EU-Bauernchef: Krieg wird Europa wohl nicht hungern lassen

Die Folgen der kriegsbedingten Unterbrechungen würden sich höchstwahrscheinlich auf Dritte auswirken, insbesondere auf Nordafrika, die Maghreb-Länder, Ägypten und möglicherweise den Nahen Osten, so Pekka Pesonen. [SHUTTERSTOCK/MOMA_PRODUCTION]

Es ist unwahrscheinlich, dass die EU infolge des Krieges in der Ukraine hungern muss, aber die Auswirkungen in Afrika und im Nahen Osten könnten äußerst verheerend sein, so der Generalsekretär des Europäischen Landwirtschaftsverbandes, Pekka Pesonen. Er forderte ein „erweitertes“ Green-Deal-Paket, um sowohl Qualität als auch Quantität der europäischen Lebensmittel zu sichern.

Pekka Pesonen ist der Generalsekretär des EU-Landwirtschaftsverbands COPA-COGECA. Er sprach mit EURACTIVs Agrarjournalist:innen über die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine und darüber, wie die grünen Ziele der EU angesichts der Situation erweitert werden sollten.

Welche Auswirkungen wird der Krieg in der Ukraine Ihrer Meinung nach vor allem auf die Lebensmittelversorgung haben?

Wir haben noch nicht alle Informationen und wir können die Auswirkungen noch nicht vollständig absehen. Aber ich denke, man kann schon zum jetzigen Zeitpunkt mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass wir mit erheblichen Störungen im internationalen Handel rechnen müssen, vor allem bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Mais, Sonnenblumen und Öl. Und wir erwarten Störungen im Handel nicht nur zwischen uns [Russland, der Ukraine, Belarus und der EU], sondern auch mit Drittländern.

Was ist derzeit Ihr Hauptanliegen?

Die Hauptsorge ist, dass es zu ernsthaften Marktstörungen auf internationaler Ebene kommen wird. Die EU kann sich selbst versorgen, wir haben Lagerbestände, sodass wir davon ausgehen können, dass wir nicht verhungern werden. Aber die Folgen dieser Störungen, die wir für unsere bilateralen Handelsbeziehungen befürchten, würden sich höchstwahrscheinlich auf Dritte auswirken, insbesondere auf Nordafrika, die Maghrebstaaten, Ägypten und möglicherweise den Nahen Osten.

Das letzte Mal, als dies der Fall war, hatten wir einen sogenannten ‚Arabischen Frühling‘ und dieses Mal müssen wir auch die Tatsache berücksichtigen, dass Russland und die Ukraine in diesen Regionen zunehmend Handel treiben. Es wird nicht so einfach sein, das Handelsvolumen zu ersetzen, das uns höchstwahrscheinlich im Welthandel mit diesen Regionen entgehen wird.

Ukraine stoppt Ausfuhr wichtiger Lebensmittel, EU fürchtet um Ernährungssicherheit

Nach Angaben der ukrainischen Nachrichtenagentur Interfax Ukraine hat die ukrainische Regierung Ausfuhrgenehmigungen für wichtige Lebensmittel wie Weizen, Mais, Geflügelfleisch und Sonnenblumenöl eingeführt.

Wie kann die EU dazu beitragen, die voraussichtlichen Verluste in diesen Bereichen auszugleichen?

In erster Linie muss [die EU] in diesen internationalen Handelsstrukturen unser Gewicht in die Waagschale werfen – wir müssen in der Lage sein, die Volumina zu ersetzen, die aus der Ukraine, Russland und Weißrussland höchstwahrscheinlich wegfallen werden. Der zweite Schritt ist, zu sehen, wie viel [die EU] handeln kann, aber die Realität ist, dass wir über relativ große Mengen sprechen und die EU diesen [Verlust] nicht vollständig ersetzen kann.

Wir müssen bedenken, dass die EU, wie alle anderen auch, mit höheren Kosten für Betriebsmittel, insbesondere Düngemittel, konfrontiert ist. Wir sollten uns also zunächst darauf konzentrieren, den EU-Markt zu beliefern, und dann, wenn wir können, sind wir gerne bereit, bestimmte Rohstoffe an Drittländer zu verkaufen.

Wie kann diese Lücke dann geschlossen werden?

Wir müssen unsere Handelsbeziehungen mit anderen Partnern im Welthandel auf den Prüfstand stellen. Das Wesentliche ist, dass wir in den nächsten Wochen eine neue internationale Handelsstruktur finden müssen, um den Markt mit ausreichenden Ressourcen zu versorgen, aber auch um bestimmte Schlüsselmärkte zu beliefern. Denn wir wollen vermeiden, dass es dort zu größeren Preiserhöhungen kommt, die politisch heikel wären. Ich denke, die großen Akteure sind sich einig, dass wir in dieser Sache aktiv werden müssen.

Einige haben angesichts der Situation in der Ukraine gefordert, die grünen Ziele der EU grundlegend zu überdenken. Was ist Ihre Meinung dazu?

Wir brauchen eine radikale Ergänzung des Green Deal. Wir haben kein Problem mit dem Green Deal als solchem. Wir glauben, dass die Grundlagen vorhanden sind, aber wir brauchen ein ausreichendes Instrumentarium für die europäische Landwirtschaft, damit sie das leisten kann, was von ihr verlangt wird – nämlich Lebensmittel auf nachhaltige Weise zu erzeugen. Dazu brauchen wir aber die Unterstützung der EU, wir müssen die Wertschöpfungskette neu ausbalancieren, wir brauchen Kohärenz und entsprechende politische Maßnahmen.

Wir benötigen also ein verbessertes Green-Deal-Paket, um dies zu ermöglichen. Es geht um die nachhaltige Produktion und die Sicherstellung des Angebots, sowohl in Bezug auf die Quantität als auch auf die Qualität der Marktversorgung. Ich denke, diese zusätzliche Ebene muss vorhanden sein, und die Kommission hat es versäumt, sie zu liefern.

EU will Green-Deal-Ziele in der Landwirtschaft überprüfen

Die Europäische Kommission wird die Ziele ihrer wichtigsten politischen Maßnahmen für eine nachhaltige Ernährung erneut prüfen, um festzustellen, ob die Ernährungssicherheit in Europa nach dem Ukraine-Krieg gewährleistet werden kann.

Was würden Sie zu der Behauptung sagen, Ernährungssicherheit sei kein Thema mehr?

Bei der Frage der Ernährungssicherheit haben wir uns voll und ganz dafür eingesetzt, dass die Interessen der Verbraucher:innen und der Gesellschaft gewahrt werden, und wir haben ein sehr gutes Ergebnis des Prozesses vorgelegt. Es geht um das langfristige Bestreben der EU-Institutionen zusammen mit den Interessengruppen und den Landwirt:innen, dass die Landwirtschaft an einen Punkt kommt, wo sie Investitionen tätigt, um die europäische Agrar- und Nahrungsmittelkette nachhaltiger und widerstandsfähiger zu gestalten und Lebensmittel zu liefern, und zwar auf dem Niveau, das die Gesellschaft erwartet.

Und jetzt behaupten die Kollegiumsmitglieder:innen plötzlich, wir hätten kein Problem mit der Ernährungssicherheit, schieben die Schuld auf die Landwirtschaft selbst und stellen diese ganze Arbeit infrage. Das können wir nicht akzeptieren. Wenn wir nicht die Qualität und Quantität liefern, die die Verbraucher:innen erwarten, gibt es keine Hoffnung für die EU-Politik, auch nicht für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP). Das wissen wir nur zu gut, und deshalb engagieren wir uns auch dafür.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

Subscribe to our newsletters

Subscribe