Deutschlands Sicherheit ist verknüpft mit der Afrikas

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Warum sollte es die Menschen in Deutschland kümmern was mit Menschen passiert, die an einem so weit entfernten Ort leben? [AFP PHOTO / STR (Archiv)]

Wenn am Ende dieser Woche die Delegierten für den Sondergipfel für Nordnigeria und die Tschadseeregion in Oslo zusammenkommen, stellt sich die Frage: Warum sollte es die Menschen in Deutschland kümmern was mit Menschen passiert, die an einem so weit entfernten Ort leben?

Moralische Gründe mal beiseite, darum sollte es sie kümmern: Die betroffene Region ist auf tragische Art und Weise befallen von Krankheiten, die Menschenleben hinwegraffen, und krankhaften Ideologien, die dazu führen, dass Menschen grausame Attentate verüben. Krankheiten wie Ebola, Malaria und Zika befallen Mangelernährte, Terrororganisationen wie Boko Haram oder der Islamische Staat stürzen sich auf die Schwachen der Gesellschaft, denen es an grundlegender Bildung oder Perspektiven fehlt.

Viele von uns mögen diese weit entfernten Probleme nicht interessieren. Sie interessieren sich aber für uns.

Dies war die eindrückliche und düstere Botschaft von ONE-Mitbegründer Bono und Bill Gates auf der Münchner Sicherheitskonferenz letzte Woche, die nun auch in den Osloer Sondergipfel getragen muss.

Ein Insektenbiss und eine Boko-Haram-Kugel mögen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, aber sie können dieselbe tödliche Wirkung in den in fragilen Regionen dieser Welt haben.

Der Staat Borno in Nordost-Nigeria befindet sich im Epizentrum dieser Herausforderungen und der „drei Extreme“: extreme Armut, extremes Klima und extreme Ideologie.

Dieses Trio hat bereits Millionen von Häusern und Tausende Schulen zerstört, Kliniken geschlossen, Straßen, Brücken und Bauernhöfe dem Erdboden gleichgemacht und es ist verantwortlich für die Vertreibung von 2,5 Millionen Menschen. Der Verlust dieser lebenswichtigen Infrastruktur und die Vertreibung bedeutet, dass die Betroffenen vom Hungertod bedroht sind.

Bereits vor der Gewaltspirale zwischen Boko Haram und dem bewaffneten Widerstand haben Jahrzehnte der Nichtbeachtung und ausufernde Korruption zu einer Verarmung der Bevölkerung beigetragen.

Hoffnungslosigkeit, Unzufriedenheit und Frustration haben sich immer weiter ausgebreitet, insbesondere bei jungen Männern.

Es gibt keine bessere Rekrutierungskampagne für gewaltbereite Extremisten als verarmte Gemeinden und korrupte Eliten.

So konnte Boko Haram seine Reihen mit jungen verzweifelten Männern füllen. Das Aufkommen der Terroristen hat uns im Bemühen um Stabilität und Entwicklung weiter zurückgeworfen. Wir können und müssen das Ruder nun herum reißen.

Als ich vor einigen Monaten in Borno war, traf ich die 20-jährige Amina, Mutter von sechs Kindern, die ihren Ehemann an Boko Haram verloren hatte.

Wenn Amina Hilfe braucht, an wen wird sie sich wenden? Wird sie sich an uns wenden, die wir mit der lokalen Zivilgesellschaft und Regierenden, die verantwortlich handeln, zusammenarbeiten? Wir, die wir Stabilität versprechen? Oder überlassen wir das Feld Boko Haram und deren Botschaft des gewaltsamen Extremismus?

Das ist die nüchterne Entscheidung, vor der wir stehen. Wenn Nigeria scheitert, scheitert Afrika. Wenn Afrika scheitert, wird Europa das bewältigen können? Wir haben gesehen, welche Folgen der Bürgerkrieg in Syrien hat. In Nigeria und der Sahelzone leben 30mal so viele Menschen wie in Syrien. Die hohe Zahl an Geflücheten stellt Europa bereits vor große Herausforderungen. Aber wenn wir jetzt nicht handeln, wird es ein Kinderspiel für Extremisten sein, ihre Reihen weiter aufzufüllen.

Die Bevölkerung in der Tschadseeregion wird sich innerhalb der nächsten Jahrzehnte verdoppeln. Afrikas Bevölkerung insgesamt wird sich bis 2050 von 1,2 auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Statt die Not zu verschärfen und die Stabilität weiter zu gefährden, sollte dieser Bevölkerungsboom als Chance für die Region und die Welt genutzt werden.

Ökonomen sprechen hier von einer sogenannten demografischen Dividende – ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum bedingt durch einen größeren Bevölkerungsanteil von Menschen im erwerbsfähigen Alter, die zum Wirtschaftswachstum beitragen können.

Um diese Dividende nutzen zu können, bedarf es allerdings Investitionen in Bildung, Beschäftigung und Beteiligung. Regionen wie Nordost-Nigeria mangelt es momentan genau hieran. Millionen Kinder haben keinen Zugang zu Bildung, die meisten davon Mädchen.

Bildung wird Aminas Kindern nicht nur lebenslang Perspektiven bieten, sie schützt sie auch davor, dem Sirenenklang Boko Harams zu verfallen. Sie in die Schule zu schicken, wäre ein starkes Signal der globalen Bekämpfung von Terrorismus. Erinnern wir uns: Boko Haram bedeutet übersetzt so viel wie „Westliche Bildung ist Sünde“.

Bildung allein ist allerdings nicht ausreichend. Sie muss einhergehen mit der Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten und verstärkter Bürgerbeteiligung. Es braucht Koordination zwischen der Wirtschaft der Regierung und der Bürger mit einem rechenschaftspflichtigen Sicherheitsapparat.

Der Privatsektor muss zu Investitionen in die Infrastruktur angeregt werden.

Die dringend benötigte grundlegende Gesundheits- und Ernährungsversorgung muss verbessert werden. Wichtig ist ebenfalls, dass lokale zivilgesellschaftliche Organisationen gestärkt werden, damit sie Rechenschaft von denjenigen einfordern können, die ihnen Verbesserungen in Aussicht gestellt haben.

Wir müssen Anti-Korruptions-Gesetze voranbringen wie jene, die Informationen über die wirtschaftlich Berechtigten hinter Scheinfirmen und Konzernen einfordern und diese Daten öffentlich einsehbar machen.

Das hilft sowohl lokalen als auch globalen Anti-Korruptions-Aktivisten, dem Geldfluss durch die Systeme zu folgen. Damit kann sichergestellt werden, dass Entwicklungshilfe und vor Ort erhobene Steuern tatsächlich für lebensrettende Gesundheitsmaßnahmen, Ernährung und Bildungsangebote aufgewendet werden.

All diese Maßnahmen werden Geld kosten. Allerdings wird es zig Milliarden Euro mehr sowie Millionen Menschenleben kosten und es wird weltweite Sicherheitsbedrohungen erhöhen, diese Investitionen nicht zu tätigen. Daher müssen die Delegierten in Oslo ihren gesamten Einfluss nutzen, um einen Vertrag, einen „Compact“, abzuschließen, der sowohl kurzfristige humanitäre Nothilfe garantiert als auch langfristige Entwicklungsinvestitionen. Werden der Tschadseeregion diese Mittel verwehrt, wird sich die Welt mit einer weitaus schlimmeren humanitären Katastrophe und einer verschärften Sicherheitslage auseinandersetzen müssen als der heutigen.

Amina lebt an der Frontlinie von Menschlichkeit und Grausamkeit. Wir müssen sie als Partner darin unterstützen, ihre Kinder großzuziehen. Ansonsten müssen wir es akzeptieren, dass diese Frontlinie sich immer weiter in unsere Wichtung verschiebt, egal ob wir in Berlin oder Lagos wohnen.

Jamie Drummond ist ONE-Mitbegründer.

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