Fairtrade – aber richtig: Wie die UN die SDGs fördern könnten

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Eine Kaffee-Plantage in Kolumbien südwestlicher Region Cauca. [CIAT/Flickr]

Trinkt Kaffee, Tee und Kakao – aber wirklich fair! Die Ziele für nachhaltige Entwicklung machen wenig Sinn, wenn die UN-Institutionen nicht vorbildhaft die SDGs unterstützen – und dabei auch sogenannte „Fairtrade“-Produkte hinterfragen, schreibt Fernando Morales-de la Cruz in einem offenen Brief an UN-Generalsekretär Ban Ki-moon.

Fernando Morales-de la Cruz ist Gründer von CAFÉ FOR CHANGE, einer Hilfsorganisation.

Sehr geehrter Herr Generalsekretär,

ich schreibe Ihnen mit der Bitte, die Vereinten Nationen mögen die Auswirkungen ihrer Belieferungskette gemäß der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) prüfen, die sie unterstützen und propagieren. Ich bitte Sie auch darum, jede Regierung und multilaterale Institution zu ermutigen, es Ihnen gleichzutun.

Jeglicher Bezug und Verbrauch von Gütern bei den Vereinten Nationen, der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds, der OECD, bei anderen multilateralen Institutionen und bei jeder Regierung sollte und muss vorbildlich sein. Er sollte im Einklang stehen mit den Grundsätzen der Armutsbeseitigung und der Verteidigung der Kinderrechtskonvention und der Rechte aller Menschen überall auf der Welt.

Aktuell tragen weniger als 0,01 US-Dollar pro Tasse Kaffee, Tee und Kakao, die das Personal der Vereinten Nationen in New York, Genf, Wien u.a. verbraucht, dazu bei, die Armut in den ländlichen Gebieten zu verringern, die diese Produkte erzeugen. Der shared value sogenannter „Fairtrade“-Produkte ist sowohl unwesentlich als auch inakzeptabel und hält die Menschen, die sie produzieren, in einer grausamen Form der „Armut light“.

Ich möchte Sie und die Vereinten Nationen ermutigen, die Errichtung des transparenten shared value-Systems WeShare zu unterstützen, um die Armutsbeseitigung voranzubringen und in den Gemeinden, die Kaffee, Tee und Kakao produzieren, eine ländliche Mittelschicht zu schaffen, die mit mindestens 10 Cent pro Tasse entlohnt wird.

Nachhaltigkeitsbericht zu SDGs: Reiche Länder lassen Verpflichtungen schleifen

2015 beschlossen die Staats- und Regierungschefs bei den UN die 2030-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Doch der Verpflichtung, auch die ärmsten Länder bei der Entwicklung zu unterstützen, kommen die reichen Länder oft nicht nach, zeigt ein Bericht.

Diese Summe beträgt mehr als das Dreißigfache dessen, was manche als „Fairtrade“ zu bezeichnen wagen. Eine Entlohnung von 10 Cent pro Tasse, die in entwickelten Ländern getrunken werden, könnte das Leben hunderter Millionen von Menschen, deren Auskommen direkt oder indirekt von der Produktion dieser drei Handelsgüter abhängt, drastisch verbessern.  Eine Entlohnung von 10 Cent pro Tasse könnte allen Bauern und Landarbeitern ein Existenzminimum, fließendes Wasser, Bildung, angemessene Gesundheitsversorgung und sogar eine Ernteausfall- und Sozialversicherung bieten.

Bedauerlicherweise liegt das Tagesgehalt hunderte Millionen Landarbeiter unter dem Preis für einen Becher Kaffee, Tee oder Kakao in New York oder Genf. Die Industrien in entwickelten Ländern, die diese Arbeiter beliefern, häufen hingegen jährlich Gewinne im zehnstelligen Milliarden-Dollar-Bereich an. Die Arbeit der Landarbeiter trägt auch zur Erwirtschaftung von Steuerreinnahmen im zehnstelligen Milliarden-Dollar-Bereich in entwickelten Ländern bei.

Sollten Sie persönlich sich als symbolische Geste dafür entscheiden, eine Entlohnung von 10 Cent pro Tasse Kaffee, Tee und Kakao mit den Erzeugergemeinden zu teilen, könnte dies zu einem Wendepunkt werden, der die neo-kolonialen und ausbeuterischen Geschäftsmodelle dieser und anderer Industrien transformiert. Die Zeiten erfordern eine Führung, die mit gutem Beispiel vorangeht. Wenn die Vereinten Nationen als Institution 10 Cent pro Tasse teilen, würde dies eine globale Debatte darüber in Gang setzen, dass wir dem Konsum von Produkten, die von missbräuchlichen Arbeitsverhältnissen und ausbeuterischen Geschäftsmodellen abhängen, ein Ende setzen müssen. Sie wissen sehr gut, dass 10 Cent pro Tasse ein unbedeutender Betrag sind im Vergleich mit dem durchschnittlichen Einkommen von UN-Mitarbeitern und allen Diplomaten.

Expertin für fairen Handel: "Das Label Fair Trade Town bringt auch viel Marketing"

Fairer Handel von lokalen Waren kann einer Kommune wirtschaftlichen Auftrieb geben, den Ärmsten ein besseres Einkommen bieten und eine Stadt attraktiver machen, meint die Brasilianerin Ana Asti. Das will sie nun beweisen – und ihre Heimatstadt Rio de Janeiro zum „Fair Trade Town“ machen.

Ich hoffe, Sie teilen meine Einschätzung, darüber, was die Welt braucht, um Ungleichheit und extreme Armut zu beenden und die Sustainable Development Goals zu erreichen und zu übertreffen:  keinen Glamour bei den UN oder Medienrummel, sondern ein transparentes shared value-System im Welthandel. Keine Tasse Kaffee, Tee oder Kakao, oder irgendein anderes Produkt, sollte als ethisch, nachhaltig oder fair betrachtet werden, ehe nicht alle Mädchen in den Erzeugergemeinden weiterführende Schulen besuchen können. Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein Mythos, solange nicht alle jungen Frauen Zugang zu Bildung haben.

Heute herrschen Hunger, Unterernährung und eine inakzeptabel hohe Kindersterblichkeit in den Ländern, die Kaffee, Tee und Kakao produzieren. Im Staat der Elfenbeinküste, dem weltweit größten Produzenten von Kakao, ist es für ein kleines Mädchen wahrscheinlicher, vor dem Erreichen des ersten Lebensjahrs zu sterben, als jemals einen weiterführenden Schulabschluss zu machen.

Ihr Mandat läuft in einigen Monaten ab, aber noch haben Sie die Möglichkeit, Vereinte Nationen als Erbe zu hinterlassen, die sich an den Auswirkungen seiner beispielhaften Handlungen messen lassen werden, und nicht an ihren vielen Sitzungen und mannigfaltigen Zielen.

Ich danke Ihnen  im Voraus dafür, dass Sie mein Anliegen berücksichtigen und freue mich auf Ihre 10 Cent pro Tasse Kaffee, Tee und Kakao.

Hochachtungsvoll,

Fernando Morales-de la Cruz

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