Neue Maßzahlen, neue Einsichten: Der UN-Entwicklungsbericht 2014

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Ein Armenviertel in der peruanischen Hauptstadt Lima. © La-Liana / PIXELIO

Fast 1,5 Milliarden Menschen leiden dem aktuellen UN-Entwicklungsbericht zufolge unter akuter Armut. Die Untersuchung verzeichnet zwar einige positive Entwicklungen. Dennoch müsse weiter eine klare Agenda zur Armutsbekämpfung verfolgt werden, mahnt der Entwicklungsökonom Stephan Klasen.

Aktuelle Kolumne des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE)

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) hat seinen aktuellsten Bericht über die menschliche Entwicklung, den Human Development Report, veröffentlicht. Wie üblich enthält er auch die Indikatoren für menschliche Entwicklung, die genutzt werden, um Fortschritt zu messen und Länderranglisten zu erstellen. UNDP führt auch eine neue Maßzahl ein, den geschlechtsspezifischen Entwicklungsindex (GDI), und zeigt Trends beim Multidimensionalen Armutsindex (MPI) auf.

Abnehmende globale Ungleichheit bei menschlicher Entwicklung

Beim Aushängeschild HDI – der Index verbindet Lebenserwartung, Bildung und Pro-Kopf-Einkommen – wurden zwei kleine sinnvolle Veränderungen vorgenommen: Um die Vergleichbarkeit von HDI-Werten im Zeitverlauf sicherzustellen, wurden die Spannen erreichbarer Werte für die verschiedenen Dimensionen festgeschrieben und die Grenzwerte für die Kategorien niedrige, mittlere, hohe und sehr hohe menschliche Entwicklung festgelegt. Damit ist gewährleistet, dass Länder, die menschliche Entwicklung verbessern, aufsteigen können.

Dramatischer sind Veränderungen, die durch die Verwendung der Zahlen des International Comparison of Prices Program von 2011 entstehen. Diese Daten, die Einkommen und Preise weltweit vergleichbar machen, weisen viele Entwicklungsländer als viel reicher aus als ursprünglich gedacht. In der Folge schnellt der HDI für viele Entwicklungsländer nach oben, die Region Südasien schiebt sich von niedriger auf mittlere menschliche Entwicklung; China steigt um zehn Stufen und gehört nun zur Gruppe mit hoher menschlicher Entwicklung. Die Welt erscheint daher bei der menschlichen Entwicklung insgesamt sehr viel gleicher.

Neue Gender-Maßzahl mit überraschenden Ergebnissen

Das UNDP hat in den vergangenen 20 Jahren mit Maßzahlen zur Erfassung der Kluft zwischen den Geschlechtern experimentiert. 2010 wurde der Gender Inequality Index (GII) eingeführt. Der GII misst die Kosten der Kluft zwischen den Geschlechtern für die menschliche Entwicklung und betrachtet die Unterschiede bei Gesundheit, Empowerment und auf dem Arbeitsmarkt. Der Aufbau des Indexes ist hochkomplex, schwer zu interpretieren und nahezu unmöglich Entscheidungsträgern zu kommunizieren. Er wurde trotzdem erst einmal beibehalten. Aber das UNDP nahm eine neue Maßzahl auf, den geschlechtsspezifischen Entwicklungsindex. Es werden ein weiblicher und ein männlicher HDI errechnet; der GDI ist einfach das Verhältnis der beiden.

Es zeigt sich, dass in 16 Ländern der weibliche HDI tatsächlich höher als der männliche ist. In diesen Ländern überleben Frauen Männer um mehr als fünf Jahre und/ oder haben eine bessere Bildung als Männer, während ihre Einkommen nur wenig geringer als die der Männer sind. Der GDI spiegelt die zunehmende geschlechtsspezifische Heterogenität der Welt. Und er zeigt, dass Frauen in einigen Teilen der Welt Männer in verschiedenen Dimensionen der menschlichen Entwicklung überrundet haben. Hohe GDI-Werte können auch durch schlechte Werte bei Männern entstehen. Kaum verwunderlich erreichen die Transitionsländer beim GDI hohe Positionen, denn Männer haben eine um acht bis zehn Jahre geringere Lebenserwartung als Frauen, was häufig mit gesundheitsschädigendem Verhalten, Alkoholismus und Gewalt in Zusammenhang steht.

Interessanterweise wartet das UNDP beim GDI auch mit einem neuen Rangfolgen-Ansatz auf. Nicht das Land mit dem höheren GDI-Wert (Estland) steht an der Spitze, sondern das Land, das der absoluten Gleichheit am nächsten kommt: die Slowakei.

Am unteren Ende der Skala stehen Länder wie Afghanistan, Niger, Jemen und Pakistan. Hier klafft zwischen Männern und Frauen bei der menschlichen Entwicklung eine Lücke von 30 bis 40 Prozent.

Ein hohes, aber rückläufiges Niveau der multidimensionalen Armut

Seit 2010 veröffentlicht das UNDP den Multidimensionalen Armutsindex. Er berechnet den Anteil der Haushalte, die unter schwerem multidimensionalem Mangel leiden, darunter Gesundheit, Bildung und Zugang zur Grundversorgung. In diesem Jahr hat das UNDP einige Korrekturen beim MPI vorgenommen und damit begonnen, Trends der multidimensionalen Armut zu berechnen. Es hat auch versprochen, alle Daten zur Berechnung zu publizieren und damit dringend notwendige Transparenz zu schaffen.

Noch immer leiden fast 1,5 Milliarden Menschen unter akuter mehrdimensionaler Armut ; mehr als 1,2 Milliarden Menschen haben weniger als 1,25 Dollar pro Tag. Die gute Nachricht ist, dass in nahezu allen Ländern, zu denen Zeitreihen verfügbar sind, multidimensionale Armut rückläufig ist. Ruanda ist hier Spitzenreiter, es hat den Anteil der multidimensional Armen in nur fünf Jahren von 87 auf 71 Prozent verringert.

Die diesjährigen Zahlen im Bericht über die menschliche Entwicklung liefern ein gemischtes Bild vom Stand der menschlichen Entwicklung: die Ungleichheit bei der menschlichen Entwicklung zwischen Ländern geht zurück, die Kluft zwischen den Geschlechtern unterscheidet sich zwischen Regionen erheblich und die multidimensionale Armut ist gewaltig, aber rückläufig. Es gibt also noch viel zu tun, im Rahmen der Post-2015-Agenda dies anzugehen.

Der Autor

Stephan Klasen ist Professor für Entwicklungsökonomik an der Universität Göttingen. Sein Beitrag wurde beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) veröffentlicht. Das DIE mit Sitz in Bonn zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten und Think Tanks zur internationalen Entwicklungspolitik. Der Beitrag erschien in der Reihe „Die aktuelle Kolumne“.

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