weil der Preisanstieg, wie wir wissen, mit der Energiekrise zusammenfällt, die sich sehr stark auf die Landwirtschaft auswirkt.

Was sind die Unterschiede zwischen dieser und der vorherigen weltweiten Lebensmittelpreiskrise im Jahr 2008?

Auch die Krise 2007-2008 kam nach einem sehr starken Anstieg der Ölpreise. Die erste Phase der Krise wurde mit protektionistischen Maßnahmen bewältigt, die das Problem nicht wirklich lösten, sondern die Unsicherheit und Fragilität noch verstärkten.

Durch eine Neuordnung der globalen Warenströme konnten wir die Krise allmählich überwinden. Selbst die Corona-Krise hat uns in ihrer ersten Phase zu einigen protektionistischen Initiativen veranlasst, aber wir haben diese Phase schnell überwunden und die Warenströme blieben offen.

Die derzeitige Situation weist jedoch auch einige neue Elemente auf, da es einen Krieg gibt und die Auswirkungen des Klimawandels auf die landwirtschaftliche Produktion jetzt deutlicher sind. Wir müssen auf den Erfahrungen der Vergangenheit aufbauen, um bestimmte Fehler zu vermeiden.

Welche denn?

Zum Beispiel die Tatsache, dass wir nicht sofort an der Entwicklung von Maßnahmen gearbeitet haben, um in Fragen der Lebensmittelsicherheit und der globalen Lieferkette einzugreifen, die von grundlegender Bedeutung sind. Die Reaktionszeit auf solche Situationen ist entscheidend.

Wir sollten auch berücksichtigen, dass einige globale Agrarprodukte gewisse Probleme aufwerfen können. Wir müssen uns jedoch darüber im Klaren sein, wo die Nachfrage ist und wo das Angebot ist und wie wir diese Nachfrage und dieses Angebot aufeinander abstimmen können.

Es besteht kein Zweifel daran, dass wir im Rahmen unserer Arbeit die Auswirkungen dieser Entwicklung auf Entwicklungsländer sowie gefährdete Länder verstehen müssen.

Welche Länder geben besonders Anlass zur Sorge?

Denken Sie an den Libanon, Ägypten oder Libyen. Es handelt sich um sehr spezielle Kontexte, in denen ein Anstieg der Inflation und insbesondere ein Anstieg der Lebensmittelinflation zu Spannungen führen kann – und es zeichnet sich bereits etwas ab. Wir müssen also sehr vorsichtig sein.

Wenn wir uns einige Daten wie die Lebensmittelinflation in einigen gefährdeten Ländern ansehen, sind wir natürlich besorgt darüber, was passieren könnte. Ich beziehe mich zum Beispiel auf die Analysen, die vor kurzem zu den zehn Ländern mit der höchsten Lebensmittelinflation gemacht wurden, und Sie können sehen, dass diese in einigen Regionen der Welt konzentriert sind.

Die Reaktion der EU konzentrierte sich bisher auf die Produktionsseite. War das die richtige Entscheidung?

Es ist wichtig, dass wir bei diesem wichtigen Thema alle Seiten an einen Tisch bringen. Es geht darum, kurz- bis mittelfristig zu handeln, und deshalb verstehe ich einige der Entscheidungen, die die Europäische Kommission in letzter Zeit getroffen hat, um diese Phase zu bewältigen.

Ich verstehe auch, dass wir an bestimmten strategischen Zielen festhalten müssen, die sich Europa bei der Umgestaltung der europäischen Agrarmodelle gesetzt hat. Die EU muss sich bemühen, alle Seiten in dieser Frage an einen Tisch zu bringen und versuchen, positive Kompromisse für die Zukunft zu finden, wobei die grundlegenden strategischen Ziele immer auf dem Tisch bleiben müssen.

Es ist vollkommen logisch, dass Europa darüber nachdenkt, die Grundlagen des Modells im Hinblick auf die strategische Autonomie neu zu organisieren, insbesondere nach der Pandemie, dem Konflikt und den Energiekosten, mit denen wir konfrontiert sind. Mit anderen Worten: Es würde mich überraschen, wenn die EU das Gegenteil getan hätte.

Welche Rolle sollte die EU parallel zu dieser innenpolitischen Reaktion bei dieser Krise auf globaler Ebene spielen?

Ein weiteres großes Ziel, das die EU immer verfolgen muss, ist, die Rolle eines globalen Akteurs bei der ökologischen Umgestaltung des Systems zu spielen. Die Union sollte sich an vorderster Front für die Politiken einsetzen, die diesen Übergang unterstützen, und zwar auf transparente Weise.

Ich möchte hier klarstellen, dass niemand glaubt, dass das einfach ist. Andererseits bin ich der Meinung, dass Europa seine Arbeit fortsetzen und sich daher zur strategischen Autonomie verpflichten muss. Diese Autonomie bezieht sich auf eine Idee der Kooperation zwischen Systemen, die unterschiedlich sind, aber dennoch zusammenarbeiten.

Apropos „offener Handel“: Erwarten Sie, dass Länder in Zukunft Exportverbote einführen werden?

Das hoffe ich nicht. Ich glaube wirklich, dass wir versuchen müssen, die Handelsströme offenzuhalten, insbesondere die Ströme wichtiger landwirtschaftlicher Güter.

Die EU setzt zur Bewältigung der Krise auch auf das Konzept der Ernährungssouveränität.

Das Nachdenken über die Säulen der Ernährungssouveränität ist ein wichtiges Thema, vor allem zum jetzigen Zeitpunkt, und ich denke, dieses Nachdenken geht über Europa hinaus. Ich habe das Konzept der Ernährungssouveränität immer so interpretiert, dass es tief in den territorialen Gegebenheiten verwurzelt ist, aber offen für alles, was nicht dort ist.

Ich habe Angst vor einer geschlossenen Vorstellung von Souveränität und möchte Souveränität nicht mit „Souveränismus“ [Anm. d. Red.: politische Bewegung, die der Alt-Right nahesteht und für die Wiedererlangung staatlicher Souveränität in bestimmten Bereichen eintritt] verwechseln. Für mich ist Souveränität ein Wert, und wir müssen darüber nachdenken, wie eine moderne Vorstellung von Ernährungssouveränität tatsächlich umgesetzt werden kann.

Ernährungssouveränität ist für mich nicht nur eine Frage dessen, was wir für uns selbst tun können. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir ein Gleichgewicht zwischen Souveränität und Offenheit finden müssen, und ich habe Angst vor der Idee einer „geschlossenen“ Souveränität. Meiner Meinung nach liegt in dieser Balance zwischen Offenheit und Souveränität der richtige Ansatz.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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