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23/01/2017

Welthungerhilfe im Krisenmodus: „Wir sind da, wo die Politik versagt“

Entwicklungspolitik

Welthungerhilfe im Krisenmodus: „Wir sind da, wo die Politik versagt“

Im Südsudan befinden sich seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs Ende 2013 mehr als zwei Millionen Menschen auf der Flucht.

[Rosenthal/Welthungerhilfe]

Kriege in Syrien, dem Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik stellen NGOs der klassischen Entwicklungszusammenarbeit vor neue Herausforderungen. Die deutsche Welthungerhilfe beklagt das Versagen der Politik und greift zu unkonventionellen Maßnahmen.

Die deutsche Welthungerhilfe operiert im Krisenmodus: Weltweit nimmt die Intensität bewaffneter Konflikte zu, Der Kampf gegen Hunger findet unter immer erschwerteren Bedingungen statt.

„Die Zahl der Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, hat im letzten Jahr einen traurigen Rekord erreicht“, erklärt Welthungerhilfe-Präsidentin Bärbel Dieckmann am Dienstag bei der Vorstellung des Jahresberichtes 2014 in Berlin. „Wir müssen immer stärker dort einspringen, wo die Politik versagt hat.“

Die Welthungerhilfe hat ihr Engagement im vorigen Jahr deutlich ausgeweitet, die meisten Hilfsgelder flossen dabei in Länder wie Syrien, den Südsudan oder die Zentralafrikanische Republik – dort wo Bürgerkriege verheerende Hungerkatastophen mit sich bringen.

Insgesamt stiegen die finanziellen Aufwendungen für Auslandsprojekte von rund 140 Millionen Euro im Jahr 2013 auf mehr als 180 Millionen Euro. Der Großteil des Geldes stammt von öffentlichen Gebern, darunter das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Latenter Notstand in Syrien

Syrien ist erstmals das Land mit der höchsten Projektförderung. „Die Zustände in Syrien sind mit den Trümmerbergen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen“, erklärt Dieckmann. Allein die Türkei habe bereits zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen – die Hälfte von ihnen sei unter 18 Jahre alt.

Die Welthungerhilfe habe die Flüchtlinge in der Türkei und in Nordirak mit Nahrungsmitteln, Hilfspaketen für den kalten Winter, Öfen, Zelten sowie Gebäudeisolationen untersützt, so Dieckmann.

In Syrien selbst könne die Welthungerhilfe nicht mehr eigenständig agieren und auch nicht mit anderen internationalen Helfern zusammenarbeiten – zu gefährlich sei die Lage in dem Land. Stattdessen koordiniere die Hilfsorganisation ihre Arbeit von der Türkei aus in enger Kooperation mit syrischen NGOs, so unterstützt sie etwa elf provisorische Schulen in Aleppo.

„Die Herausforderungen in Syrien sind im Vergleich zu den Vorjahren wegen der fragilen Sicherheitslage noch einmal schwieriger geworden. Wir wissen manchnal nicht genau, in welche Hände unsere Hilfsgüter geraten“, beklagt Dieckmann. „Die Katastrophe in Syrien wird uns noch Jahre begleiten“.

„Überlebenshilfe“ im Südsudan

Auch die Opfer anderer bewaffneter Auseinandersetzungen wie im Südsudan oder in der Zentralafrikanischen Republik erhielten massive Unterstützung durch die Welthungerhilfe. „Es gibt weltweit immer mehr Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen müssen und ihre Existenzgrundlage verlieren“, sagt Dieckmann. Die Welthungerhilfe leiste vielerorts „Überlebenshilfe“.

Kämpfe im Südsudan haben seit Dezember 2013 insgesamt 2,1 Millionen Menschen in die Flucht getrieben, davon etwa 550.000 in die Nachbarländer. Derzeit sind etwa 650.000 Flüchtlinge ohne jede humanitäre Unterstützung, weil Hilfsorganisationen zum Rückzug gezwungen wurden.

Schnelle Mobilisierung durch Krisenreaktionsstab

Die Welthungerhilfe sucht wie andere NGOs der klassischen Entwicklungszusammenarbeit nach neuen Antworten auf die vermehrten Konflitkherde auf der Welt. Zwar fuße ihre Arbeit weiterhin auf die langfristig angelegte Entwicklungszusammenarbeit. Doch zunehmend wende die Welthungerhilfe sich der humanitären Nothilfe zu, erklärt Till Wahnbaeck, Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe.

In Reaktion auf die immer gewalttätigeren kriegerischen Konflikte auf der Welt hat die Welthungerhilfe im vergangenen Jahr einen eigenen Krisenreaktionsstab eingerichtet. „Wir haben eine neue Truppe ins Leben gerufen, die nichts anderes macht, als sich auf Krisen vorzubereiten. Das ist ein Mobilisierungswerkzeug, das uns ermöglicht, umgehend auf aktuelle Konflikte zu reagieren und einzugreifen“, so Wahnbaeck.

Auch in der öffentlichen Darstellung positioniert sich die Welthungerhilfe laut Wahnbaeck zunehmend als schneller Helfer in der Not. Und das sei bitter nötig: Hungersnöte stünden in den Ländern, in denen bewaffnete Konflikte herrschen, an der Tagesordnung. „Wer mir vor vier Jahren erzählt hätte, dass wir heute Hunger in Syrien bekämpfen müssen, dem hätte ich nicht geglaubt“, erklärt Bärbel Dieckmann.

Auch andere Organisationen im Krisenmodus

Bereits vor Monaten beklagte die Kinderhilfsorganisation World Vision angesichts der vielen Konflikte in der Welt, sich in einem permanenten Krisenmodus zu befinden. Von der Bundesregierung und der EU forderte sie einen Paradigmen-Wechsel im Bereich der Friedenspolitik. Das Thema Frieden wird voraussichtlich auch in den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) unter Ziel 16 aufgenommen werden.

„Wir mu?ssen in Deutschland, Europa, aber auch international den Fokus auf konsequente Friedensfo?rderung setzen“, erklärte Ekkehard Forberg von World Vision. „Konflikte mu?ssen in einem fru?hen Stadium erkannt werden und bereits zu diesem Zeitpunkt sollten Mediatoren und Experten entsandt werden, die zwischen den Konfliktparteien vermitteln ko?nnen. Friedenspolitik braucht einen vorausschauenden Ansatz.“

World Vision fordert auch mehr Geld fu?r pra?ventive Maßnahmen. Recherchen hätten gezeigt, dass Investitionen in pra?ventive Maßnahmen zur Konfliktvermeidung mehr als 60 mal billiger sind, als Interventionen nach einem Konflikt, so die Hilfsorganisation.

Entwicklungs-Erfolge durch „Good Governance“

Neben etlichen Schreckensmeldungen stecken in dem Jahresbericht der Welthungerhilfe auch positive Nachrichten. „In ganzen Regionen geht es aufwärts“, sagt Bärbel Dieckmann. „In allen Ländern Lateinamerika hat es in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung gegeben, unterstützt durch intelligente staatliche Sozialprogramme, wie etwa in Bolivien. Auch asiatische Länder wie Malaysia, Vietnam und Sri Lanka haben riesige Schritte nach vorne gemacht.“

Weniger rosig sehe es hingegen in Subsahara-Afrika aus, dort hätten Bürgerkriege und Dürrekatastrophen Länder wie Mali, Südsudan und Simbabwe meilenweit zurückgeworfen, so Dieckmann.

In der Regel gehe es gerade solchen Ländern gut, wo eine gute Regierungsführung und stabilen politischen Rahmenbedingungen herrschten, sagt die Welthungerhilfe-Chefin. „Wir als Hilfsorganisation müssen uns eingestehen, dass wir Konflikte nicht lösen können, am Ende ist die Politik gefragt.“

Hintergrund

Laut dem aktuellen Global Peace Index des Institute for Economics and Peace hat die Intensität bewaffneter Konflikte dramatisch zugenommen, mit einer 3,5-fachen Erhöhung der Anzahl an Todesopfern in Konflikten weltweit, von 49.000 im Jahr 2010 auf 180.000 im Jahr 2014.

Mit Blick auf solche Zahlen fordern Experten eine stärkere Verzahnung der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe. Die EU beteuert, sich dieser Forderung anzunehmen. Seit 2010 gibt es jedoch zwei getrennte Abteilungen in der EU-Kommission. Christos Stylianides ist EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz. Ihm untertseht das Europäische Amt für humanitäre Hilfe (ECHO). Neven Mimica ist EU-Entwicklungskommissar, er ist verantwortlich für die Generaldirektion Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung (DG DEVCO).

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