Wasser statt Waffen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Eine afrikanische Frau zapft kostbares Nass an einer Wasserpumpe. [Foto: Shutterstock/Franco Volpato]

Afrikas Eliten sollten endlich ihre Prioritäten ändern, meint Volker Seitz. Der Kontinent hat enormes wirtschaftliches Potenzial, doch der Mangel an Trinkwasser hemmt das Wachstum.

Wasser ist weltweit, neben Bildung, ein Schlüsselelement für eine bessere Zukunft. Afrika wird enormes wirtschaftliches Potenzial bescheinigt, doch die Trinkwasserknappheit ist ein großes Wachstumshindernis. Nicht das Fehlen von Wasser-Ressourcen, sondern ihre ineffiziente Nutzung, mangelnde Investitionen und Missmanagement sind der Grund für die Knappheit. Der ungleiche Zugang zu Wasser spiegelt den Abstand der sogenannten Eliten in Afrika zum Volk wider. Südlich der Sahara haben immer noch mehr als 60 Prozent der Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Die Wasserversorgungs-Systeme und die Abwasserentsorgung sind ineffizient.

Niedrige Priorität bei den Eliten

Für das politische Führungspersonal ist die Wasserversorgung der Bevölkerung kein Kernthema, weil es sich andere Hygienestandards leisten kann. Die Führungseliten haben Wasserreservoire und Filter und verbrauchen, neben Mineralwasser, pro Kopf sechs Mal so viel sauberes Wasser wie die übrige Bevölkerung. Die niedrige Priorität, die Wasser- und Sanitätswesen in Afrika beigemessen wird, spiegelt sich in den jeweiligen Staatshaushalten. Wenn auch gelegentlich in den Budgets versteckt, zeigt sich, dass für Waffen oft mehr Geld vorhanden ist als für Bildung, Gesundheit oder eben Wasserversorgung. Das reiche Kamerun (Öl, Mineralien, Landwirtschaft) zum Beispiel hat etwa bis heute nicht in Kläranlagen investiert.

Die Wasserversorgung in vielen Ländern ist mehr oder weniger zufällig. Der größte Teil der Bevölkerung, besonders in den Elendsvierteln der Städte und auf dem Land, muss oft über lange, gefährliche Fußwege Wasser in Eimern heranschleppen. Wer den ganzen Tag damit beschäftigt ist, kilometerweit entfernte Brunnen oder Wasserlöcher anzusteuern, kann nicht viel anderes tun. Die Mechanismen, die bei fehlender Wasserversorgung wirken, sind katastrophal.

600 Millionen der 1,4 Milliarden Menschen in Afrika leben heute in den Städten, 60 Prozent in Armenvierteln ohne ausreichende Wasserversorgung. Die ungestüme und ungeregelte Urbanisierung hat zum Kollaps der oft noch aus der Kolonialzeit stammenden sanitären Infrastruktur geführt. In undichten Leitungen geht Wasser verloren. Werden Anlagen nicht korrekt betrieben, steht alles still.

Es fehlt an wirksamen Strategien

Entwicklungsländer müssen umdenken und in sparsames Wasser- und Abfallmanagement investieren. Aber viele afrikanische Regierungen ergreifen nicht einmal einfache Maßnahmen wie die Trennung von Haushalts- und Industrieabwässern. Abwässer werden allesamt in Flüsse geleitet, die städtische Abfallwirtschaft wird nicht modernisiert, es gibt kein zeitgemäßes Recycling.

Keine Art der Infrastruktur-Investition in Afrika würde sich so stark auf die wirtschaftliche Performance auswirken wie ein angemessenes Angebot an Trinkwasser. Danach erst kommen Bewässerungsanlagen, Elektrizität oder der Ausbau von Straßen- und Bahnnetzen. Wasser ist in Afrika genug vorhanden: Derzeit werden nur fünf Prozent der Ressourcen genutzt. Lediglich fünf Prozent des afrikanischen Ackerlands werden bewässert, und weniger als zehn Prozent des Wasserkraftpotenzials fließen in die Stromerzeugung. Dabei fehlen den Regierungen meist nicht die Mittel: Es ist schlicht ein Versagen der politisch Verantwortlichen. Im von Dürre geplagten Äthiopien beispielsweise gibt es bislang kein Forschungsinstitut, das sich mit dem Thema Wasser beschäftigt.

Schlechte Abwasserentsorgung macht krank

80 Prozent der Krankheiten in Afrika lassen sich nach Schätzungen von Ärzten auf unreines Wasser und schlechte Sanitärversorgung zurückführen. Die meisten Gewässer enthalten Krankheitserreger aus menschlichen Ausscheidungen, weshalb entsprechende Erkrankungen weit verbreitet sind. Nur in Kenia und Südafrika verfügen laut Weltwasserbericht der Vereinten Nationen mehr als 75 Prozent der Menschen über sanitäre Einrichtungen.

Es geht auch anders: Südafrika hat eine moderne Wassergesetzgebung geschaffen und das Recht auf Wasser in der Verfassung verankert. Das wasserreiche Lesotho liefert dem Nachbarn Wasser und erhält im Gegenzug Energie. Ägypten hat gezeigt, dass man die Kindersterblichkeit um 60 Prozent senken kann, wenn man die offensichtlichen Probleme im Wasserressourcen-Management energisch anpackt. Auch Uganda nimmt die Probleme in Angriff. Mit Hilfe deutscher Firmen werden die Wasserverluste bei Versorgern vermindert.

Die KfW finanziert ein Institut der Panafrikanischen Universität in Tlemcen, Algerien. Es bietet angewandte Forschung zu Energie, Wasser und Klimawandel an. Stipendien für Masterstudenten und Doktoranden stehen zur Verfügung. Bereits 74 Studierende aus siebzehn afrikanischen Ländern haben in Tlemcen ihr Studium der Wasser- und Energiewirtschaft aufgenommen.

Es werden allerdings immer noch erhebliche Fehler in der Entwicklungshilfe gemacht: Die UNO hat 23 Spezialorganisationen, die sich mit Wasser beschäftigen, und musste die völlig neue Institution UN-Water schaffen, nur um die Arbeit dieser 23 Organisationen zu koordinieren. Jede ist teilweise verantwortlich, keine trägt volle Verantwortung. Gemein ist ihnen, dass sie viel Personal benötigen. Es müsste eine einheitliche UN Präsenz in den Ländern geben, die ein Programm mit einem Verantwortlichen und einem Haushalt haben.

Anders kleine Organisationen wie Aquapura. Schnell, effizient und kostengünstig wird bakteriologisch reines Trinkwasser in Togo, Kamerun, Uganda, Kongo, Kenia und Madagaskar selbständig hergestellt. Die Nichtregierungsorganisation konzentriert sich auf kleinere Kommunen, Krankenhäuser, Schulen und auch Waisenhäuser. Gruppen, die sie gratis mit Wasseraufbereitungsgeräten versorgt, müssen sich vorab über die Nachhaltigkeit einer solchen Installation Gedanken machen und Verantwortliche für den Betrieb bestimmen. Der sehr wichtige langfristige Kontakt mit den Menschen vor Ort ist sichergestellt.

Israel hilft in West- und Zentralafrika

Israel hat es vorgemacht: Mit neuester Technik, intelligentem Management und jahrzehntelanger kollektiver Anstrengung ist Wassermangel hier kein Thema mehr. Das Land ist weltweit führend in der Abwasseraufbereitung. 93 Prozent des israelischen Schmutzwassers werden aufbereitet, was den Trinkwasserverbrauch enorm reduziert. In Israel wurde die Tröpfchenbewässerung erfunden, mit der man nicht nur bis zu 40 Prozent Wasser sparen, sondern auch den Ernte-Ertrag steigern kann. So wurde selbst Wüstenland zu einer landwirtschaftlichen Oase. Eine Wasserwirtschaft nach israelischem Vorbild kann zur Beseitigung oder zumindest Zurückdrängung existenzieller Bedrohungen führen.

Mit israelischen Know-how lernen afrikanische Staaten, weniger Wasser zu verbrauchen. Die Cote d’Ivoire, Gabun und der Senegal werden im Bereich Bewässerung und Wassermanagement beraten. Senegal bezieht 80 Prozent seines Nahrungsbedarfs aus Importen, weil die traditionelle Landwirtschaft nur auf eine Ernte pro Jahr kommt. Mit israelischer Technologie können die Bauern auf drei bis vier Ernten kommen. So hat man Pflanzen gezüchtet, die Hitze besser aushalten, auf jeweils spezielle klimatische Bedingungen und Bodenverhältnisse abgestimmt und auf das Wesentliche reduziert sind.

Es wurden Tomatensorten entwickelt, die weniger Blätter tragen, oder Getreidearten, die nicht mehr so hoch wachsen wie zuvor. Messgeräte kontrollieren die Bodenfeuchtigkeit. Der Wasserzufluss wird gesteuert, die Erträge steigen – vor allem bei Reis, aber auch im Obst- und Gemüseanbau. Ein weiteres Förderungsziel ist die Verbesserung der Gesundheitssituation. Fließendes Trinkwasser entlastet zudem Frauen und Kinder, die bislang für das Herbeischaffen des Wassers verantwortlich sind.

Fast alle Dürren sind menschengemacht

Durch die rasant steigenden Bevölkerungszahlen benötigen afrikanische Länder immer mehr Wasser. Die Grundwasserspiegel sinken, Flüsse trocknen aus, das Vieh verhungert und die Ernten verdorren. Hungerkatastrophen sind ebenso an der Tagesordnung wie politische Konflikte um Wasser. Afrikaner müssen in Zukunft mit weniger Wasser mehr leisten: die Ressourcen besser ausschöpfen. Aber noch gibt es viele Entscheidungsträger, die Handeln simulieren und das karge Leben ihrer Mitmenschen gar nicht kennen, das von Erniedrigung, Entbehrung und harter Arbeit gekennzeichnet ist. Eliten handeln eher im Eigeninteresse, statt das Gemeinwohl zu fördern. Das Geld aus Rohstoffen fließt nicht in die Strom- und Wasserversorgung, nicht in die Landwirtschaft, nicht in gute Straßen und saubere Städte, sondern in Waffen.

Der Autor

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Volker Seitz gehört zum Initiativ-Kreis des „Bonner Aufrufs“ zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, welches im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist.

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