Welthunger-Index: Zwei Milliarden Menschen leiden an „verborgenem Hunger“

Foto: CIAT (CC BY-SA 2.0)

Noch immer hungern 805 Millionen Menschen weltweit. Mehr als doppelt so viele – zwei Milliarden Menschen – sind vom sogenannten „verborgenen Hunger“ betroffen.

Die Zahl der Hungernden weltweit sinkt nicht so schnell wie erhofft. Das geht aus dem heute veröffentlichten Welthunger-Index hervor. Er zeigt, dass bei der globalen Hungerbekämpfung seit 1990 Fortschritte erzielt werden konnten, jedoch angesichts sehr ernster oder gar gravierender Hungerwerte in 16 Ländern noch immer großer Handlungsbedarf besteht.

„Konflikte wie in Syrien, dem Irak oder dem Südsudan gefährden auch die Ernährungssituation in den jeweiligen Ländern“, sagt Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe. „Flüchtlinge sind einer erhöhten Gefahr von Nahrungsunsicherheit, Mangelernährung und Krankheiten ausgesetzt.“

Drei der vier La?nder, in denen sich der WHI seit 1990 verschlechtert hat, liegen in Afrika: Swasiland, die Komoren und Burundi. In Swasiland wurde die Nahrungssicherheit durch die HIV/AIDS-Epidemie, hohe Einkommensungleichheit und Arbeitslosigkeit sowie wiederholte Du?rre stark beeintra?chtigt. Die HIV-Infektionsrate bei Erwachsenen wurde in Swasiland fu?r das Jahr 2012 auf 26,5 Prozent gescha?tzt und war damit die weltweit ho?chste. Der Anteil untererna?hrter Menschen hat sich seit dem Zeitraum 2004 bis 2006 mehr als verdoppelt. Die Lebenserwartung ist seit 1990 um zehn Jahre gesunken und betrug 2012 nur 49 Jahre, trotz einer leichten Erho?hung in den letzten Jahren.

Auf den Komoren ist die seit 1990 verschlechterte Hungersituation auf einen lang anhaltenden Konflikt und politische Instabilita?t zuru?ckzufu?hren. Nachdem sich die Hungersituation in Burundi bis 2005 stetig verschlechtert hatte, gab es danach eine Verbesserung. Nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Niedergangs findet das Land seit 2003 langsam zu Frieden und politischer Stabilita?t zuru?ck. Anhaltende Nahrungsunsicherheit, eine enorme Armutsrate, hohe Inflation und ein schwaches Bildungssystem stellen die ku?nftige Entwicklung des Landes jedoch vor große Herausforderungen.

Der Irak verzeichnet im diesjährigen Welthunger-Index das zweitschlechteste Ergebnis von allen Ländern. Andauernde Gewalt, die große Zahl von Binnenvertriebenen und der Zustrom von Flüchtlingen aus Syrien sowie die seit Jahren immer schlechter werdende Grundversorgung verschärfen diese Belastung. Der Anteil unterernährter Menschen hat sich seit 1990 im Irak mehr als verdoppelt.

Der Schwerpunkt des diesjährigen Berichts liegt auf einem Aspekt des Hungers, der ha?ufig u?bersehen wird: dem verborgenen Hunger.  Zwei Milliarden Menschen hungern weltweit unerkannt, weil sie zu wenig Vitamine und Spurenelemente zu sich nehmen. Diese Form der Fehlernährung wird als verborgener Hunger bezeichnet. Verborgen, denn auch Menschen, die sich kalorienreich ernähren, kann es an Mikronährstoffen mangeln. Vor allem Kinder leiden an den Folgen einer Unterversorgung mit Nahrungsenergie, Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen.

Große Teile von Afrika su?dlich der Sahara und des su?dasiatischen Subkontinents sind besonders stark von verborgenem Hunger betroffen. In Lateinamerika und der Karibik dagegen sind die Werte relativ gering, zum Teil weil dort die Erna?hrung vielfa?ltiger ist und seltener nur auf einzelnen Grundnahrungsmitteln basiert. Um verborgenen Hunger nachhaltig zu beka?mpfen, ist ein sektoru?bergreifender Ansatz erforderlich, heißt es im Welthunger-Index. Dieser müsse Maßnahmen in den Bereichen Landwirtschaft, Gesundheit, Wasser und sanita?re Anlagen, soziale Sicherung, Bildung und Empowerment von Frauen umfassen.

Der Bericht zeigt auch, dass der Hunger-Index in den Entwicklungsländern insgesamt seit 1990 um 39 Prozent zuru?ckgegangen ist. 26 Länder konnten ihren WHI-Wert um die Hälfte oder mehr reduzieren; darunter Angola, Benin, Brasilien, Ghana, Kambodscha, Mali, Thailand, Peru und Vietnam. Dieser Fortschritt sei dem Bericht zufolge vor allem auf einen Ru?ckgang von Untergewicht bei Kindern unter fu?nf Jahren und beim Anteil der Untererna?hrten an der Bevo?lkerung zuru?ckzufu?hren.

„Der Kampf gegen Hunger und Mangelernährung muss im 21. Jahrhundert mit aller Konsequenz vorangetrieben werden. Ein Ende dieser Dimension menschlichen Leidens schafft Möglichkeiten für Millionen von Menschen ein gesundes und erfülltes Leben zu führen,“ sagt Klaus von Grebmer, Forscher am International Food Policy Research Institute (IFPRI).

Der Welthunger-Index erscheint 2014 zum neunten Mal. Der gemeinsame Bericht von der Welthungerhilfe, dem Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) und der irischen Nichtregierungsorganisation Concern Worldwide zeigt die Entwicklung der Hungersituation auf globaler, regionaler und nationaler Ebene und untersucht die Gründe für negative und positive Entwicklungen.

Im Rahmen der „Woche der Welthungerhilfe“ vom 12. bis zum 19. Oktober 2014 ruft die Welthungerhilfe dazu auf, sich für eine Welt ohne Hunger und Armut stark zu machen. „Mit einer eigenen Spendenaktion kann jeder dazu beitragen, die Welt ein Stück gerechter zu machen“, erklärt Dieckmann. „Die Welt muss in Zeiten solcher Krisen stärker zusammenrücken. Es braucht mehr denn je unsere Solidarität, um im Kampf gegen den Hunger Erfolge zu erzielen.“

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